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Reiseberichte

Flanier-Meile "Freedom Trail"
11. Jänner 2003
Auch Boston hat seine Wolkenkratzer. Doch das ist schon die einzige Parallele zu den meisten anderen Zentren an der Ostküste.

Boston. Wem käme da nicht der Kunst-Stich von der "Tea Party" aus dem Englischbuch in den Sinn: Drei Segler im Hafen, eine aufgebrachte Menschenmenge, irgendwas wird ins Wasser geworfen. Teekisten erklärt die Bildunterschrift, "no taxation without representation" merkte man sich für die Klassenarbeit: "Keine Steuern mehr aus unserer Kolonie, bevor wir nicht im Unterhaus sitzen!" So muss das gewesen sein an jenem Abend des 16. Dezember 1773, der Boston zum "Geburtsort der amerikanischen Unabhängigkeit" werden ließ. Heute stehen Wolkenkratzer an jener Stelle, wo die Väter der Revolution 60 Tonnen Tee - Stoff für 24 Millionen Tassen - für die Freiheit ins Wasser kippten.

Keine Stadt im amerikanischen Sinn

"Seht her, das haben wir aus unseren Träumen gemacht!", scheint jede einzelne der postmodernen Fassaden an der Waterfront zu verkünden, während weiter draußen die Jets auf Logan Airport starten und landen. Wer will, kann von dort auch ein Wassertaxi nehmen, eine Brise Seeluft vor dem Geschäftstermin. Und auch wer die Hauptstadt von Massachusetts nur so, während einer Tour die Ostküste "rauf", besucht, wird eine Bootsfahrt entlang der Waterfront zu schätzen wissen. Denn "Downtown Boston" erforscht man am einfachsten auf Schusters Rappen.

Warum das so ist, verrät ein Blick aus dem 60. Stockwerk des John Hancock Towers. Was sich da zu Füßen des höchsten Gebäudes Neu-Englands ausbreitet, ist keine Stadt im amerikanischen Sinn. "Brownstones", alte englische Wohnhäuser, statt ausschweifender Wegwerf-Architektur, heillos verschlungene Gassen statt autogerechtem Schachbrettmuster, Kirchtürme, Hügel, mittendrin die goldene Kuppel des Massachusetts State House am oberen Ende von "Boston Common", dem ältesten öffentlichen Park der USA von 1634. Auch in den Straßen kein New Yorker Chaos, keine hupenden Taxis und gehetzten Leute, weder Ghettoblaster noch abgrundtiefes Elend. Stattdessen viel Grün, Zonen zum Einkaufen und Flanieren und ein Wirrwarr von Gassen und Einbahnstraßen, das jeder italienischen Altstadt zur Ehre gereichen würde. Dazwischen, manchmal klitzeklein im Schatten von Glas und Beton, irgendein Säulenbau, ein Kirchlein, ein alter Friedhof. Boston - "Wiege der Freiheit": Das also sind die Plätze, an denen die Geschichten erzählt werden müssen.

An der Stätte der Unabhängigkeit

Und so will Bostons Hauptattraktion ebenfalls zu Fuß erwandert werden: "Freedom Trail", der "Weg der Freiheit", dreieinhalb Kilometer lang; ein rotes Band auf dem Trottoir weist den Weg durch die Geschichte der amerikanischen Unabhängigkeit und seiner Lichtgestalten - Paul Revere, der 1775 mit seinem Ritt nach Lexington die Amerikaner vor den aufziehenden Briten warnte, George Washington, der die Stadt 1776 von den Briten befreite, John Adams, der vom Old State House die Unabhängigkeitserklärung verlas, oder John Hancock, erster Gouverneur von Massachusetts.

Treffpunkt der Bostonians, ob zur Mittagspause oder am Wochenende, ist Faneuil Market, der quirlige Platz um die Markthalle von 1742. Der hugenottische Kaufmann Peter Faneuil hatte sie seinerzeit unter der Bedingung, stets öffentlich zugänglich zu sein, der Stadt geschenkt. Vor der Tür bestimmen Gaukler und Straßenmusikanten das Bild, dazu eine Flotte von Verkaufswagen mit Kitsch und Kunst, Kürbisköpfen und Eier-Sandwiches.

Doch seinen Appetit zügelt man besser bis zum North End, Bostons ältestem und vielleicht interessantestem Viertel. Allen Yuppies, die ihre Liebe zum zentrumsnahen Wohnen in alten Häusern entdeckt haben, zum Trotz ist North End seit jeher fest in italienischer Hand. Gutes Essen, Wäsche auf der Leine, alte Männer, die sich über "Inter" und "Juve" die Köpfe heiß reden, um die Ecke eine Hochzeit mit dunklen Anzü-gen und Straßenkreuzern - hier geht das Leben seinen eigenen, mediterranen Gang.

Geschichte pur dann wieder jenseits des Charles River, wo der Weg das Hafenbecken erreicht: Mit der "USS Constitution" kann hier das erfolgreichste Kriegsschiff der US-Geschichte besichtigt werden. Ein eindrucksvoller Blick über die Heimatstadt John F. Kennedys und die zurückgelegte Wegstrecke bietet sich nach 294 Stufen vom Bunker Hill Monument, einem 67 Meter hohen Obelisken am Ende des Freedom Trails.

Koketterie mit Geschichte und Kultur

Wer in Boston was auf auf sich hält, wohnt in Beacon Hill, wo Gaslaternen Backstein und Schmiedeeisen in warmes Licht tauchen, genießt einen nebeligen Herbsttag im Lesesaal des altehrwürdigen Athenaums und ist stolz auf den von den Großeltern geerbten Stammplatz beim Boston Symphony Orchestra. Der Nachwuchs paukt im "Boston Latin", Amerikas ältester Schule von 1635, und studiert später in Cambridge, drüben auf der anderen Seite des Charles River, wo mit Harvard University und Massachusetts Institute of Technology (MIT) gleich zwei Titanen des US-Bildungswesens zu Hause sind.

Nach so viel Kultur noch ein touristisches Verdauungshäppchen: "Nonstop Tea Party" für jedermann, täglich 9 bis 18 Uhr an Bord der "Beaver II". Kostümierte Führer, ein Blick in den Laderaum der nachgebauten Brig, die letzte Teekiste von einst und eine Rolle, in der man seinen Protest (gegen wen oder was auch immer) eintragen kann. Zum Schluss darf dann jeder mal eine Kiste Tee über Bord werfen. Angeleint. Wegen der Umweltverschmutzung.

Autor/in: LOTHAR STEIMLE

© SN.

 

diese seite | 13.01.2003 | 10:04

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