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Kritiken

Vitus
Ein Wunderkind fällt auf den Kopf
Der Schweizer Filmemacher Fredi M. Muhrer erzählt im Streifen "Vitus" die Geschichte eines hoch begabten Jungen, der gegen sein Talent rebelliert.

SALZBURG (SN). Vitus, sein Intelligenzquotient liegt oberhalb des messbaren Bereichs, verfügt über ein außergewöhnliches musikalisches Talent. A genius is born, irgendwo in der Schweiz. Wer jedoch bereits im Kindergarten abseits der mit der "Tante" spielenden Altersgenossen in einer Ecke sitzt, um im Brockhaus nachzulesen, was denn das Wort "paradox" bedeutet, der läuft Gefahr, in die Rolle eines Außenseiters zu geraten.

Genies sind dazu verdammt, ihrer Mitwelt stets deren Mittelmäßigkeit vor Augen zu führen. Während sich die Lehrer in der Schule weigern, das arrogante Wunderkind weiter zu unterrichten, schmieden die Eltern bereits Karrierepläne: Ihr Sohn soll ein großer Pianist werden. Da stürzt der Bub vom Balkon, fällt auf den Kopf und sein Talent scheint mit einem Schlag ausgelöscht.

Der Schweizer Filmemacher Fredi M. Muhrer formuliert wie schon in seinem Film "Vollmond" (1998) ein Plädoyer für eine unbeschwerte Kindheit. Er lässt seinen Helden, aus dessen Perspektive erzählt wird, zwischen zwei grundverschiedene Lebensentwürfe geraten.

Befehlende Eltern, träumender Opa

Da sind die im Berufsleben erfolgreichen Eltern (Julika Jenkins, Urs Jucker), die ihren Sohn zwar lieben, aber ihm nicht das nötige Verständnis entgegenbringen: "Musik kommt doch aus dem Bauch, aus der Seele, du bist ja nur auf den Kopf gefallen", zischt die Mutter ihren Sohn an, dessen Unfall ihre Zukunftspläne durchkreuzt.

Für eine andere Lebenseinstellung steht der von Bruno Ganz als liebenswürdiger Eigenbrötler gespielte Großvater, ein Tischler, in dessen Werkstätte Vitus jene Nestwärme findet, die ihm die Außenwelt nicht entgegenbringt. Der alte Mann und das junge Genie genießen ihre Tagträume. Hier darf Vitus basteln und seine Fantasien abseits von Leistungsdruck ausleben. Nach dem Sturz gewinnt eben der Großvater, der zuvor im Schach keine Chance gegen seinen Enkel mehr hatte, die eine oder andere Partie. Vom Doppelleben des Zwölfjährigen ahnt er vorerst nichts.

Muhrer setzte die Geschichte konservativ in Szene. In manchen Passagen bedient er sich sogar der Ästhetik des klassischen Heimatfilms, doch dann gelingen ihm wieder von feiner Ironie und Poesie geprägte Sequenzen: eine solide Regiearbeit, deren Qualität vor allem auf den Leistungen der Darsteller basiert. Da ist einmal der souveräne Bruno Ganz, der es sichtlich genießt, einen etwas altmodischen Lebenskünstler auf die Leinwand zu bringen. Beeindruckend agiert auch Teo Gheorhiu, der den zwölfjährigen Vitus - das sechsjährige Wunderkind spielt Fabrizio Borsani - verkörpert und damit wohl auch ein wenig autobiografisch agieren darf. Gheorhiu zählt zu den größten Schweizer Musiktalenten und verleiht den Klavierszenen Spannung und Authentizität.

MICHAEL STADLER

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INTERVIEW
"Geduldig sein"
Bruno Ganz über Wunderkinder und Hitler

In "Vitus" ist der Schweizer Bruno Ganz, seit Jahren einer der renommiertesten Schauspieler deutscher Sprache, derzeit als Großvater eines Wunderkinds in den heimischen Kinos zu sehen (siehe Kritik rechts). Zuletzt erregte er vor allem in der Rolle von Adolf Hitler in "Der Untergang" die Gemüter. In Wien sprach er mit den SN.

Nach Ihren letzten Filmen "Der Untergang" und "The Manchurian Candidate" war "Vitus" eine Rückkehr zur kleinen Form, vom Budget wie auch von der Rolle her. War das eine Erleichterung? Ganz: Nach der Hitler-Rolle kam mir das entgegen, nach diesem Schwergewicht. Ich fand diese Geschichte interessant mit diesem jungen Mann im Zentrum, es gab genügend Gründe, das gern zu machen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Ihrem Filmpartner, dem hoch begabten Buben Teo Gheorgiu? Ganz: Das war nicht einfach, weil er kein Schauspieler ist. Man muss erst einen Weg finden, um mit ihm zu kommunizieren. Man musste ja doch hinterhältigerweise ihn dazu bringen, etwas zu spielen, etwas darzustellen. Da muss man mit Tricks arbeiten. Sonst ging es mit guten Zureden, und manchmal musste man eben schlucken und sich sagen, der ist eben so, und man muss geduldig sein, denn alles, was ich aus meiner Profierfahrung zu bieten hatte, war vollkommen sinnlos.

Sie haben vorhin Ihre Rolle als Adolf Hitler erwähnt. Darf man danach überhaupt noch fragen? Ganz: Der Ablösungsprozess von der Rolle ist schwieriger, als ich gedacht habe. Es ist schwer, mit Leuten zu sprechen, die sich nicht drei Monate lang intensiv mit dem Aufstieg Hitlers befasst haben. Das ist schwierig, denn ich kann inzwischen teilweise über ihn reden, ohne ihn zu bewerten. Ich hab da, glaub ich, ein Bild, das nicht nur bestimmt ist durch dieses monströse Endprodukt, die sechs Millionen vergasten Juden. Mit so etwas allein hätte ich das nicht spielen können, das macht vielleicht der Herr Helge Schneider in Dani Levys Film "Mein Führer", aber das war nicht mein Ding. Ich weiß halt eine ganze Menge darüber, und das kann man bei sehr wenigen Leuten voraussetzen. Deswegen lädt jede Einlassung von mir zu Hitler zu Missverständnissen ein, und das ist ein stark kontaminiertes Gelände, und man muss da sehr vorsichtig sein. Deswegen ist das Reden darüber sehr schwer.

Hat Ihnen die Rolle auch Gutes gebracht? Ganz: "Der Untergang" hat mir außerhalb Deutschlands sehr viel gebracht, ich nehme auch an, die Zusammenarbeit mit Francis Ford Coppola. In Deutschland, bei den so genannten Intelligenzlern und der Schicht, die die kulturelle Meinung macht, hat mir das sehr viel Feindschaft eingetragen. So ganz einzusehen ist das nicht. Ich habe gerade gelesen, Josef Bierbichler, ein von mir sehr geschätzter Kollege, hat mich sozusagen als Nazi bezeichnet. Tja, was soll ich da machen.

MAGDALENA MIEDL  

diese seite | 22.12.2006 | 09:29

Daten und Fakten

Regie: Fredi M. Murer

Schauspieler: Fabrizio Borsani, Bruno Ganz, Teo Gherorgio, Julika Jenkins, Julika Jucker

Genre: Drama

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