|
Kenneth Branagh im berührenden australischen Rassendrama "Long Walk Home" von Philip Noyce.
100 Jahre lang wehrten sich die Aborigines gegen die Landnahme der weißen Siedler in Australien. Obwohl diese Expansion scheinbar friedlicher vor sich ging als etwa in Nordamerika, wo sich Weiße und Indianer regelrechte Kriege geliefert haben, dachten sich die britischen Herren subtilere Grausamkeiten für die Ureinwohner aus. Sie sonderten die Mischlingskinder von den reinrassigen Aborigines ab und schickten diese armen Geschöpfe in Umerziehunglager. Denn, so erläutert der Protector seiner Zuhörerschaft aus der besseren Gesellschaft, schon nach zwei Generationen würden aus diesen hellen Aborigines "richtige" Weiße werden.
Man sieht schon: auch vor Australien hat der Rassismus nicht halt gemacht. Wie ein Diktator konnte der Protector über Menschenleben entscheiden, Kinder für immer von ihren Eltern trennen und sie vorgeblich zu ihrem Wohle als niedrige Dienstboten in die Weiße Gesellschaft eingliedern.
Der australische Regisseur Philip Noyce, der in den 90er Jahren vorübergehend eine große Hollywood-Karriere gemacht hat, besinnt sich in "Long Walk Home" seiner Wurzeln. Er hatte 1988 mit dem Film "Todesstille" über ein havariertes Segelschiff mit einem einzigen Überlebenden in Hollywood auf sich aufmerksam gemacht und mit diesem Thriller die große US-Karriere seiner Landsfrau Nicole Kidman geebnet. Mit den Tom-Clancy-Verfilmungen "Das Kartell" und "Stunde der Sieger" (jeweils mit Harrison Ford) landete Noyce enorme Publikumserfolge. Erst kürzlich hat er mit "Der stille Amerikaner" eine niveauvolle Graham-Greene-Verfilmung herausgebracht.
"The Long Walk Home" setzt 1931 ein, als der britische Protector (Kenneth Branagh) mit Hilfe eines speziellen Gesetzes direkten Zugriff auf die Aborigines-Familien erhält, die ihm wehrlos ausgeliefert sind. Zwei halbwüchsige Schwestern und ihre kleine Cousine werden in ein 1500 Meilen weit entferntes Umerziehungslager verschleppt.
Doch die drei Mädchen zwischen 8 bis 14 Jahren ergreifen bei der ersten Möglichkeit die Flucht. Zu Fuß. Einzige Orientierungshilfe bei dieser unmenschlichen Wanderung ist ein quer über den Kontinent gespannter Zaun, der Kaninchen an ungehemmter Ausbreitung hindert - eine andere Segnung der Kolonialisten. Deshalb heißt der Streifen im Original "Rabbit Proof Fence".
Die wildromantische, karge Landschaft, die den Film ebenso eindrucksvoll prägt wie die großen, hilflosen Kinderaugen, kontrastiert zum bitteren Schicksal der Mädchen, die mit Glück und Raffinesse den Häschern mehrmals entwischen. Obwohl dem Trio nicht nur von Landleuten, sondern auch wohlmeinenden Farmersfrauen Hilfe zuteil wird, schaffen nur zwei der drei Mädchen den Gewaltmarsch. Denn der Protector, den nur die Reputation seines Amtes interessiert, setzt alle Ressourcen ein, um der Ausreißerinnen wieder habhaft zu werden.
Der Film hat beileibe kein Happy End, sondern - 30 Jahre nach Aufhebung des menschenverachtenden Gesetzes - ein trauriges Fazit. Der dieser Geschichte zu Grunde liegende Roman zählt heute immerhin zur Pflichtlektüre an australischen Schulen.
PIERRE A. WALLNÖFER
© SN
|