|
Wolfram Paulus' "Augenleuchten" und die Entdeckung einer jungen Schauspielerin mit Charisma: Nadja Vogel.
Wastl ist einer der wenigen Buben, die heutzutage noch aus zwei Blättern und der hohlen Hand Tierlaute hervorbringen können. Glückliche, überglückliche Kindheit, mit Wald vor der Haustür? Der Blick des Elfjährigen ist todtraurig. Er hat seine Mutter verloren, die ihm immer wieder in den Sinn und auch ganz real vor Augen kommt: Wolfram Paulus hat für diese Rolle Marie Colbin eingeladen - eine Art Traumtänzerin.
Die zweite Protagonistin in Wolfram Paulus' neuem Film "Augenleuchten" ist Franziska, knapp achtzehn Jahre alt. Sie hat ihre Mutter nie kennen gelernt, ist bei Adoptiveltern aufgewachsen. Die selbstbewusste junge Dame passt nicht ins Gastgewerbe, wo ihr Männer jeden Alters nachsteigen. Vielleicht passt sie nirgendwohin?
Eine eigenartige Seelenverwandtschaft entsteht zwischen den beiden jungen Leuten. Liebe? Natürlich (noch) nicht. Eine Verbindung von Pseudo-Mutter und Pseudo-Kind? Eher vielleicht. Jedenfalls haben beide ein Sensorium dafür, voneinander besser verstanden zu werden als von den Leuten rundum. Die wären so abgrundböse nicht, aber auch nicht wirklich wohlmeinend.
In Wolfram Paulus' Filmen schwingt seit je her eine gewisse Melancholie, eine uneingelöste Sehnsucht nach heiler Kindheit mit. Das hat in seinen Filmen nicht selten zu einer gewissen Biedermeierlichkeit geführt. Davon ist in "Augenleuchten" keine Spur.
Die Geschichte spielt irgendwo im salzburgisch-oberösterreichischen Grenzgebiet, wo die Stadt und ihr Leben so nahe wie das Denken dörflich ist. Das Handy ist übrigens noch nicht erfunden, aber im Salzburger SEAD (von einer Tanz-Ausbildung dort träumt Franziska) tanzt man natürlich zeitgemäß. Jene "Piccolo mondo", die ganz jener des Wolfram Paulus entspricht, ist vergleichsweise heil: zeitlos eng, das ist die Botschaft. Wer sich dort ausklinkt aus Denkschienen, wer sich nicht schert um Vorurteile, der eckt an - und reift.
Die Provinz, so der Regisseur, sei "allemal gut genug, schillernde Persönlichkeiten hervorzubringen: jene, die sich dem Dorf als unbequeme Gestalten präsentieren, die polarisierend wirken und sämtliche Geister scheiden, die aber ihr Außenseitertum total bewusst, ja sogar mit Stolz und elitärem Gehabe zur Schau tragen".
Originell ist diese Lebenswelt - und originell filmisch gebändigt. Zwischen Wirtsstube, diskontmöblierten Wohnräumen und herbstbuntem Wald entwickelt sich eine aus der Zeit gerückte und doch nahe Geschichte.
Wolfram Paulus ist ein begnadeter Regisseur, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche zu führen. Er lässt sie sich völlig frei und unverkrampft bewegen und vor allem sprechen, mit unaufdringlicher Mundart - ohne aufgesetzte Folklore.
Nadja Vogel (Franziska) ist die Entdeckung. Die Linzerin studiert Schauspiel und hat eine Soundtrack-Nummer selbst gesungen. Gelöst bewegt sie sich vor der Kamera, mit natürlichem, glaubhaftem Charme. Dieser Film rührt an, und man braucht sich dafür nicht zu schämen.
REINHARD KRIECHBAUM
© SN
|