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Emanuele Crialese erzählt in "Lampedusa" die Geschichte einer Frau, die sich gegen patriarchalische Konventionen auflehnt.
Die kleine Insel zwischen Sizilien und Afrika repräsentiert das, was die Tourismuswirtschaft als Paradies anzupreisen pflegt: azurblaues Meer, einsame Buchten und ein archaisch anmutendes Fischerdorf. Crialese spielt in seinem Streifen "Lampedusa" geschickt mit diesen Klischees. Er fängt die Postkartenmotive ein und stellt sie einer Realität gegenüber, die nichts mit mediterraner Idylle zu tun hat: Ruinen nicht fertiggestellter Schwarzbauten, Müllkippen und allgegenwärtige Zeugnisse der Armut.
Die Symbolik der Schauplätze findet in der Handlung ihre Entsprechung. Auf den ersten Blick scheint das Leben der Insulaner ein beschauliches zu sein. Die Männer fahren zum Fischfang aufs Meer und die Frauen verarbeiten den Fang in der Konservenfabrik. Doch in den grausamen Spielen der Kinder deutet der Filmemacher gleich zu Beginn an, dass die Inselwelt nicht so heil ist, wie es scheint. Das Zusammenleben auf Lampedusa basiert auf den strengen Regeln einer eingeschworenen Männergesellschaft. Frauen haben diese kompromisslos zu akzeptieren. Schon für kleine Buben ist es selbstverständlich, ihre jugendlichen Schwestern herumzukommandieren.
Die ebenso temperamentvolle wie attraktive Grazia (Valeria Golino) widersetzt sich den Konventionen des Dorflebens. Ihr Widerstand wirkt aber nicht bewusst, sondern eher impulsiv. In einer Stadt würde wohl eine leichte Neurose diagnostiziert und diese in zwei, drei psychotherapeutischen Sitzungen behandelt. Auf Lampedusa manövriert sich die Frau des Fischers Pietro (Vincenzo Amato) in die Rolle einer angefeindeten Au-ßenseiterin. Das Paradies wird für sie zum Gefängnis.
Crialese erzählt die tragische Geschichte, die übrigens auf einen authentischen Vorfall Bezug nimmt, in einem märchenhaften Unterton, der stets einen Funken Resthoffnung in sich trägt. Die Stärken des Streifens, der 2002 bei den Filmfestspielen von Cannes im Rahmen der "Semaine de la Critique" als "Bester Film" ausgezeichnet wurde, liegen in seiner magischen Bildsprache und in einer intelligenten Metaphorik. Das Ergebnis ist ein spannendes Psychogramm einer Inselgesellschaft.
MICHAEL STADLER
© SN
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