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Viel Wortgeklingel in der Werbeschlacht um "Troja" und beim Zurechtbiegen der Homerschen Dichtung "Ilias" für ein der Einfachheit verpflichtetes Kino.
"Troja", ab heute in den österreichischen Kinos, werde deswegen erfolgreich sein, weil die Menschen sich wieder nach Helden sehnen, meint Regisseur Wolfgang Petersen. Achilles-Verkörperer Brad Pitt wiederum wahrsagt, dass schon in diesem Sommer die Männer in Röcken herumlaufen werden. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass die Teenie-Stars in Röckchen, die in "Troja" ihre antrainierten Muckis spielen lassen, tatsächlich einen solchen Boom auslösen werden. Aber möglicherweise ist nach dem Oscar prämierten "Gladiator" ja tatsächlich die Zeit reif für einen neuen "Sandalen"-Film?
Wolfgang Petersen und Drehbuchautor David Benioff schrammen mit ihrer menschelnden Sicht auf die historisch schwer belegbaren Ereignisse um die Stadt Troja haarscharf an dem "Ilias"-Epos vorbei, welches Homer um etwa 700 v. Chr. festhielt (siehe unten).
Eingriffe mit dramatischen Folgen
Homers "Ilias" setzt im zehnten Jahr des Trojanischen Kriegs im 12. Jahrhundert v. Chr. ein. In Kleinarbeit gibt der Dichter jedem seiner etwa 1000 Helden Attribute. Die Handlung erstreckt sich über 51 Tage, davon schildert der Dichter vier Kampftage. Bei Petersen jedoch beherrschen gigantisches Kampfgetümmel zwischen Computer generierten Massen der Achäer und Danaer einerseits und der Trojaner anderseits, sowie exzellent choreografierte Zweikämpfe das Geschehen.
Immer wieder betont Petersen in Großaufnahme Leid und Elend durch die Folgen des Kriegs. Einerseits ist verständlich, dass Homers Götterwelt in einem Film, der uns einen uralten Sagenkreis näher bringen will, fast ausgespart bleibt, anderseits verschiebt der Eingriff die dramaturgischen Gewichte immens: Bei Homer werken Helden wie Achilles und Hektor und auch Antihelden wie Paris als Schachfiguren der Götter. Bei Petersen sind sie - sehr heutig - zwar selbstbestimmt, aber nur mehr Marionetten ihrer Machtgier und Triebe.
An der eindeutig stärksten und am meisten beeindruckenden Szene des Films kann aufgezeigt werden, wie in "Troja" der Mythenstoff zurechtgebogen wird. Der schier unbesiegbare Kämpfer Achilles hat den ebenbürtigen Trojaner Hektor im Zweikampf getötet und die Leiche ins eigene Lager geschleift. Bei Homer rafft nun Troja-König Priamos alle Schätze zusammen, um Achilles die Leiche Hektors "abzukaufen". Achilles nimmt den Schatz und übergibt, auf göttliche Weisung hin, den toten Sohn dem Vater. Im Film "Troja" schleicht Priamos wie ein Bettler, mit leeren Händen, in das Zelt von Achilles, fällt ihm zu Füßen und bittet um seinen Sohn. Achilles rührt das Leid des Vaters und gesteht ihm eine zwölftägige Friedensfrist zur würdigen Bestattung Hektors zu. "Wir sind Feinde", sagt Achilles, "aber auch Feinden muss man Respekt erweisen." Eine Botschaft, die sich weder in die irakischen Gefangenenlager der Amerikaner noch bei der Al-Kaida herumgesprochen hat. Peter O`Toole als Priamos und Brad Pitt als Held, der sich auch seiner Tränen nicht schämt, sind in dieser Szene Oscar verdächtig. Lehrer, die ihre Schüler zu Unterrichtszwecken in den Film "Troja" führen, werden jedenfalls in der Nachbereitung eine Menge zu tun haben, um die sehr verschlankte Handlung mit Kinotauglich verdrehten Charakteren auf die ursprüngliche Dimension des vielschichtigen, in Rede und Gegenrede spannend entfalteten Epenstoffes zurückzuführen.
GÜNTER VERDIN
© SN
Am Anfang war der "Ilias"
Homer Um 700 v. Chr. schrieb der griechische Dichter Homer die "Ilias" (von "Ilion", dem zweiten Namen der Stadt Troja) nieder. Sie umfasst 15.693 Verse im Hexameter, die in 24 Gesänge unterteilt sind. Homers Aufzeichnung gilt als bedeutendes literarisches Werk der Antike. Der griechische Dichter - dessen zweites Werk "Odyssee" an die "Ilias" anschließt - lebte in Kleinasien. "Ilias" ist ein Werk des Übergangs von der Oralität zur Literalität: In ihr finden sich viele Merkmale der Rhapsodentradition, also mündlich vorgetragener Geschichten. Vorgeprägte Muster und wiederkehrende Formeln hatten in den mündlichen Erzählungen die Funktion, dem Vortragenden das Memorieren der Texte zu erleichtern, sie bilden ein wesentliches Strukturelement der "Ilias". Jahrhunderte alt und nicht endgültig geklärt ist die damit in Zusammenhang stehende, so genannte "homerische Frage", nämlich, ob die "Ilias" von einem einzigen Verfasser, Homer, geschrieben wurde, oder ob sie aus verschiedenen überlieferten Erzählungen besteht, die von unterschiedlichen Verfassern aufgezeichnet und nachträglich zu einem Ganzen gefügt wurden. So gesehen war Homer wohl nicht der Schöpfer der "Ilias", sondern deren literarischer Vollender. Die "Ilias"stellt den Beginn der Dichtkunst des Abendlandes dar. Es ist eines der ältesten literarischen Werke dieser Region, das nichts mit dem biblischen Weltbild zu tun hat.
Inhalt In der "Ilias" geht es um Machtgier, Wut und Zorn, Stolz, Intrige und Rache. Paris, Sohn des trojanischen Königs Priamos, entführt Helena, Gattin von Spartas König Menelaos. Dessen Bruder Agamemnon führt die Griechen gegen Troja. Es entbrennt ein zehnjähriger Krieg, der um 12 v. Chr. mit der Zerstörung der Stadt endet. In Homers "Ilias" wird ein nur 51 Tage umfassender Ausschnitt der Auseinandersetzungen während des letzten Kriegsjahres dargestellt. Für die Griechen der Antike war der Triumph über Troja identitätsstiftend. Auch die Römer leiteten später ihre Herkunft daraus ab: Der Legende zufolge flüchtete Aeneas - Vorfahr der Romgründer Romulus und Remus - aus Troja nach Italien. Die auch im Petersen-Film zitierte und im kollektiven Gedächtnis am meisten mit dem Kampf um Troja verbundene Legende um die List des Odysseus mit dem Trojanischen Pferd kommt in der "Ilias" gar nicht vor. Sie wird erst in der "Odyssee" erwähnt - aber auch nur beiläufig. bef
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