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Kritiken

Flug 93
Beklemmend wirklich
Das Drama "Flug 93" von Regisseur Paul Greengrass bildet den packenden und authentisch gehaltenen Auftakt zu einer ganzen Reihe von 9/11-Filmen.

WIEN (SN). Das schier unvorstellbare Grauen hat die Kinoleinwände erreicht. Hollywood war sich noch nie zu vornehm, große Katastrophen für die Leinwand zu adaptieren - diesmal gibt es allerdings einen feinen Unterschied: Historische Aufarbeitung à la Hollywood fand bisher mit angemessener zeitlicher Distanz zu den Ereignissen statt. Mit den kommenden Filmen über die Terroranschläge vom 11. September 2001 ließen sich die Studios nicht einmal fünf Jahre Zeit.

Das menschliche und politische Drama, das damals die Welt veränderte, wird nun als abendfüllende Katastrophe in den Kinos serviert.

Oliver Stone zeigte bei den Filmfestspielen in Cannes die ersten 20 Minuten aus seinem Film "World Trade Center" - auf seine kontroversielle, politisch inkorrekte Handschrift hat er dabei völlig verzichtet: Stone inszeniert (soweit das anhand des gezeigten Materials schon beurteilbar ist) ein beispiellos patriotisches Heldenepos über zwei Polizisten (einer davon wird dargestellt von Nicolas Cage), die versuchen, Überlebende aus den noch stehenden, brennenden Towers zu retten.

Einen ganz anderen, viel wirkungsvolleren Zugang wählt der britische Regisseur Paul Greengrass für den Film "Flug 93" (seit gestern, Freitag, in den Kinos): Der Film erzählt die Geschichte des vierten entführten Flugzeuges nach, das eigentlich das Weiße Haus hätte treffen sollen. Weil die Passagiere aber gegen ihre Entführer meuterten, stürzte das Flugzeug über unbewohntem Gelände ab.

Telefonate aus der Luft zu ihren Angehörigen und die Aufzeichnung der Cockpit-Gespräche erlaubten Greengrass eine minutiöse Rekonstruktion der Ereignisse an Bord von Flug United 93. Um 8.42 Uhr hob die Boeing von Newark nach San Francisco ab, drei Minuten später krachte das erste Flugzeug ins World Trade Center. Vier Terroristen bringen United 93 in ihre Gewalt und steuern auf ihr Ziel zu. Die Passagiere erfahren unterdessen über Telefonate mit Angehörigen von den zeitgleich stattfindenden Anschlägen in New York und Washington. Sie erkennen die Ausweglosigkeit der Lage und beschließen, die Terroristen zu überwältigen - ohne Rücksicht auf Verluste.

Authentisches Drama in Echtzeit

Paul Greengrass' dokumentarisch anmutender und in Echtzeit gehaltener Film verwebt nicht nur die authentischen Protokolle von damals zu einem packenden Drama, der Regisseur recherchierte auch bei der Bodenkontrolle und in den Flugüberwachungszentren. Wie fassungslos die Welt damals auf die sich ankündigenden Terroranschläge reagierte, zeigt, dass die Weltmacht USA überhaupt nicht auf einen derartigen Anschlag vorbereitet war. Intern herrschte Uneinigkeit: Während die Luftwaffe bereit stand, die entführten Maschinen abzuschießen, blieb der Befehl aus dem Weißen Haus aus. Der Präsident war schlicht nicht erreichbar.

Greengrass erzählt so realitätsnah wie möglich: Im Cockpit von "Flug 93" sitzen auch echte Piloten, und auf dem Boden agiert echtes Flugüberwachungspersonal. Einige der Darsteller auf dem Boden spielen sich und ihre Rolle am 11. September 2001 sogar selbst. Greengrass inszeniert ein beklemmendes Zeitdokument, fernab der heroischen Herangehensweise eines Oliver Stone. Bei Greengrass wollen die Passagiere nicht zu Helden werden - sie wollen schlicht überleben.

Der Verzicht auf bekannte Schauspieler oder gar Superstars adelt die Intentionen des Filmemachers: Hier geht es nicht um Box Office und Einschaltquote, sondern um die Aufarbeitung einer der größten Katastrophen der Menschheit.

MATTHIAS GREULING

© SN

 

diese seite | 26.06.2006 | 13:21

Daten und Fakten

Regie: Paul Greengrass

Schauspieler: Gary Commock, Polly Adams, Opal Alladin, Starla Benford, Christian Clemenson

Genre: Drama

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