|
Baz Luhrmanns "Moulin Rouge" mit Nicole Kidman und Ewan McGregor.
REINHARD KRIECHBAUM
Wenn die Kamera über die Dächer des nächtlichen Paris streicht, dann ist im Moment unklar, ob man sich nicht womöglich im Genre geirrt hat: Ein Zeichentrickfilm? Assoziationen zu den "Aristocats" sind nicht abwegig. Doch jäh fallen die Windrad-Flügel des "Moulin Rouge" wie Hackbeile in die Kameraperspektive und wir finden uns in einer grellbunten Ausstattungsrevue. Aber genau um diese unvermittelten Schnitte geht es ja.
Das stilistische Hin und Her macht schließlich den Reiz von "Moulin Rouge" aus: Da wird querfeldein zitiert und parodiert. Melodramatischer Ernst wird noch in der gleichen Sekunde hinübergedreht in Blödelei. Und eine heftige Mordszene wendet sich unter der Hand zum skurrilen Slapstick, zu einer atemlosen Verfolgungsszene zwischen Schnürboden und Parkett, in der ein Revolver mehrmals in weitem Bogen durch die Lüfte fliegt und immer gerade eine Handbreit außerhalb der Greifweite des Schurken zu liegen kommt.
Die Geschichte ist alt, uralt. Schlag nach bei Alexandre Dumas. Die "Kameliendame" (oder wenn man will: "La Traviata") heißt diesmal Satine: ein ätherisches Geschöpf, Star einer Showtruppe. Wie sie hustet, muss sie Tbc haben.
Ein junger Dichter kommt aus dem kühlen London ins sündhafthitzige Paris der Jahrhundertwende. Natürlich hält es ihn nicht lange in seiner Dachmansarde, wo doch das "Moulin Roge" genau im Blickfeld liegt. Und natürlich landet gerade er im Bett von Satine.
Die Kurtisane hätte eigentlich einen ganz anderen erwartet: den "Duke". Er lässt viel Geld springen für ein neues Stück und er wird Hauptdarstellerin Satine zum Schauspielstar pushen - liebesdienerische Gegenleistung versteht sich von selbst.
Aber da sind Satine und der junge Dichterling schon über beide Ohren ineinander verliebt. Der Sponsor sieht seine Felle davonschwimmen. Ziedler, der Impresario, glaubt die Existenz seines Unternehmens gefährdet und bewegt Satine zum Verzicht auf den Geliebten - aber was Liebe ist, findet zuletzt ja doch zusammen.
Der letzte Huster der - wir wissen es seit Beginn des Films - schwindsüchtigen Satine ist nah, aber vor den Unhappy End in den Armen des Richtigen dreht der Falsche durch und ordnet die Beseitigung des Nebenbuhlers an. Wie die Sache ausgeht, ist ohnedies klar.
Die Geschichte trägt sich in jeder Verkleidung, und sei's eine wagemutige Kreuzung aus Zeichentrick-Ästhetik und Musikfilm-Glamour aus der Zwischenkriegszeit. Es ist natürlich immer nur beinahe eines von beiden. In Wirklichkeit ist "Moulin Rouge" ein so listiges wie unterhaltsames Spiel mit Anklängen an alles und jedes. "Lady Marmelade", der von Christina Aguilera gespendete Titelsong, ist auch nur eine Facette - Teil einer musikalischen Querfeldein-Mixtur, die als Ganzes zum Potpourri der Sonderklasse wird.
Regisseur Baz Luhrmann hat nicht gekleckert, sondern ordentlich geklotzt - aber gerade hinter der tollkühnen Mischung aus Kitsch und Glamour zeigt sich ein durchaus faszinierender Erzählrhythmus. Da ist nichts beiläufig zusammengeschnitten, sondern jede Szene findet ihre Brechung: die fällt einmal deftig, dann wieder ironisch aus, einmal wird sie getragen von vordergründigem Klamauk und dann wieder von verschmitztem Witz: Jedenfalls wird das, was als scheinbares Ungetüm jenseits des guten Geschmacks daherkommt, zur postmodernen Offenbachiade und hat plötzlich - Stil!
Nicole Kidman als Satine: die blasse Unnahbarkeit mit sagenhaft erotischer Ausstrahlung. So clean wirkt diese Kurtesane, dass man ihr beständig die Daumen halten möchte, Jungfrau zu bleiben. Auch nach vielen Dienstjahren wirkt sie so, als habe sie sich extra für Ewan McGregor aufgespart.
Er spielt nicht minder glaubwürdig das Londoner Milchgesicht, das im Spiegel des reichlich genossenen grünen Verführungstranks Absinth allmählich das Multicolor des Montmartre annimmt.
|