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"The Virgin Suicides" - Sofia Coppolas beeindruckendes Filmdebüt.
MICHAEL STADLER
Vorstadtidylle pur: grüne Gärten, erfrischende Ruhe und blauer Himmel. Eine nur wenige Sekunden währende Einstiegssequenz genügt Sofia Coppola, die Betrachter in das Milieu ihres Streifens "The Virgin Suicides" einzuführen. Vorsicht ist allerdings geboten. Von Alfred Hitchcock bis David Lynch haben zahllose Regisseure das Filmpublikum gelehrt, dem schönen Schein einer heilen (amerikanischen) Welt zu misstrauen. Wie berechtigt dieses Misstrauen ist, führt Coppola mit einem harten Schnitt vor Augen: vom grünen Rasen vor dem Haus direkt ins Badezimmer im Inneren, wo ein junges Mädchen mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne liegt. Das Regiedebüt von Sofia Coppola, der Tochter des Filmemachers Francis Ford Coppola ("Der Pate", "Apocalypse Now"), vermag zu fesseln. Die Spannung bricht nicht, obwohl der Zuschauer von Anfang an weiß, wie die Geschichte endet. 90 Filmminuten später werden alle fünf Lisbon-Töchter tot sein.
Die rätselhaften Selbstmorde beleuchtet der Film, der auf einem Roman von Jeffrey Eugenides basiert, aus der Distanz von mehr als einem Jahrzehnt und der Perspektive von fünf Männern, die damals als Buben in die Schwestern verknallt waren. Es blieb bei pubertärer Schwärmerei, denn Mr. und Mrs. Lisbon schirmten ihre fünf Töchter ziemlich konsequent von der Außenwelt ab. Lediglich nach dem ersten, gescheiterten Suizidversuch des jüngsten Kindes öffnete sich der "goldene Käfig" auf Anraten des behandelnden Psychologen für einige wenige Wochen. Nachdem jedoch die 14-jährige Lux vom High-School-Ball erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen war, schlossen sich für die Lisbon-Töchter die familiären Gefängnistore für immer. Die Stärke von "Virgin Suicides" liegt darin, dass der Streifen nichts erklärt. Er nähert sich dem Unerklärlichen mit einer Vielzahl Fragen an, die allesamt unbeantwortet bleiben. Nichts erfährt man über die Motive der religiös fanatischen Mrs. Lisbon - eindrucksvoll dargestellt von Kathleen Turner -, nichts über die Gedanken des in Anbetracht der menschlichen Katastrophe völlig lethargisch agierenden Mr. Lisbon (James Woods). Die Wünsche, Sehnsüchte und Träume der fünf Mädchen lassen sich nur durch die Interpretation ihrer Körpersprache erahnen.
Der Kinobesucher bleibt Außenstehender, bis zum bitteren Ende, das mit überraschender Leichtigkeit inszeniert ist. Keine Spur von Schwermut, Traurigkeit oder Pathos - so nahe lässt einen der Film gar nicht an seine Protagonisten im "goldenen Käfig" heran.
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