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Drei Kontinente, vier Dramen und fünf Sprachen - im Film "Babel" erweist sich der mexikanische Regisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu als Virtuose der Montage.
SALZBURG (SN). Was muss passieren, damit ein in Marokko verschenktes Jagdgewehr eine Hochzeit in Mexiko in einem Fiasko enden und ein pubertierendes Mädchen in Japan in eine tiefe emotionale Krise stürzen lässt? Wer "Amores Perros" und "21 Grams", die ersten beiden Filme von Alejandro Gonzáles Iñárritu, gesehen hat, ahnt die Antwort: ein Unfall. Das Wunderkind des mexikanischen Kinos, wie Iñárritu vielfach bezeichnet wird, lässt das Personal seiner Filme in einem Unglück aufeinander prallen, um anschließend die Geschichten der einzelnen Figuren als Puzzle zusammenzusetzen. Da macht auch "Babel" keine Ausnahme. Als wären seine ersten beiden Langfilme nur Fingerübungen für sein neues Episoden-Epos gewesen, verknüpft Iñárritu darin vier Dramen, die auf drei Kontinenten und fünf sprachlichen Ebenen spielen.
Die Handlung im Zeitraffer: Zwei marokkanische Hirtenjungen machen mit der Winchester, die ihnen der Vater zum Schutz der Ziegenherde vor Schakalen mitgegeben hat, Schießübungen. Eine Kugel durchschlägt die Scheibe eines mit amerikanischen Touristen besetzten Busses und trifft Susan (Cate Blanchett) in der Halsgegend. Für sie und ihren Mann Richard (Brad Pitt) beginnt fernab jeglicher ärztlicher Versorgung ein Wettlauf mit dem Tod. Die verhinderte Rückkehr der Eltern nach San Diego führt wiederum dazu, dass deren Kindermädchen (Adriana Barraza) die beiden ihr anvertrauten Sprösslinge illegal über die mexikanische Grenze bringt, um an der Hochzeit ihres Sohns teilnehmen zu können. Gleichzeitig sucht die Polizei von Tokio nach jenem japanischen Geschäftsmann (Koji Yakusho), der bei einem Jagdausflug in Marokko seine Winchester einem Führer geschenkt hat. Das taubstumme Mädchen Chieko (Rinko Kikuchi) glaubt jedoch, dass das neuerliche Interesse der Beamten an ihrem Vater wieder mit dem Tod der Mutter, die sich eine Kugel in den Kopf gejagt hat, zu tun haben könnte.
Die Handlung bildet nur den äußeren Rahmen. Die zentralen Themen des Streifens, der in sieben Kategorien für den Golden Globe nominiert ist, kreisen um menschliche Verletzlichkeit, unterschied- liche Wahrnehmung und um gestörte Kommunikation. Auf Letztere nimmt Iñárritu im Titel seines 124-minütigen Films Bezug. Der Turmbau zu Babel steht als Allegorie für die Ängste des Menschen, mit anderen nicht reden zu können, weil sie eine fremde Sprache sprechen. Auf dieser Ebene bietet "Babel" einige brillante Szenen.
In der chronologisch nicht linearen Verschachtelung der vier Geschichten erweist sich der mexikanische Filmemacher wieder einmal als virtuoser Montage-Künstler - dies allerdings ein wenig auf Kosten der psychologischen Schlüssigkeit und Logik. Bei der Darstellung der Globalisierung von Schicksalen, die Iñárritu nach dem Prinzip der Kettenreaktion anstrebt, bleibt er manchmal oberflächlich. Das macht der Cola-Konzern besser. Der von Brad Pitt (sehr zurückhaltend) gespielte Richard trinkt die Dosen-Limo zu Couscous in der marokkanischen Wüste, bei der Hochzeit in Mexiko fehlt die koffeinhaltige Brause ebenfalls nicht, und dass Cola auch in einer Bar in Tokio auftaucht, überrascht nicht.
MICHAEL STADLER
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INTERVIEW "Brad Pitt in das menschliche Mosaik einfügen" Cannes-Sieger und Golden-Globe-Anwärter Regisseur Alejandro González Iñárritu über die totale Kommunikationslosigkeit
In "Babel" verknüpft Alejandro González Iñárritu die Schicksale von Menschen auf drei Kontinenten und zeigt, wie mangelnde Kommunikation zur Katastrophe führt (Filmkritik oben). In Cannes wurde er als bester Regisseur ausgezeichnet. Vor kurzem bekam "Babel " sieben Golden-Globes-Nominierungen. Die SN sprachen in Berlin mit dem 43-Jährigen.
SN: Warum haben Sie als Titel "Babel" gewählt? Iñárritu: "Babel" bringt in einem Wort das Hauptthema zum Ausdruck. Im Alten Testament gibt es die Geschichte, in der Gott die Sprachenvielfalt über die Menschheit bringt, um sie zu bestrafen. Die Zivilisation kollabiert, weil keine Kommunikation stattfindet. Angeblich leben wir doch im Zeitalter der Kommunikation? Iñárritu: Es sieht nicht so aus, als würde das funktionieren. Die Fähigkeit des Zuhörens ist den Menschen abhanden gekommen. Das Hauptproblem ist nicht der Mangel an Werkzeugen. Technische Geräte sind aber nutzlos, wenn wir uns der Lebensrealität der Anderen verschließen. SN: Muss ein Filmemacher ein guter Zuhörer sein? Iñárritu: Ja, natürlich. Das Filmemachen beruht auf Zusammenarbeit. Das Kino kommt Esperanto sehr nahe, es spricht eine internationale Sprache. Bilder und Emotionen bedürfen keiner Übersetzung. Das macht die Schönheit des Kinos aus. SN: Sie zeigen, wie kleine Ursachen eine große Wirkung zeitigen können. Ist Kontrolle eine Illusion? Iñárritu: Wenn wir bei allem, was wir tun, über die Verantwortung nachdenken würden, die unser Handeln mit sich bringt, dann wäre es schwer, einen gewöhnlichen Tag zu überleben. Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass alles Konsequenzen hat, ob wir es wollen oder nicht. Es ist die Realität, dass diese Auswirkungen in jede denkbare Richtung gehen können. SN: Der Film ist Ihren Kindern gewidmet, den "hellsten Lichtern in den dunkelsten Zeiten". Sind diese dunklen Zeiten persönliche oder beziehen Sie sich auf die ganze Welt? Iñárritu: Beides. Für einen Vater ist es Furcht einflößend, diese Welt zu beobachten und darüber nachzudenken, wohin der Weg uns führen mag. Wir leben in Angst. Es gibt keine erkennbaren Feinde mehr. Sogar im Kalten Krieg war es einfacher. Es gab Flaggen und Nationen, deren Ideologien man zuordnen konnte. Heute lauert die Gefahr überall und niemand weiß, was man dagegen tun könnte. SN: Ist es nicht eine Ironie, dass das ehemalige Babel auf dem Territorium des heutigen Irak zu finden ist? Iñárritu: Ja, das empfinde ich ähnlich. Und George Bush liefert das deutlichste Beispiel für "Babelismus". Er hat nicht zugehört, als die UN vor einem Krieg warnte. SN: Sie zeigen in "Babel" die Grenze zwischen den USA und Mexiko, die ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung extrem befestigt wird. Iñárritu: Die Globalisierung bezieht sich ironischerweise im Wesentlichen auf den freien Markt, aber sie macht es den Menschen nicht leichter, zu reisen. Die Globalisierung ist von jeher Realität. Seit es die Menschen gibt, befinden sie sich auf ihrer Wanderung. Ganze Kulturen sind so entstanden, Religionen und Ideen haben sich mit diesen Reisenden verbreitet. Weiterzuziehen liegt in unserer Natur. SN: Was fasziniert Sie so sehr an den Zufällen des Lebens? Iñárritu: "Babel" dreht sich weniger um Zufälle als um Entscheidungen, die jede Figur aus unterschiedlichen Motiven trifft. Die Kids schießen zielgerichtet, und doch basiert ihr Handeln auf einem unschuldigen Akt. Ein Tourist hat das Gewehr als Geschenk zurückgelassen. Die Haushälterin bringt die Kinder nach Mexiko, weil sie nicht weiß, dass sie für den Rückweg Papiere benötigt. All das sind Entscheidungen, keine Unfälle. Und jede Entscheidung kann sich unterschiedlich auswirken. SN: Um größtmögliche Authentizität zu erreichen, haben Sie mit Laiendarstellern gedreht. Auf der anderen Seite engagierten Sie den Star Brad Pitt. Ist das nicht ein Widerspruch? Iñárritu: Ja, aber darum dreht sich der Film. Der Film zeigt, dass sich marokkanische Buben nicht sehr von einem Amerikaner oder einer taubstummen Japanerin unterscheiden - und Laiendarsteller nicht von Berühmtheiten. Im Film hat jeder das gleiche Gewicht, die gleiche Anziehungskraft, die gleiche Bedeutung. Für mich war es eine große Herausforderung, Brad Pitt in dieses menschliche Mosaik einzufügen. Wenn uns das gelingen würde, würde der ganze Film funktionieren. Das war die Philosophie, die dahinter steckte. SN: "Babel" wurde für sieben Golden Globes nominiert. Stimmt Sie das auch optimistisch für die Oscars? Iñárritu: Ich versuche, nicht in solchen Kategorien zu denken. Es kann einen verrückt machen und man verliert den Bezug zu den wichtigen Dingen. Meine Philosophie ist: Keine Erwartungen, dafür ein hohes Maß an Gelassenheit.
ANDRE WESCHE
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