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Pjer Zalicas grelle Satire aus dem Nachkriegs-Bosnien mit wundersam einfühlsamer Poesie.
Gehen Untote um im bosnischen Nest Tesanj? Oder ist bloß der Vater des Feuerwehrmanns Faruk so verwirrt, dass er plötzlich meint, seinem gestorbenen älteren Sohn am Gartentisch, unter frühlingshaft blühenden Obstbäumen gegenüberzusitzen?
Weit ist es nicht her mit dem Frühling, trotz weißer Blüten. Es sind ja tatsächlich Untote unterwegs in Tesanj: die Vorurteile, die Erinnerungen, die fest ins Denken eingegrabenen Feindbilder.
Die Bösen sind die anderen. Man schneidet sie. Es sei denn, man braucht sie, um krumme Dinger zu drehen. Aber darüber spricht man nicht und jeder schaut mit großen Augen weg: der Bürgermeister, die Polizei, die meisten eben in Tesanj.
1964 in Sarajevo geboren worden zu sein - das heißt für einen Filmemacher, sich in prägenden Jahren vor allem mit dem Krieg auseinander gesetzt zu haben.
Pjer Zalica sagt über seine in Locarno mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnete und auch sonst auf einigen Festivals dekorierte Film-Farce "Gori Vatra - Feuer": "Es machte mich krank, Filme zu drehen über die Schrecken, die ich um mich herum sah: die Toten, das Blut und die unendlichen und unnützen Streitereien darüber, wer schuld sei und wer verantwortlich. Ich wollte Filme über den Frieden drehen. Schließlich kam der Frieden, und ich drehte weiterhin Filme. Da entdeckte ich, dass der Frieden schlimmer sein kann als Krieg."
Schlimmer als der Krieg? Das ist vermutlich das Weiterwirken des alten Hasses unter nach außen hin geordneten Verhältnissen. Wie eine Bombe platzt die Nachricht herein, dass der amerikanische Präsident das gottverlassene Nest besuchen werde.
Internationale Moderatoren tauchen auf. Ihnen muss auf Biegen und Brechen eine heile Welt vorgespielt werden, vorbildlich gelebter Frieden und neu erwachte Sympathie zwischen den Volksgruppen. Alle sollen zeigen, wie sie einander lieben! Die bosnische und die serbische Feuerwehr - ein Vorzeigeunternehmen an neu erwachtem Teamgeist im Zeichen begrabener Kriegsbeile und doch immer wieder hochgehender Minen.
Der meisterhaft ausbalancierte Film pendelt beständig zwischen sanfter Poesie und greller Polit-Satire. Deftigster Slapstick wird unvermittelt zurückgenommen und weicht einem präzisen Kamerablick, der feinen Regungen folgt und seelische Befindlichkeiten subtil freilegt.
Da ist der serbische Feuerwehrmann, der seinen Kollegen um Windeln für sein Kind bittet - aber wie steht der Bosnier vor seinen Freunden da, wenn er sich mit dem "Feind" einlässt? Und was geht um im Kopf von Faruk, wenn er seine Jugendfreundin, die auf eine Mine getreten ist und die Beine verloren hat, im Spital besucht - und dann mit serbischen Kollegen ein Bier trinken soll?
Der bosnische Filmemacher Pjer Zalica hat sich als Dokumentarfilmer in den neunziger Jahren einen Namen gemacht: "MGM Sarajevo" und "The End of Unpleasant Times" sind international beachtet worden. Zalica hat übrigens nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im fernen Grosny (an der International Film School in Grosny) studiert. Vielleicht ist es dieser von innen wie von außen geschärfte Blick, der ihm jetzt Distanz ermöglicht zur Mentalität des eigenen Volks.
Zalica verfällt nicht in Larmoyanz und er lässt sich auch nicht auf Schulmeisterei ein. Es gelingt ihm, Abstand zu bewahren und das Publikum in den deprimierendsten Szenen auch spontan zum Lachen zu bringen. Befreites Lachen kann aber auch unversehens in Katastrophen münden.
"Gori Vatra - Feuer!" Man kann Öl hineingießen oder mit Wasser löschen, und wenn man beides zur selben Zeit macht, dann können Flammen auch seitlich davonzüngeln. Genau dieses Unvorhersehbare macht den Film zum cineastischen Glücksfall.
REINHARD KRIECHBAUM
© SN
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