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Good bye, Lenin!
Insel des irrealen Sozialismus
Wolfgang Beckers Komödie "Good Bye, Lenin!" ironisiert die DDR-Nostalgie. Das Ergebnis: eine humorvolle Politsatire.

Eine 79-Quadratmeter-Wohnung als Insel des irrealen Sozialismus - in den grauen Mauern eines Berliner Plattenbaus hat die DDR den Mauerfall überlebt. Hier werden noch die aus den Supermarktregalen verschwundenen Spreewaldgurken sowie der berüchtigte DDR-Kaffee Mokkafix genossen. Die "Jungen Pioniere" bringen der Muster-Genossin ein Geburtstagsständchen dar und der Parteifunktionär würdigt spröde ihre Verdienste.

Inmitten der Ruinen des untergegangenen Kommunismus ostdeutscher Prägung mutet dieses Szenario grotesk an. Die Inszenierung hat allerdings therapeutischen Sinn. Christiane Kerner, eine leidenschaftliche DDR-Aktivistin, war auf dem Weg zur 40-Jahre-Feier der Deutschen Demokratischen Republik auf der Straße zusammengebrochen und ins Koma gefallen. In den Monaten, die sie auf der Intensivstation verbrachte, löste sich die DDR auf. Als die Frau gegen alle Erwartungen der Ärzte erwacht, muss jede Aufregung von ihr ferngehalten werden. Sohn Alex beschließt deshalb, seiner ans Bett gefesselten Mutter das Ende des geliebten Systems zu verheimlichen. Regisseur Wolfgang Becker ("Das Leben ist eine Baustelle") führt den Wandel nach der Wende vor Augen, indem er seinen Protagonisten Alex die rasanten Veränderungen vertuschen lässt. Das beschert dem von Daniel Brühl gespielten Sohn jede Menge Stress. In Altglascontainern wühlt er fieberhaft nach Spreewaldgurkengläsern, um sie mit niederländischer Massenware zu füllen, und auch die Fernsehnachrichten müssen manipuliert werden. Gut, dass der beste Freund von Alex ein leidenschaftlicher Hobbyfilmer ist.

Diese Szenen, die der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" nachempfunden sind, bescheren der Komödie ihre Höhepunkte. Alex und Denis korrigieren die deutsche Geschichte gehörig. Zu Dokumentaraufnahmen vom Fall der Mauer und von Menschen, die im Freiheitstaumel darüber klettern, berichtet der Sprecher in sachlichem Tonfall, dass Tausende Westdeutsche vor Arbeitslosigkeit und wachsendem Rechtsextremismus in ihrer Heimat in den Osten fliehen.

Die Verkehrung der Geschichte durch mediale Manipulation ist eines der zentralen Themen von "Good Bye, Lenin!", die Entschärfung der Wirklichkeit durch persönliche Lebenslügen ein weiteres. In beiden Fällen geht es um die Verdrängung von Wahrheiten - witzig und intelligent in Szene gesetzt vor der klischeehaften Kulisse eines potemkinschen Dorfes namens DDR, reduziert auf zwei Zimmer in einem trostlosen Plattenbau. Dafür, dass die Komödie nie in simplen Klamauk ausartet, sorgt die etwas rührselig angelegte Mutter-Sohn-Geschichte als Korrektiv der Handlung. Kathrin Saß brilliert in der Rolle der todkranken DDR-Idealistin. Sie ist es auch, die das Geschehen auf den Punkt bringt: "Ein Wahnsinn!"

MICHAEL STADLER

© SN

 

diese seite | 11.08.2003 | 13:43

Daten und Fakten

Regie: Wolfgang Becker

Schauspieler: Daniel Brühl, Kathrin Saß, Florian Lukas, Chulpan Khamatova, Maria Simon

Genre: Komödie

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