|
Dai Sijie verfilmte seinen eigenen Bestseller "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" über konträre (Denk-)Welten.
Was macht Balzac in einem abgelegenen Dorf in den chinesischen Bergen, umgeben von einfachen Bauern, die weder lesen noch schreiben können? Er leistet Widerstand gegen Maos Kulturrevolution. Er betreibt aktiv "Umerziehung", weckt das Selbstwertgefühl einiger Menschen und lehrt, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich sind. All das vermag Literatur zu leisten.
Es ist eine geistig dumpfe Welt, in die Ma und Luo zu Beginn der 70er-Jahre verbannt werden. Als Kinder bourgeoiser Eltern müssen sie ihre Heimatstadt verlassen und werden zur "Umerziehung" aufs Land geschickt. Hier wird alles Fremde misstrauisch beäugt. Sogar das mitgebrachte Kochbuch landet im Feuer. "Revolutionäre Bauern verdirbt man nicht mit bürgerlichen Hühnergerichten", so der Dorfvorsteher lapidar zur Bücherverbrennung.
Ein ähnliches Schicksal droht auch Mas Geige. Der 17-Jährige rettet sein Instrument vor den Flammen, indem er eine Mozart-Melodie spielt und das Stück als Komposition mit dem Titel "Mozart denkt immer an den großen Vorsitzenden Mao" ausgibt.
Wohl dosierte komödiantische Töne prägen Dai Sijies Streifen "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin". Der Autor, der seinen gleichnamigen Roman selbst verfilmt hat, blickt darin zurück auf einen Abschnitt seines Lebens - ganz ohne Zorn.
So wie Millionen chinesischer Intellektueller, Ärzte, Lehrer, Künstler und eben auch Kinder aus bürgerlichen Familien ist Sijie als Jugendlicher zur Kompensation seiner Abstammung in ein Bauerndorf verfrachtet worden. Seine sensible Schilderung vom Aufeinanderprallen zweier völlig konträrer (Denk-)Welten machte "Balzac et la petite tailleuse chinoise" - so der Originaltitel des in französischer Sprache verfassten Buchs - zum Bestseller und sie prägt auch den Spielfilm.
Erzählt wird aus der Perspektive der beiden Jugendlichen, die den Dorfbewohnern bei deren alltäglichem Überlebenskampf zur Seite stehen.
Jauche muss auf schmalen Pfaden in Bottichen steile Hänge hinaufgeschleppt werden, um Maispflanzen zu düngen. Und wenn die "revolutionären Bauern" nicht gerade auf ihren Feldern arbeiten, dann schuften sie unter unmenschlichen Bedingungen im primitiven Bergwerk.
Wann immer Ma und Lou es ermöglichen können, flüchten sie sich aus der herrschenden Tristesse heimlich in die Literatur. Bei einem anderen "Umerzögling" haben sie einen Koffer mit verbotenen ausländischen Büchern gestohlen: Flaubert, Dostojewski, Gogol, . . .
Mit Balzacs Roman "Ursule Mirouet" erobern sie das Herz der Enkelin des Schneiders aus dem Nachbardorf. Gebannt lauscht das ebenso naive wie schöne Mädchen den wunderbaren Schilderungen des Schriftstellers, der aus einem Land kommt, von dem es nie zuvor gehört hat. Seine Literatur verleiht der Analphabetin Selbstbewusstsein, verändert ihr Denken und ihre Persönlichkeit: "Manchmal kann ein Buch ein ganzes Leben auf den Kopf stellen."
Das Handlungsgerüst für die Liebeserklärung an die Literatur bildet die sentimentale Jugendromanze zwischen Ma, Lou und der kleinen Schneiderin. Dai Sijie beschwört die Macht von Geschichten mit einer wunderbar erzählten Geschichte. Nur schade, dass sein Blick auf die bittere Realität der Kulturrevolution stellenweise allzu nostalgisch verklärt ausfällt. Sehenswert ist der Streifen dennoch.
MICHAEL STADLER
© SN
|