|
Bei Isabel Coixets Drama "Mein Leben ohne mich" mit Sarah Polley kommen die Tränen von selbst
Die Nachricht trifft die junge Frau wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Sie hat Krebs. Nur noch wenige Monate bleiben, um das Leben, das ohne sie weitergehen wird, zu organisieren. Zwei kleine Kinder werden ihre Mutter verlieren, ein Ehemann seine Frau. Ann (Sarah Polley) will sich den anderen aber nicht mitteilen.
Sie beschließt, ihren Tod selbst in die Hand zu nehmen und sich damit auf ihre ganz eigene Art von der Welt zu verabschieden.
Ein Film wie ein Wolkenbruch aus lauter Tränen: In "Mein Leben ohne mich" inszeniert die kanadische Regisseurin Isabel Coixet den Tod als vollwertigen Teil des Lebens. Kein Pathos, keine Trauerklänge zum Abschied, kein Druck auf die Tränendrüse, kein Gejammere der Angehörigen.
Vielleicht ist "Mein Leben ohne mich" deshalb so ein trauriger Film geworden, weil der Tod darin nicht mystifiziert wird, sondern weil man sich mit ihm arrangiert, ihn akzeptiert. Die Tränen kommen dabei von selbst.
Coixets Heldin Ann fertigt sich eine Liste mit Vorhaben an, die sie noch vor ihrem Ableben erledigen will: Für ihre beiden kleinen Kinder will sie Tonbänder aufnehmen, die sie bis zu ihren 18. Geburtstagen begleiten sollen.
Was Ann, die als 17-jährige ihren Mann kennen lernte und seither in einem engen sozialen und gefühlsmäßigen Korsett steckt, noch mit ihrer Zeit tun will: Einmal will sie sich "so richtig besaufen", einmal noch will sie einen anderen Mann dazu bringen, sich in sie zu verlieben.
Die Prioritäten verschieben sich
Die Prioritäten in diesem Film verschieben sich rasch: Vor einem plötzlichen Regenguss sucht Ann nicht mehr Schutz, sie genießt ihn, nimmt die Tränen des Himmels begierig in sich auf. Was gestern zum quälenden Alltag gehörte, daran klammert man sich nun verbittert.
Die junge Darstellerin Sarah Polley, die seit Jahren vermehrt abseits des Mainstream klein budgetierte Filme dreht, kann in "Mein Leben ohne mich" ihr wunderbares Talent in voller Blüte zeigen. Ihr beklemmendes Spiel rührte selbst hart gesottene Filmkritiker zu Tränen, als der Film bei der diesjährigen Berlinale Premiere hatte.
Dabei ist es gerade ihre Ausdruckslosigkeit, die so gut vermittelt, was in ihrer Figur vorgeht. Auch das ist eine bewusst reduzierte Hysterie in der Darstellung des Todes. Das Aufwühlende an diesem emotionalen Drama kommt aus der Normalität: Der Tod, er ist zum Alltag geworden.
MATTHIAS GREULING
© SN
|