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"The Hours", eine glänzende und eigenständige Filmversion des Romans "Mrs. Dalloway"
Exzentrisch und selbstmordgefährdet, eine feministische Ikone und eine Wegbereiterin der modernen Literatur: Virginia Woolfs Leben ist widersprüchlich und scheint für einen Hollywood-Film völlig ungeeignet. Umso erstaunlicher ist es, dass die Schriftstellerin als zentrale Figur in Stephen Daldrys "The Hours" auftaucht, einem der sehenswertesten Filme dieses Frühjahrs. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Michael Cunningham, der dafür 1999 den Pulitzer-Preis erhielt.
In drei Erzählsträngen beleuchtet Cunningham einen Tag im Leben von drei sehr unterschiedlichen Frauen: einerseits Virginia Woolf selbst, wie sie im Jahre 1923 gerade eine Struktur für den Roman "Mrs. Dalloway" sucht, andererseits Laura Brown, die 1949 im Vorstadtglück von Los Angeles zu ersticken droht und einzig im Lesen einen Ausweg findet, schließ-lich Clarissa Vaughan, die den Spitznamen Mrs. Dalloway trägt und die im New York der Gegenwart wie ihr literarisches Vorbild eine Party veranstaltet. Bezugspunkte und Parallelen zu Woolfs Leben und ihrer "Mrs. Dalloway" sind zahlreich, doch Cunninghams Figuren entwickeln ein Eigenleben, das auch ohne Vorkenntnis des Originals hervorragend wirkt.
Woolf vermerkt während ihrer Arbeit an "Mrs. Dalloway" sinngemäß in ihrem Tagebuch, dass sie hinter ihren Figuren schöne Höhlen ausgrabe, die ihnen Menschlichkeit, Humor und Tiefe verleihen. Die Idee sei, diese Höhlen zu verbinden, damit jede genau zum gegenwärtigen Moment beleuchtet werde.
Cunningham scheint mit seinen drei Frauen ähnlich zu verfahren. Die moderne Clarissa Dalloway hat auf ihrem Weg durch New York zu ihrem an Aids erkrankten Freund mit Laura Brown aus den vierziger Jahren nichts gemein, die damit beschäftigt ist, ihrem häuslichen Glück Sinn abzuzwingen. Doch die "Höhlen" hinter ihnen sind dennoch über die Jahrzehnte hinweg durch Ähnlichkeiten verbunden. Die Frauen gleichen einander in ihrer Auseinandersetzung mit den Erwartungen, die an sie gestellt werden, und den Rollenbildern, die sie zu durchbrechen suchen. Vor allem ähneln sie sich in ihrer Angst, ihr Leben könnte trotz aller Bemühungen trivial sein.
Hierin bildet auch das Porträt Virginia Woolfs keine Ausnahme. Cunningham eröffnet seinen Roman mit ihrem Selbstmord und zeichnet sie als eine Frau, die an sich selbst und ihrem Werk verzweifelt. Gleichzeitig verbirgt sich in den Höhlen hinter den drei Figuren aber eine sprudelnde Lebensfreude, die in Kleinigkeiten immer wieder hervorbricht und die sich in der Figur der Schriftstellerin vor allem im Akt des Schreibens selbst manifestiert.
An manchen amerikanischen Universitäten wird Virginia Woolf als feministische Kultfigur gehandelt, das Interesse an ihrem Leben ist jedenfalls enorm, und sowohl Roman als auch Film werden es weiter steigern. Woolf selbst merkte in einem Essay an: "Wie weit wir einen Dichter noch lesen werden, wenn wir über ihn lesen können, ist ein Problem." Doch in diesem Fall scheint die Sorge unangebracht: Film und Buch wecken nicht nur die Neugierde auf ihr Leben, sondern auch die Lust, ihre Werke zu lesen.
HANNA SIX
© SN
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