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Joseph Vilsmaier setzte Stifters literarischen Klassiker „Bergkristall“ um – mit wunderschönen Bildern, Hochglanz und in Hochdeutsch.
Der Gipfel an weihnachtlicher Gefühlsduselei ist erreicht, wenn die beiden Kinder (sie haben sich hoffnungslos im Hochgebirge verirrt) zurückgehen in die Eishöhle und dort die Bergkristalle gleißen und glänzen. Aus dem Tal herauf hört man die Kirchenglocken, die zur Mette rufen. Es dürfte also auf die Heilige Mitternacht zugehen.
Da darf man sich freilich über gediegenes Licht in der Höhle nicht wundern, das die geologischen Pretiosen glitzern lässt. Es ist der richtige Zeitpunkt, um die sehr üppige Filmmusik kippen zu lassen zur „Stillen Nacht“.
Auch angesichts solcher Szenen braucht man nicht gleich den Stab über den Film als Ganzes zu brechen. In „Bergkristall“ nimmt Joseph Vilsmaier den Dichter Adalbert Stifter sehr genau beim Buchstaben, beim Wort, beim Sprachbild. Es ist eben eine nicht nur zaghaft ans Herz rührende Geschichte, sondern eine, die die Seele in den Schraubstock des weihnachtlichen Sentiments einspannt.
Da haben Vater und Mutter endlich die verirrten Kinder gefunden. Da kommen auch schon die Suchdelegationen aus den verfeindeten Hinterwäldler-Dörfern Gschaid und Millsdorf. Die einen haben sogar eine Kirchenfahne mit wie Herolde mittelalterlichen Denkens.
Und da sehen alle ein, dass „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (eine Novelle von Stifters Schweizer Kollegen Gottfried Keller) nicht der Dauerzustand sein darf.
Von göttlicher Choreografie geführt, sinken alle zum „Gegrüßt seist Du Maria“ in den Schnee auf die Knie. Nicht zu helfen ist all jenen, die da keine Tränen vergießen. So hat der Literat wohl kalkuliert.
Vilsmaier heißt nicht nur altmodisch Joseph, er denkt und filmt auch so. Vielleicht sind seine Historienverfilmungen die stärksten – egal, ob es nun Trümmerfrauen nach dem Krieg, Comedian Harmonists knapp vorher oder „Schlafes Bruder“ in zeitlich gar nicht so fernen, aber dunklen bäuerlichen Vorzeiten sind. Mut zu Nostalgie hat dieser Filmemacher.
Wer „Schlafes Bruder“ noch vor Augen hat, der kann sich unschwer ausmalen, wie „Bergkristall“ aussieht. Dort waren die sozialen Schattenseiten das vordergründige Thema. Hier ist die Welt in Ordnung. Aber wenn der Schuster zwar bei seinem Leisten, aber nicht beim Mädchenangebot im eigenen Dorf bleibt und „ausgrast“ zu den bösen Menschen in Millsdorf: Da ist Feuer auf dem Dach.
Die „Zuagroaste“ bleibt ausgegrenzt und der Mann, der seinem Dorf gegenüber so untreu war, mit ihr. Die Kinder werden drangsaliert. Die Fremde muss zurück. „Ganz unrecht sind die wenigsten“, sinniert der Schuster, „aber wenn sie alle zusammen sind . . .“ Sie sind eben alle zusammen im Dorf, das ist das Problem in solchen Dingen.
Vermutlich könnte man „Bergkristall“ gar nicht aktualisieren, ohne die Geschichte kaputt zu machen. Der Trost: Sie ist ja zeitlos. Joseph Vilsmaier hat sich mit einer ganz rudimentären Einbindung ins Heute begnügt und malt die Story in schönen Bildern, wie sie allemal für die Fremdenverkehrswerbung taugen.
Zum Nachlesen: „Bergkristall“ von Adalbert Stifter ist bei dtv (25224) als Taschenbuch erhältlich.
REINHARD KRIECHBAUM
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