|
"Lichter", der neue Film von Hans-Christian Schmid über Grenzerfahrungen zwischen Deutschland und Polen
Trügerische Lichter: das, was von Schleppern einer Gruppe Ukrainer als das gelobte Land verkauft wird, ist in Wahrheit die polnische Grenzgemeinde Slubice. Berlin, die ersehnte Stadt im angeblich goldenen Westen, ist noch weit weg, und einige der Flüchtlinge werden nie dorthin gelangen. Sie sterben im Grenzfluss Oder, der in diesem Abschnitt als EU-Außengrenze fungiert. Doch anders etwa als in "Rezervni Deli", der fulminantdepressiven Grenz-Tragödie des slowenischen Regisseurs Damjan Kozole, stellt sein deutscher Kollege Hans-Christian Schmid in "Lichter" dem Schwermut und der Ausweglosigkeit Optimismus und phasenweise sogar Witz und Ironie zur Seite.
48 Stunden im Leben von Menschen dies- und jenseits der (Wohlstands-)Grenze: auf geschickte Weise collagiert der 38-jährige, aus Altötting stammende Regisseur die Schicksale unterschiedlichster Menschen-Schicksale, ohne dabei stur in den von Robert Altman und anderen Großmeistern ausgetretenen Epidosenfilm-Pfaden zu wandeln. Hans-Christian Schmid wechselt vom betrügerischen Schlepper-Unwesen zur privaten Tragödie eines an den Tücken der Marktwirtschaft scheiternden Matratzen-Händlers, von den Alltagsscharmützeln innerhalb einer Zigarettenschmuggel-Bande zur engagierten Behörden-Dolmetscherin, die zur Fluchthelferin avanciert. Was sie eint: Allesamt haben sie Sehnsüchte, allesamt kämpfen sie ums Überleben. Tag für Tag.
Schmid, der hierzulande vor allem durch "Nach fünf im Urwald", "23" und "Crazy" bekannt geworden ist, schlendert mit erstaunlicher Leichtigkeit durch die gemeinsam mit Co-Autor Michael Gutmann verfasste Tour de Melancholie. Die klug eingesetzte Handkamera von Bogumil Godfrejow lässt keine Sentimentalitätswucherungen zu, die im deutschen Film nicht unbekannte Lust zur Betroffenheit darf sich hier nicht ausleben. "Lichter" ist ein politischer Film, ohne Agitation zu betreiben, einer, der wachrüttelt und trotzdem auf Keule und Zeigefinger verzichtet. Ein penibel recherchierter Streifen, ein "Plädoyer gegen das Weggucken", wie es Hans-Christian Schmid selbst formuliert. Dass er mit Dokumentarfilmen Erfahrung hat, stellt er in den von ihm geschilderten Grenzerfahrungen zwischen Legalität und Strafbarkeit, Untergang und Hoffnung, Sein und Schein unter Beweis. Indem die großen Gefühle der zwischen Traum- und Albtraum Pendelnden nicht inszeniert werden, gehen sie so stark unter die Haut. Lichter flackern auf beiden Seiten des Flusses, doch nur auf einer Seite verheißen sie Glück.
"Der Grenzübergang Frankfurt an der Oder/Slubice selbst ist unheimlich. Vor allem nachts, wenn man aus Frankfurt kommt: er ist extrem hell, von Neonlicht erleuchtet, wie ein Ufo", sagt Schmid. Irrlichter im Niemandsland.
MARTIN BEHR
© SN
|