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Die erste Nacht in Transsilvanien beginnt mit einem blutigen Szenario: Himmel und Wasser färben sich dunkelrot.
Die Sonne versinkt hinter den Bergen. Von schroffen Gipfeln umzingelt, erstarrt der See im Tal von Vidra. Ringsum säuselt dichter Tannenwald. Noch heute sind die rumänischen Karpaten den meisten Westeuropäern bestenfalls aus Draculafilmen geläufig. Vermutlich der Grund dafür, warum das Dämmerlicht hier seltsame Fantasien heraufbeschwört. Erinnerungen an Märchen, in denen sich Kinder im Zauberwald verlaufen und wunderlichen Wesen begegnen, werden wach. Die Überleitung zu hier der Legende nach beheimateten Untoten mit spitzen Beißern fällt nicht schwer. Vorsorglich hält man Ausschau nach dem Draculaschloss.
Stattdessen klebt am Uferhang zwischen den Tannen ein Hotelkomplex. Dem Himmel sei Dank! Im Treppenhaus graue, spröde Betonwände. Erst nach längerem Suchen findet sich im ersten Stock ein Angestellter. Der finster dreinblickende Mann sperrt soeben die Rezeption ab und schüttelt bedauernd sein Haupt: Alles ausgebucht.
Nur harte Währung öffnet Hotelzimmer
Mit Hilfe harter Währung besinnt er sich schließlich doch auf ein letztes freies Zimmer. Im Hotel gibt es weder Verpflegung noch warmes Wasser und außer dem Griesgram kein Personal. Die Gäste stört das wenig, Rumänen sind Selbstversorger und lassen sich so leicht nicht ihr Wochenende trüben. Den Großteil der Zeit verbringen sie sowieso im Freien.
Feuer flackern rings um das Hotel auf. Männer und Frauen in Trainingsanzügen huschen geschäftig hin und her, bald duftet es nach gegrilltem Fleisch. Dann wird Zuica herumgereicht, der selbst gebrannte Pflaumenschnaps. Aus Autoradios dröhnt schwermütige Taragotmusik, wechselweise als Volkslied oder in Pop-Version. Die Menschen sind wild begeistert. Ihre geisternden Schatten im Feuerschein sind Teil des Naturschauspiels. Fern verschwimmen die Konturen der Bergkolosse im Dunkel. Zur perfekten Szenerie a` la Bram Stoker fehlt nur noch Wolfsgeheul. Erst spät fliehen die Menschen vor der eisigen Kälte in den Hotelklotz. Etliche Naturburschen übernachten einfach in ihren Autos.
Am anderen Morgen geht es endlose Serpentinen hinab ins Flusstal des Olt. Unserem alten Opel qualmen mächtig die Bremsen. Neben dem Strom schlängelt sich die Fernstraße durch die Schluchten der Zentralkarpaten. Holländische und türkische Lastzüge schlingern hier um die Kurven; seit den Balkan-Kriegen rollen die Vierzigtonner durch Rumänien. Auf einer Nebenstrecke kurz vor Sibiu eröffnet sich eine völlig andere Welt: Pferdekarren holpern hier über den löchrigen Asphalt. Ziegen und Kühe stehen in den Dörfern der Siebenbürger-Sachsen auf der Straße. Die Fahrt geht vorbei an Häusern mit mächtigen Torbögen und trutzigen Kirchenburgen. Alte Männer hocken auf Holzbänken, Frauen mit Kopftüchern halten ein Schwätzchen. Etwas weiter schwenken Zigeunerkinder Körbe randvoll mit Waldbeeren, ihre bunten Kleider flattern im Wind.
Doch die herbe Romantik ist Ausdruck bitterster Armut. Bis heute hat das Land unter den Folgen des Ceausescu-Regimes zu leiden. Nach der Revolution sind die meisten Rumänien-Deutschen in die Bundesrepublik ausgewandert. Heute verfallen ihre Dörfer, nur ein paar Alte sind geblieben. In manchen Orten haben Zigeuner die Auswanderer ersetzt. Obwohl die es im fernen Germania zu einigem Wohlstand gebracht haben, hängt ihr Herz an der Heimat. Zur der Ferienzeit sieht man unzählige Autos mit deutschem Kennzeichen.
Der Weg führt über Hochebene, durch dichten Mischwald, aus dem Bäche und Wasserfälle schießen. Dann kommt Brasov (Kronstadt) in Sicht, mit 300.000 Einwohnern die größte Stadt Transsilvaniens. Hier treffen wir auf Seni, der seit zehn Jahren in Hamburg lebt und sich bis heute nicht erklären kann, warum die reichen Deutschen ständig gestresst sind. Längst wäre er nach Rumänien zurückgekehrt, 'aber meine Kinder haben hier keine Zukunft'. So begnügt er sich mit drei stressfreien Wochen im Jahr, während der restlichen Zeit vermietet er seine kleine Wohnung in Brasov.
Die Altstadt erstreckt sich zwischen Hügelketten in einem schmalen Talkessel, im Hintergrund hangelt sich die Seilbahn auf den 400 Meter hohen Hausberg Timpa. In den verwinkelten Gassen herrscht eine Mischung aus Zipfelmützigkeit und schleichendem Verfall. Zum dreieckigen Marktplatz hin putzen sich die ehrwürdigen Bürgerhäuser mit ihren roten Dächern, den Giebelfenstern und verwitterten Laubengängen immer mehr heraus. Dort steht die evangelische Schwarze Kirche, die zu ihrem Namen kam, als sie im Mittelalter einem Feuerangriff der Türken widerstand. Zwischen Geschäften und Cafe`s hat Ion Tiriac eine Bank eröffnet, nebenan brummt die unvermeidliche McDonalds-Filiale.
Dacias, der rumänische Renault-Nachbau, röhren in allen Variationen durch die Straßen. An einer Kreuzung stürzen sich Jungen mit schmutzigen Gesichtern auf die Autoscheiben. Die Fahrer fluchen - 'hai taio'. Haut ab! Zwecklos, die Abreibung ist in vollem Gange. Dem Verkehrsinfarkt entkommend, geht es bergan in den Wintersportort Poiana Brasov.
Eine Seilbahn startet von hier auf den Berg Postavarul, wo man in 1800 Metern Höhe kaum satt wird vom Schauen: Im Westen leuchten die schneebedeckten Gipfel des Fagaras-Gebirges, gegenüber die Dächer von Predeal, der höchstgelegenen Stadt Rumä-niens.
Vor der Revolution gab's selten Schoko
Talwärts am Hang rupft ein Knäuel Schafe das erste zarte Grün. Kaum von den Tieren zu unterscheiden sind die Hüterhunde mit ihren langen Zotteln; es sind furchtlose Riesen, die die Herde auch gegen Bären und Wölfe verteidigen. Unten im Hotel Sportul angekommen, zaubert der Koch, ein alter Freund von Seni, sein Spezialmenü. Vor der Revolution war Seni in Poiana beim Skiverleih beschäftigt. Dabei bekam er von West-Touristen regelmäßig Schokolade und andere Kostbarkeiten zugesteckt. 'Unter Ceausescu war das wie ein Sechser im Lotto', erinnert er sich.
Dass der verhasste Conducator durchaus ein Faible für Marktwirtschaft besaß, wird klar, als auf dem Rückweg die Burg von Bran auftaucht. Das inmitten zerklüfteter Hügel auf einem Felsen thronende Gemäuer wurde von den Kommunisten zum offiziellen Draculaschloss erklärt. Seitdem hat die Fangemeinde ihren Wallfahrtsort und deckt sich zu Füßen der Burg mit Wollpullovern und bluttriefenden T-Shirts ein. Selbst auf Sonderwünsche ist man vorbereitet. Es gibt Rundreisen zu den vermeintlichen Wirkungsstätten Draculas, Hotels mit Kellergruft und Souvenirs vom Kerzenleuchter bis zum Topf mit Erde.
Übernachten mit Kruzifix als Schutz
Manche, wie der junge Amerikaner Steve, wollen es noch genauer wissen. Die Nacht zuvor hat er deshalb mit Kruzifix und Schlafsack in der Burgruine von Tirgoviste, etwa 80 Kilometer weiter südlich, verbracht. Dort ließ das historische Vorbild Draculas, der Walachenfürst Vlad Tepes, im 15. Jahrhundert seine türkischen Gegner auf Holzpfähle spießen. Mit Steve haben noch etliche Vampir-Touristen auf dem blutgetränkten Boden kampiert. Schauerlich schön sei es gewesen, berichtet er. Auch wenn sich die Hoffnung auf ein paar leibhaftige Blutsauger nicht erfüllte.
Zurück in Brasov, tauchen derweil die ersten Geschöpfe der Nacht auf: Gestyltes Partyvolk in grellbuntem östlichen Schick. Der Abend beginnt in einer Bar mit Bloody Mary, dem wohl passendsten Getränk in Transsilvanien. Mancher Tourist zählt dabei heimlich im Spiegel über dem Tresen die Gäste - man kann nie wissen...
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