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"Agnes und seine Brüder", Oskar Roehlers aberwitzig-melodramatischer Zeitgeist-Thriller mit Moritz Bleibtreu.
Echte Familiengeschichten laufen nicht nach Hollywood-Schema ab. Und sie passen auch nicht zu gut eingeführten Dramaturgie-Rezepten von Drehbuchschreibern. "Agnes und seine Brüder" ist eine echte Familiengeschichte. Sie haben ja gar nicht viel miteinander zu schaffen, Agnes und seine Brüder. Seine Brüder?
Tatsächlich waren es drei Brüder, aber Agnes hat eine Geschlechtsumwandlung hinter sich. Mit dem eigenen und anderen Geschlecht haben alle drei ihre Schwierigkeiten. Agnes (Martin Weiß) wird von ihrem Lebenspartner vor die Tür gesetzt und begegnet einer alten Liebe wieder. Glücklos, versteht sich. Der zweite Bruder (Moritz Bleibtreu), ein notorischer Beziehungs-Abstinenzler, nutzt seinen Job als Bibliothekar, um Studentinnen aufzulauern. Vor den Bücherregalen sieht er ausschließlich Sexbomben, bauchfrei und im Ultra-Mini. Auf dem anderen Auge scheint er alkoholerblindet zu sein.
Und der dritte Bruder? Herbert Knaup spielt einen erfolgreichen Politiker, europaweit engagiert in Sachen Dosenpfand - aber sein Hund ist einziger Bezugs-"Mensch", die Familie ist emotional längst gescheitert.
Drei Jammergestalten der mittleren Generation. In den besten Jahren, könnte man höhnisch sagen. Zwei Dinge verbinden sie. Einmal der Usus, sich regelmäßig beim alten Vater einzufinden.
Und noch eine Gemeinsamkeit haben sie: starke, unerfüllte Beziehungswünsche. "Ich heiße Hans-Jörg und bin sexsüchtig", sagt der eine in der Therapiegruppe, in die Agnes ebenso gut passen würde wie der zweite Bruder.
Was für ein Film! Regisseur und Drehbuchautor Oskar Roehler beschreibt vergleichsweise kurze Lebensabschnitte. Nebeneinander, drei Lebensbilder fast ohne Berührungspunkte und doch irgendwie unsäglich anei- nander klebend, verschnürt mit einer Art von "Familienbande", die Angst machen könnte.
Der Beginn: beiläufig schlittert der Zuschauer hinein in die Malaise. Das Ende: Ein Mord, ein weiterer Toter (Aids), eine Flucht nach Polen, eine Ehefrau (Katja Riemann), die "natürlich doch" bleibt. Ist das nun Melodram, Thriller, Tragikomödie? Eher eine Geschichte wie das Leben selbst eben.
Sicher ist jedenfalls: Oskar Roehler erteilt keine moralischen Zensuren. Unsere Gesellschaft ist fatal "offen", was Normen oder Werte und das entsprechende Verhalten betrifft. Es müsste ja nicht gleich der liebe Gott sein.
Ein wichtiger Film, weil er - ohne dass jemals die Moralkeule erhoben würde oder eigens darauf hingewiesen würde - die Entwurzelung zum Thema macht. Entwurzeltsein heißt in dem Fall: zwar immer auf der Stelle tretend und immer das Gleiche wollend, aber irrwandelnd im geistlosen Nomadentum des Zeitgeists.
REINHARD KRIECHBAUM
© SN
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