Joan Allen und Kevin Costner in Mike Binders dramatischer Komödie „An Deiner Schulter“: Menschen, die durch den Alltag humpeln.
Es gibt Wohnungen, in denen fühlt man sich auf Anhieb wohl und es gibt Filme, in denen fühlt man sich auf Anhieb zu Hause. „An Deiner Schulter“ ist so ein Film – und das nicht etwa, weil er so kuschelig wäre, wie der deutsche Titel es suggeriert.
„The Upside of Anger“ heißt diese amerikanische Mischung aus Komödie und Familiendrama im Original und tatsächlich hat Joan Allen in der Figur der sitzen gelassenen Mutter von vier Töchtern allen Grund zu grollen und weit und breit keine Schulter, um sich anzulehnen.
Ihr Mann ist verschwunden ohne eine Spur zu hinterlassen. Jetzt steht sie da mit gebrochenem Herzen, unbezahlten Rechnungen und vier Töchtern, „von denen eine mich hasst und zwei bis drei drauf und dran sind, es auch zu tun“.
Während die verhärtete Terry den Tag mit einem Drink begrüßt, hält sich ihr Nachbar ein paar Straßen weiter stoisch an der Bierdose fest. Kevin Costner liefert seine beste und lässigste Performance seit Jahren als Baseball-Star im Ruhestand ab, der desillusioniert, aber immerhin wesentlich entspannter als Terry drauf und dran ist, sein Leben ebenfalls endgültig abzuschreiben.
Wir haben es also mit zwei Menschen zu tun, die nicht strahlend das Leben abschreiten, sondern eher durch den Alltag humpeln. Zwei Versehrte mit unsympathischen Macken, die eine trotzig und galle-giftig, der andere verschlampt und verschlurft.
Es gleicht einem Akt der Verzweiflung, wenn Terry in einem der ergreifend witzigen Momente der Geschichte zum Hörer greift und Denny so direkt fragt, wie man es sich wohl nur nach einem Vormittagsdrink traut: „Hast Du Lust auf eine Nummer? In zehn Minuten bin ich da, aber ich schminke mich nicht, also erwarte nicht zu viel.“
Mit Terry und Denny würde man sich gerne abends im Wohnzimmer betrinken und über das Leben sinnieren, das macht die Geschichte von Mike Binder so sympathisch.
Binder mag seine Figuren nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Fehler. Die Kamera umhüllt die Antihelden mit Wohlwollen, während sie die vier rosigen Töchter liebkosend in schönes Licht setzt.
Damit schafft der Film eine Momentaufnahme des Lebens in all seiner Realität und doch perfekter poetischer Verdichtung. Er trampelt nicht über die Melancholie der Leidenden hinweg, behauptet in keiner Sekunde, dass ihre Probleme lösbar wären, aber er lässt Raum für Gelächter.
Wenn Terry eines Abends mit ihren Töchtern um die große Tafel herum versammelt sitzt, beschwert die Familie im einen Moment eine große Traurigkeit, im nächsten Augenblick jedoch befreien sie sich durch gemeinsames schallendes Lachen. „An Deiner Schulter“ ist kein Film, der behauptet, dass das Leben lustig sei, aber einer der versichert: Man kann es gut überleben.
SANDRA VOGELL
diese seite | 19.08.2005 | 10:56
Daten und Fakten
Regie: Mike Binder
Schauspieler: Joan Allen, Kevin Costner, Erika Christensen, Evan Rachel Wood, Keri Russell
Genre: Drama, Komödie
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