|
Was geschah beim Untergang der "Estonia" vor neun Jahren wirklich? Der Thriller "Baltic Storm" sucht Antworten.
Die Schiffskatastrophe der Passagierfähre "Estonia", bei der 1994 in der Ostsee 852 Menschen starben, schlug hohe Wellen. Bis in höchste Regierungskreise von Estland und Schweden, ja sogar bis ins Pentagon führte die Spur einer politischen Verschwö-rung, die das Ziel hatte, die Ausfuhr von modernen Waffen aus Estland nach Schweden zu verhindern. Der Preis dafür war die Sprengung der "Estonia".
Zumindest behauptet dies die Journalistin Jutta Rabe, die seither versucht, den Grund für den Untergang des Fährschiffes herauszufinden. Ihre Ergebnisse, die sie in einem Buch veröffentlicht hat, deckten sich in keiner Weise mit jenen der damals eingesetzten Untersuchungskommission, die immerzu von einem Unfall sprach. Rabe sammelte brisantes Material und unbequeme Zeugenaussagen rund um Waffenhandel, Geheimdienste und Vertuschung.
Das Buch, es ist zum Film geworden. "Baltic Storm" heißt der Polit-Thriller, der vom Untergang der "Estonia" erzählt, aber nicht in epischen Ausmaßen von "Titanic", sondern auf der (kostengünstigeren) Krimi-Ebene. Julia Reuter (gespielt von Greta Scacchi) heißt Rabes Alter Ego in der deutschbritischen Koproduktion, die in Schweden und Estland gedreht wurde. Ihre Nachforschungen stellt Julia nicht nur bei Überlebenden an (dargestellt etwa von Jürgen Prochnow), sondern auch bei der Obrigkeit - und fällt dabei sogar höchsten Geheimdienstkreisen unangenehm auf.
Regisseur Reuben Leder will sich in seinem Film leider nicht dazu durchringen, Position zu beziehen. Wessen Geschichte erzählt er? Die der karrieregeilen Journalistin? Die rührende des Vaters, der beim Untergang seinen 10-jährigen Sohn verloren hat? Die der Verbrecher, korrupten Politiker und geheimnisvollen Verschwörer?
"Baltic Storm" hat zu viel von allem, kennt keine Perspektive und wirkt dadurch unrund von der ersten bis zur letzten Einstellung. Starke Strukturprobleme im Buch waren bei einer solchen Vielzahl von Figuren und der schlechten dramaturgischen Gewichtung vorgezeichnet. Auch wird einmal mehr eines der Probleme europäischer Koproduktionen offensichtlich: Der Film handelt zwar von einer Hamburger Journalistin, wurde jedoch auf Englisch gedreht und kommt synchronisiert ins Kino. Aus einem spannenden Thema ist eine zusammen gezimmerte Verfilmung entstanden, die bestenfalls fürs Nachtprogramm im Fernsehen taugt.
MATTHIAS GREULING
© SN
|