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Kritiken

Gegen die Wand
Selbstkritische Distanz
"Gegen die Wand" - in dem in Berlin preisgekrönten Film spielt sich die zweite und dritte Türken-Generation selbst.

Türkische Folklore am Bosporus, aber die Kapelle trägt schwarze Anzüge. Scharfer Schnitt in eine unterklassige Hamburger Türken-Disko. Da wie dort geht nichts zusammen. Ethnische und kulturelle Grenzen scheinen zu verschwimmen und bleiben doch wie unsichtbare Mauern stehen.

Was ein "Lehrstück" über den Umgang mit dem Fremden und die Integration hätte werden können, ist ein packender Film mit überschwappenden Emotionswellen und bedrohlichem Seelen-Tiefgang geworden.

"Willst Du mich heiraten?" Das Angebot der blutjungen Sibel an den Sandler Cahit, der eben nach einem Unfall im Vollrausch notdürftig verarztet worden ist, kommt aus heiterem Himmel. "Ich bin ein Penner", sagt er. "Aber du bist Türke", kontert Sibel, "dich akzeptieren meine Eltern."

Brautwerbung und Hochzeit nach türkischer Tradition im Hamburg des dritten Jahrtausends: Eine Schein-Ehe, um dem alten Brauch Genüge zu tun, um den Erwartungen der Eltern zu entsprechen. Er schlafe nur mit Männern, offenbart Cahit seiner Braut (aber das stimmt ebenso wenig wie manch anderes, was die Eheleute einander auftischen).

Für Sibel ist die Heirat, vorerst zumindest, nichts anderes als der Ausbruch aus den Fesseln türkischer Familien-Lebensart: "Ich will leben, tanzen, . . . und nicht nur mit einem Typen." In der Lebensgemeinschaft mit Cahit scheinen für sie alle Optionen offen.

Es fehlt nicht an komödiantischem Slapstick. Doch plötzlich kippt die Handlung in eine Tragödie, die allen Beteiligten den Boden unter den Füßen wegbrechen lässt.

Ist dieser imponierend-vielschichtige Film von Fatih Akin nun irgendwie einzuordnen?

Man sollte das gar nicht erst versuchen. Komödie, Tragödie, Beziehungsdrama, Ethno/Sozial-Epos: All das bringt einen nicht weiter. "Gegen die Wand" ist eine starke Geschichte vor einem gesellschaftspolitisch brisanten Hintergrund.

Der türkischstämmige, aber in Deutschland geborene Regisseur ist eben genau Kind jener zweiten oder dritten Türken-Generation in Deutschland, die er hier so minutiös genau und doch mit einer erfrischend kreativen (selbst)- kritischen Distanz beschrieben hat.

REINHARD KRIECHBAUM

© SN

 

diese seite | 05.04.2004 | 11:19

Daten und Fakten

Regie: Fatih Akin

Schauspieler: Cem Akin, Adam Bousdoukos, Meltmem Cumbul, Sibel Kekilli, Mehmet Kurtulus

Genre: Drama

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