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Kritiken

Mein Führer
Depressiver Diktator, deutscher Schäferhund, ...
Dani Levys Film "Mein Führer", die erste deutsche Komödie über Hitler, ist genau das, was eine Satire nicht sein sollte: harmlos

Es gibt viele Gründe, über Hitler zu lachen. Dani Levys Komödie "Mein Führer" mit dem Musikkomiker Helge Schneider als impotentem Diktator bietet kaum Anlass dazu. Der jüdische Filmemacher streifte für seinen Hitler-Film offenbar aus Angst vor politischer Unkorrektheit einen Samthandschuh über den anderen. Und Schneider verschwindet spurlos unter den Händen der Maskenbildner. Nur in einer Szene, als Hitler Eva Braun am Klavier ein Ständchen darbringt, wird angedeutet, was möglich gewesen wäre.

Humor ist eben ein zweischneidiges Schwert. Dieser Umstand wird Levy und Schneider in "Mein Führer" zum Verhängnis. Dass Witz legitime Mittel zur Auseinandersetzung mit den Schrecken der Geschichte - und natürlich auch jenen der Gegenwart - darstellt, steht außer Diskussion. Nichts kann derart subversiv wirken wie origineller, treffsicher eingesetzter Humor.

In der Besetzung der Hauptrolle mit Schneider lag zweifelsohne eine gewisse Gefahr des Albernen. Eingetreten ist kurioserweise genau das Gegenteil. Im nur punktuell bizarren Spiel Schneiders wird Hitler zur tragischen Figur: durch Misshandlungen des Vaters als Kind traumatisiert, vom machtbesessenen Goebbels zur Marionette degradiert, von seinem Stab um die Realität betrogen und nicht einmal vom eigenen Schäferhund als Autorität akzeptiert. Ein bemitleidenswerter Führer ist wohl genau das, was die erste deutsche Komödie über Hitler nicht gebraucht hätte.

Das scheint auch Levy im Verlauf der Arbeit bewusst geworden zu sein. Gleich in der Eingangssequenz lässt er Ulrich Mühe aus dem Off erklären: "Eigentlich will ich nicht die Geschichte des Führers erzählen, sondern meine." Mühe schlüpft in die Rolle des Theaterdarstellers Adolf Grünbaum, der wegen seiner jüdischen Herkunft im KZ Sachsenhausen interniert ist. Goebbels lässt ihn nach Berlin bringen, damit er mit dem völlig depressiven und öffentlichkeitsscheuen Führer dessen Neujahrsrede für den 1. Jänner 1945 einstudiert. Fünf Tage hat Grünbaum Zeit, um in Hitler das Feuer von 1939 aufs Neue zu entfachen - ein beinahe aussichtsloses Unterfangen, denn der große Diktator präsentiert sich als bettnässende Memme. Goebbels hofft, dass der jüdische Schauspiel-Coach den alten Wahn neu belebt. Der Schuss geht nach hinten los. Der Führer verlangt nach dem "jüdischen Freund" und reimt "Der Jud tut gut". Wie gesagt: Humor ist ein zweischneidiges Schwert.

Die Figur des Führers ist die große Schwäche der Komödie, die durchaus auch Stärken aufweist. Da wäre die enorme Präsenz von Mühe, der sich als einzige der Hauptfiguren nicht auf komödiantischer Ebene bewegt. Sylvester Groth stiehlt als Joseph Goebbels Hitler-Darsteller Schneider eindeutig die Show. Groth karikiert den Propagandaminister als schlitzohrigen Opportunisten, der dem jüdischen Schauspieler gegenüber sogar auf Wesensverwandtschaft pocht: "Inszenierte Realität, das ist doch unser beider Metier." Als Grünbaum ungläubig blickt, legt Goebbels nach: "Das mit der Endlösung dürfen Sie nicht persönlich nehmen."

Solch demaskierende Szenen bleiben Mangelware. Das humoristische Potenzial von ständig zum Hitlergruß erhobenen Armen und einem "Heil Hitler"-Stakkato ist ebenfalls relativ rasch erschöpft. Mit seinen geschickt eingesetzten Filmzitaten, deren Spektrum von Lubitsch bis Chaplin reicht, sollte Levy zumindest bei Cineasten punkten. Ansonsten ist "Mein Führer" ein absolut harmloser Film.

MICHAEL STADLER

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INTERVIEW

"Als wär es Räuber Hotzenplotz"
"Ich hätte ihn nicht in die Hosen machen lassen", sagt Helge Schneider über die Figur, die er spielt: Adolf Hitler. Ein Gespräch über die Ernsthaftigkeit des Lachens.

ANDRÉ WESCHE

Helge Schneider, Jahrgang 1955, ist erfolgreicher Musiker, Schauspieler und Regisseur und lässt seit mehr als 30 Jahren die Bühnen und Kinosäle der Republik erbeben. Als Regisseur Dani Levy das Drehbuch zu seiner Satire "Mein Führer", die morgen in die österreichischen Kinos kommt, ersann, hatte er Multitalent Schneider von Anfang an im Hinterkopf. Helge spielt Hitler - eine verwegene Entscheidung.

SN: Haben Sie gezögert, die Rolle anzunehmen?

Schneider: Ich habe mir gedacht, komm, da mach ich das mal. Ich habe einmal kurz überlegt, ob ich es nicht mache, als mich eine befreundete Veranstalterin gefragt hat, ob ich das denn nötig hätte. Da habe ich mir gedacht, ja, stimmt. Ich habe es ja eigentlich gar nicht nötig. Aber das war dann auch die Intention, es doch zu machen: Weil ich es nicht nötig hatte.

SN: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Schneider: Ich wusste, ich könnte den ziemlich gut spielen. Das ist auch ein Resultat meines Lebens, und zwar meines annähernd fotografischen Gedächtnisses. Es befähigt mich dazu, Sachen, die ich vor 20 Jahren mal gesehen habe, heute zu analysieren. Es ist so ein Zwitterwesen in dem Film, ein Adolf Hitler, der mit meinen Augen ganz ernsthaft versucht, Adolf Hitler zu sein. Ich habe es auch in "Der Untergang" mit Bruno Ganz gesehen. Ich war der Einzige, der gelacht hat, als Ganz zum ersten Mal gesprochen hat. Ich habe deshalb gelacht, weil da einer hingeht und wirklich mit vollem Ernst den Hitler spielt. Und genauso habe ich das auch gemacht. Wie ein Kind, das sich ausdenkt, ich bin jetzt der Räuber Hotzenplotz. Genauso.

SN: Darf man Hitler ernst spielen?

Schneider: Entschuldigung, dass ich lachen muss (lacht). Ich glaube, man kann Hitler nicht ernst spielen, das geht nicht. Das liegt aber nicht daran, dass er nur eine Witzfigur ist. Es liegt an der Ernsthaftigkeit, mit der man etwas machen will. Da ist das Kribbeln des Gleich-lachen-Wollens da. Vielleicht hat das etwas mit peinlichen Situationen zu tun. Vielleicht erinnern Sie sich an die Beerdigung einer Oma, als Kind, als Fünfjähriger und man muss lachen, weil die alle so komisch aussehen. Das ist auch so eine Situation.

SN: Haben Sie den Eindruck, dass man in Deutschland noch immer ein Problem damit hat, über Hitler zu lachen?

Schneider: Das ist sehr platt. Diejenigen, die in Deutschland geboren wurden, einen deutschen Pass haben, deutsche Eltern vielleicht, die sind mit der einen Hand in der Tasche aufgewachsen und in der Hand ist dieses "Schuld". In anderen Ländern ist das eben nicht so. Deshalb können die von vornherein ganz anders über so was sprechen. Natürlich darf man darüber lachen. Ich als Kosmopolit lache da natürlich auch drüber. Auch der Deutsche oder die Deutschin dürfen darüber lachen. Aber dieses Gefühl, mit dieser Schuld aufgewachsen zu sein: Ich kann sagen, dass ich es verstehe, wenn man es hat. Und ich verstehe auch, wenn man nichts damit zu tun hat und es gerne loswerden will. Was ich aber noch mehr verstehe, ist Freiheit. Freiheit bedeutet, dass man einen Film zum Lachen machen kann.

SN: Sind Sie mit dem Schuldgefühl groß geworden?

Schneider: Irgendwie bin ich schon damit groß geworden, aber erst später. Ich wusste ja anfangs gar nichts davon. Wir haben in Biologie über Professor Sauerbruch gesprochen und in Geschichte gab es eben die alten Griechen oder Römer. Das Erste, was mich mit der Nazizeit in Berührung gebracht hatte, war ein Schriftzug auf unserer Schultreppe. Dort stand "Heil Henkel!". Henkel hieß unser Direktor. Der Schüler, der es geschrieben hat, ist von der Schule geflogen. Ich bin auch von der Schule geflogen, aber das waren andere Gründe.

SN: Sie verstecken sich im Film hinter einer recht aufwändigen Maske.

Schneider: Ich hätte es auch ohne Maske gemacht. Ich sage bewusst: Ich bin kein Schauspieler. Aus diesem Grund konnte ich das auch ohne Druck machen. Ich hatte die Freiheit, zu spielen, die nur wenige Schauspieler haben. Wenn ich auf der Bühne auftrete, habe ich den Druck, gut zu sein, damit ich weiter auftreten kann. Aber im Fall, da ich aus Hobbygründen Adolf Hitler spielte, fiel das vollkommen von mir ab.

SN: Wie war es, als Sie sich zum ersten Mal als Hitler ausstaffiert sahen?

Schneider: Da habe ich gedacht: Oh, fast. Echt wird's nicht, aber gut genug. Vielleicht sprechen Sie darauf an, dass ich eine Persönlichkeitsveränderung hatte, aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil. Ich bin ja Protestler. Vielleicht habe ich damit auch Protest eingelegt, so 'ne Figur nicht lustig spielen zu dürfen. Das hat was Komisches, so was Doppelmoralisches, wenn man so was nicht spielen darf. Da will man dagegen ankämpfen.

SN: Was halten Sie von einem Begriff wie "Vergangenheitsbewältigung"?

Schneider: Bewältigung hat ja schon etwas mit Gewalt zu tun. Es gibt gute Vergangenheit und schlechte Vergangenheit. "Bewältigung" bedeutet dann für mich, dass das Schlechte irgendwie ausgestochen und das Gute behalten wird. Meine Vergangenheit ist mein Leben. Die Vergangenheit der Zeit davor brauche ich ja gar nicht zu bewältigen. Ich habe wirklich nichts damit zu tun. Nur meine Menschlichkeit hat etwas damit zu tun. Deshalb möchte ich gern viel darüber wissen. Was soll ich, der ich 1955 geboren bin, die Vergangenheit davor bewältigen? Das ist doch Quatsch. Ich will es nur wissen, damit ich das, was ich darüber weiß, in der heutigen Zeit verwenden kann.

SN: Besteht nicht die Gefahr, etwas zu verharmlosen, wenn man sich darüber lustig macht?

Schneider: Nein, im Gegenteil. Verharmlosen tut man etwas, wenn man nicht darüber redet, nicht darüber reden kann. Wenn man etwas einfach durch Gesetze kaltstellt und den Menschen verbietet, darüber nachzudenken - oder darüber zu lachen.

SN: Aber im Film wird sich über Schwächen lustig gemacht, zum Beispiel über das Bettnässen.

Schneider: Das war nicht meine Idee, aber ich habe es akzeptiert.

SN: Kann es sein, dass man mit einer Figur wie Adolf Hitler so sensibel umgehen muss, dass man ihn weder böse noch gut zeigen darf? Weder schwach noch stark? Dass man ihn also eigentlich gar nicht zeigen darf?

Schneider: Ich hätte ihn nicht in die Hosen machen lassen. Ich hätte ihn auch nicht Blümchen-Sex mit Katja Riemann haben lassen. Ich habe ja bemängelt, dass diese Sex-Szene nicht auch richtig stattgefunden hat. Stellen Sie sich das mal vor! Adolf Hitler und dann so'n Porno! Ich hätte mich natürlich nicht doubeln lassen müssen. Ich habe Hitler bewusst so gespielt, dass das Einpullern nicht nur Schadenfreude ist. Der böse Hitler pinkelt sich an, hahaha. Ich möchte ein Mosaik von Gefühlen bewahren und einbringen, aus dem sich ein Mensch zusammensetzt. Nicht als Karikatur, sondern ambivalent.

© SN

 

diese seite | 18.01.2007 | 10:04

Daten und Fakten

Regie: Dani Levy

Schauspieler: Adriana Altaras, Sylvester Groth, Ulrich Mühe, Katja Riemann, Helge Schneider

Genre: Satire, Komödie

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