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Der Waisenknabe Harry Potter zieht seine Fans auch im Kino in seinen Bann. Ein Film zum Lachen und zum Fürchten und zum Zittern um den kleinen Magier.
VIKTOR HERMANN
Wäre es nach Oliver gegangen, dann hätte der Film "Harry Potter und der Stein der Weisen" mindestens sieben Stunden gedauert. Oliver ist knapp 14 und hat alle bisher erschienenen Harry-Potter-Bücher gelesen. Jedes von ihnen zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Die Personen, Handlungen, Abläufe im ersten Band sind sozusagen auf Knopfdruck abrufbar; Harrys Gedanken und Gefühle sind xmal durchgespielt und mitgelitten. Also kein Wunder, dass jede für den Film nötige Verkürzung gnadenlos aufgedeckt und kritisiert wird.
Kind sein ist gar nicht einfach
Allein schon die Schilderung des Lebens bei seinen Verwandten, den widerlichen Dursleys, gäbe Material für einen einstündigen Film her. Darin könnte man noch viel deutlicher dieses Gefühl vieler Jugendlicher vermitteln, sie seien machtlos. So wie der Roman die Unterdrückung des Buben durch Erwachsene zeigt, die Zensur und Verletzung des Postgeheimnisses, das erwachsene Unverständnis für die Welt der Kinder. Bis zu seinem elften Geburtstag weiß Harry nichts von seinen Zauberkräften und seiner Herkunft. Unter anderem deshalb, weil sein Onkel Briefe an Harry allesamt verbrennt.
Die Rettung durch den Riesen
Doch schließlich tritt der Riese Hagrid auf, schüchtert die böse Verwandtschaft ein, überbringt die Einladung der Hogwarts-Schule für Zauberkunst und Hexerei und nimmt Harry gleich mit nach London, um in der Winkelgasse, in einer magischen Parallelwelt, die nötigen Schulartikel einzukaufen. Welch ein Segen, dass die Kunst der Trickproduzenten mittlerweile mit magischen Standards mithalten kann. Wie ein roter Faden zieht sich durch den ganzen Film eine Leichtigkeit im Umgang mit dem Unmöglichen. Da fliegen Besen mit darauf sitzenden Schülern, da wandelt sich eine Ziegelmauer vor staunendem Publikum zu einer schwingenden Tür, da wird aus einer Katze im Sprung die Professorin McGonagall - so natürlich, als gäbe es das alles wirklich, als wäre es nicht in der Hexenküche der Computerchips entstanden.
Das Schloss, in dem Hogwarts untergebracht ist, tut das seine, um den Zuschauer zu verzaubern. Die Damen und Herren auf den Bildern an der Wand bleiben nicht bewegungslos, sie lächeln den Schülern zu und öffnen ihnen Türen. Schlossgeister wie der beinahe kopflose Nick tragen zur Unterhaltung bei, ein Bergtroll sorgt für dramatische Gefahr und die erste Gelegenheit für Harry Potter, Mut auch ohne Magie zu beweisen. Es gibt in Hogwarts, wie an jeder anderen echten Schule, sympathische und freundliche Lehrer, skurrile Typen, den ungerechten, unsympathischen Kerl. Und da kommt der schüchterne, stotternde Lehrer vor, über den jeder lacht, mit dem man eigentlich Mitleid haben müsste - doch halt, gerade der entpuppt sich am Schluss als der Oberbösewicht.
Ein besonderer Genuss ist der Sport in Hogwarts. Quiddich ist ein Ballspiel für zwei Mannschaften zu je sieben Spielern. Die Regeln sind so kompliziert wie die von Rugby und Crickett, das Spiel ist hart und gefährlich, obwohl "schon viele Jahre kein Spieler mehr umgekommen" ist, und es wird hoch in der Luft auf fliegenden Besen gespielt. Zauberschach wird auch gespielt, mit Figuren, die man nicht führen muss, weil sie sich auf Zuruf selbst bewegen. Und hier heißt "schlagen" wirklich schlagen: die geschlagene Figur ist hinterher kaputt.
Auch Muggels werden verzaubert
Das Schuljahr schreitet fort, Schularbeiten, Streiche, Strafen wechseln einander ab. Am Schluss steht die Konfrontation Harry Potters mit jenem Zauberer, der sich der schwarzen Magie verschrieben hat, dem Mörder von Harrys Eltern: Lord Voldemort. Den Sieg trägt natürlich das Gute davon, braucht dazu aber eine Menge an Mut, Freundschaft, Zuverlässigkeit, Treue und Schläue. Hier treffen sich die Bedürfnisse in den Welten der Zauberer und der Muggels.
Diese Muggels sind die nichtmagischen Menschen, die von Zauberei nichts wissen und nichts verstehen. Natürlich stellen die Muggels in unserer Gesellschaft die überwiegende Mehrheit. Doch tragen die Bücher der Joanne K. Rowling und der erste Film über Harry Potter dazu bei, dass immer mehr Muggels zumindestens verzaubert sind. Und verzaubert zu werden, ist schon ein Einstieg in die Welt der Magier und Zaubertränke, der fliegenden Besen und der sprechenden Wandgemälde.
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