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Sergi Lopez als psychopathischer Mörder in Dominik Molls Streifen "Harry meint es gut mit dir".
MICHAEL STADLER
Soll man Menschen, die es gut mit einem meinen, prinzipiell misstrauen? Dominik Molls Streifen "Harry, un ami qui vous veut du bien" legt dem Kinopublikum diese Verhaltensweise nahe. Dabei beginnt alles ganz harmlos. In der Herrentoilette einer Autobahnraststätte wird Michel (Laurent Lucas) von einem Unbekannten angesprochen, der sich als ehemaliger Schulkamerad ausgibt und sich sichtlich über das Wiedersehen freut. Die Freude ist jedoch eher einseitig. Michel kann sich an den merkwürdigen Typen, mit dem er vor 15 Jahren ins Gymnasium gegangen sein soll, nicht mehr erinnern und versucht, ihn möglichst rasch abzuwimmeln. Aufgrund von Michels Inkonsequenz und Harrys Hartnäckigkeit misslingt das Unterfangen. Am Abend sitzen Michel, seine Frau Claire (Mathilde Seigner), die drei jungen Töchter des Paars sowie Harry und dessen Freundin Prune gemeinsam an einem Tisch in jenem abgelegenen Landhaus, in dem die fünfköpfige Familie ihren Sommerurlaub verbringen will.
Regisseur Dominik Moll ("Intimacy") inszeniert die ersten 20 Filmminuten von "Harry meint es gut mit dir" virtuos, wobei er mit Bildern sehr suggestiv umzugehen versteht. Kurz montierte, kammerspielartige Szenen aus dem Inneren des Autos, wo die unter der Hitze leidenden Mädchen ihre Eltern nerven, und beiläufige Dialoge genügen, um die Beziehung zwischen Claire und Michel sehr treffend zu charakterisieren: Die Ehe scheint in eine Krise geschlittert zu sein, ohne dass dies den beiden betroffenen Protagonisten bisher bewusst geworden wäre. Auf die spätere Frage von Harry, wie es denn um die Partnerschaft stehe, meint Claire achselzuckend "weder glücklich noch unglücklich". Sergi Lopez verkörpert den mysteriösen Harry beeindruckend. Dass sich hinter seinem stets freundlichen Lächeln und seiner überzogenen Hilfsbereitschaft menschliche Abgründe auftun, spielt Lopez mit zurückhaltender Subtilität. Derart "harmlose" Psychopathen haben in der Filmgeschichte Seltenheitswert. Auch nach einigen Morden verwandelt sich Harry in kein verbrecherisches Monster, sondern bleibt der nette, freundliche Herr von nebenan. Wer sich ihm in den Weg stellt, stirbt allerdings relativ rasch eines unnatürlichen Todes.
Nicht weniger kurios als Harrys Charakter erscheint dessen Mordmotiv: die Literatur. Er ist besessen von der Idee, aus dem einstigen Mitschüler einen Schriftsteller zu machen. Teenagergedichte, die Michel einst in der Schülerzeitung veröffentlicht hat, rezitiert der seltsame Fremde auswendig. Obwohl Michel das alles nicht ernst nimmt, versucht er auf Harrys Drängen hin, wieder etwas zu Papier zu bringen. Ohne es zu bemerken, macht er sich damit zur Marionette eines extremen Psychopathen. Harry meint es nämlich gar nicht gut. Er will Michels gesamte Familie umbringen, um diesem damit kreative Freiräume zu eröffnen. Der Stoff des Streifens mag ein wenig an Hitchcock erinnern, während die Inszenierung Assoziationen mit Chabrols filmischer Handschrift wecken könnte. Tatsächlich hat Moll jedoch einen völlig eigenständigen Streifen geschaffen, der durch seine visuelle Leichtigkeit irritiert: Die Harmlosigkeit des Mörders befremdet.
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