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Reiseberichte

Radeln durch Geschichte und Gegenwart
Von Helsinki bis Stockholm
Von Sightseeing bis 'Seele baumeln lassen' reicht der Bogen einer 650-Kilometer-Radtour von Helsinki nach Stockholm.

Am Flughafen in Helsinki gilt man noch als Exot mit seinem Drahtesel als fahrbarem Untersatz. Gut beraten ist, wer sich über die Sehenswürdigkeiten schon im Vorhinein kundig gemacht hat. Das 'Menü' auf dem 'geistigkulturellen Speiseplan' ist reichhaltig: Auf historischem Gebiet locken der Senatsplatz, flankiert von Universität und Regierungspalais, der alte Marktplatz, die Flaniermeile 'Esplanaden' und der mächtige Dom. Am nördlichen Stadtrand liegt das Olympiastadion. Unweit befindet sich das augenfällige Denkmal für den Komponisten Jean Sibelius, der erstmals eine Brücke zwischen Finnland und der internationalen Musikwelt schlug. Vorbei an der visionä-ren Felsenkirche verlässt man die Stadt mit dem ersten Teilziel Hanko an der Südwestspitze des Landes.

Gleich nach Helsinki durchquert der Radler die Vorstadt Espoo mit ihrer bekannten Gartenstadt 'Tapiola'. Nach 70 km lädt Tammisaari (schwedisch Ekenäs) zum Verweilen. Die gesamte finnische Region ist zweisprachig. Badefreuden und kulturelle Spurensuche wie in der alten Feldsteinkirche locken, ehe die 37 km nach Hanko warten, jener von drei Seiten vom Meer umschlungenen Stadt, von deren Wasserturm der Besucher einen beeindruckenden Blick auf das umgebende Schärengebiet hat.

Die Strecke nach Turku ist eher eintönig, weshalb sich als Alternative zum Erreichen der früheren finnischen Hauptstadt der Zug anbietet. Finnische Stadt mit drei Buchstaben? Fast alle Kreuzworträtselfreunde wissen die Lösung: Abo. Wenig bekannt ist, dass es der schwedische Name Turkus ist.

Ab jetzt ist Inselhüpfen angesagt. Eine der vier Möglichkeiten zum Erreichen des Aland-Archipels ist jene mit den riesigen Fährschiffen der konkurrierenden Linien Silja oder Viking mit dem Ziel der Hauptstadt der autonomen finnischen Region, Mariehamn. Die Welt ist nach erfolgter rund fünfstündiger Überfahrt kleinräumiger geworden, idyllischer - Ambiente genug, die Seele baumeln zu lassen, nicht unbedingt jedoch die Füße . . .

Aland beweist sein Herz für Radfahrer. Fähren lassen nie lange auf sich warten. Hat der Velo-Enthusiast die Inselhauptstadt hinter sich gelassen, ist er mit Wiesen, Buchen, Birken und ochsenblutfarbenen Häusern allein. Von Mariehamn mit seinem Seefahrtsmuseum und dem heutigen Museumsschiff 'Pommern' aus wählten wir Radler zunächst das Kunstmuseum Önningeby. Noch am selben Tag bot sich ein Trip Richtung Norden mit der Steinkirche von Jomala, dem Schloss Kastelholm und der zweischiffigen Kirche St. Johannes auf Sund an. Radeln ist hier im Norden theoretisch 24 Stunden am Tag möglich, da selbst in tiefster 'Nacht' im Sommer eine gewisse Resthelligkeit bleibt.


Radeln rund um die Uhr

Strebt der Tourist nach Schweden, so führt ihn die Route zwangsläufig nach Eckerö. Die westlichste Gemeinde Finnlands mit ihrem nostalgischen Postamt ist Ausgangspunkt der Überfahrt ins schwedische Grisslehamn. Von dort nach Uppsala macht das kulturelle Abenteuer Pause. Die 80 km in die alte Universitätsstadt haben es anderweitig in sich, gleichen sie doch einer ständigen Berg- und Talfahrt. Einen Besuch wert ist die Bibliothek Rediviva mit ihren 'Silberbibeln'. Das letzte Teilstück vor Erreichen Stockholms birgt zwei Kostbarkeiten. Zum einen Schloss Skokloster, als ehemaliges Nonnenkloster malerisch an einem See gelegen, zum anderen Sigtuna, jene Ansiedlung, die als erste schwedische Hauptstadt gilt.

Stockholm ist mit Helsinki kaum vergleichbar. Beide Städte liegen zwar unmittelbar am Wasser, wobei die Fährschiffe Monstern gleich fast bis ins Zentrum fahren. Dennoch: Stockholm ist wuchtiger, monumentaler. Historie und jüngste Vergangenheit liegen knapp nebeneinander. Trifft man angesichts der Vielzahl an erwähnenswerten Stätten nur eine Auswahl, so ließen sich nennen: Die Drottninggatan als Flaniermeile, die Fredrikskirche mit dem Grab Olof Palmes, des früheren Ministerpräsidenten, der 1986 auf offener Straße ermordet wurde. Der Besucher passiert das Schauspielhaus, in dem Ingmar Bergman wirkte, und gelangt zum grünen Stadtbezirk Djurgarden (Tiergarten), an dessen Gestade das Prachtschiff Wasa seine letzte - museale - Ruhestätte fand. Das Kriegsschiff sank 1628 auf seiner Jungfernfahrt noch im Hafen und wurde erst 1961 nach aufwendiger Suche fast komplett erhalten gehoben. Die Preissituation im Gastronomiebereich entspricht auch in Stockholm dem, was man schon vorher zu wissen glaubte. Davon macht die 'gamla stan', die mittelalterliche Altstadt mit Dom, Riddarshuset und deutscher Kirche keine Ausnahme. Über das Königliche Schloss mit seinen über 500 Zimmern und das Reichstagsgebäude erreicht der Besucher das Rathaus mit seinem berühmten Festsaal, in welchem alljährlich das Bankett anlässlich der Nobelpreisverleihung stattfindet. Gleich nebenan legen die Schiffe zu den beiden berühmten Schlössern im Westen der Stadt ab. Drottningholm ist Wohnsitz der Kö-nigsfamilie. Etwas länger braucht jener nostalgische Dampfer, der einen nach Mariefred zu Schloss Gripsholm bringt. Der Ort am Mälarsee verdankt seine Berühmtheit Kurt Tucholskys gleichnamigem Liebesroman. Dessen Grab kann man auf dem Friedhof besuchen. Wie endet das gefühlsbetonte Werk: 'Warum bleiben wir eigentlich nicht immer hier?'. . .

 

diese seite | 18.06.2002 | 15:49

Daten und Fakten

650-Kilometer-Radtour von Helsinki nach Stockholm.

Selbst in tiefster 'Nacht' im Sommer bleibt eine gewisse Resthelligkeit.

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