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Reiseberichte

Schweden-Traum in der Karibik
30. November 2002
Fast 100 Jahre lang haben auch die Schweden ihrem Traum vom Kolonialismus gefrönt. Auf einer kleinen Karibik-Insel.

Stellen Sie sich vor, Sie machen auf einer kleinen Karibikinsel Urlaub, mit Sonnenschein von früh bis spät, einer stetigen leichten Passastwind-Brise und einer Wassertemperatur von 28 Grad. Ein Paradies ohne alle die großen Hotelburgen des Massentourismus, dafür mit zwei Dutzend wenig frequentierten Sandstränden in unverbauten türkisblauen Buchten, Marke "Geheimtipp" also.

Aber was ist das?! Überall auf der Insel wehen die wohlbekannten blaugelben Flaggen, auf den Straßenschildern sind nicht nur die Namen schwedischer Könige zu lesen, sondern sie sind teilweise sogar in schwedischer Sprache gehalten. Der malerische Hauptort der Insel heißt Gustavia, der Flugplatz ist auf den Namen Gustav III. getauft, über der Eingangstür zur Bar mit den leckeren Rumcocktails prangt unübersehbar ein Systembolaget-Emblem des staatlichen schwedischen Alkoholmonopols, und hinter der Theke hängt ein Bild von König Carl XVI. Gustav und von Königin Silvia an der Wand!

Nein, kein Elch hat Sie geknutscht, das alles gibt es wirklich, und zwar auf dem 25 qkm kleinen und von 7000 zumeist französisch sprechenden Einwohnern besiedelten Inselchen Saint-Barthèlemy, in schwedischer Schreibweise Sanct Barthelemi, das von 1785 bis 1878, königlichschwedischer Besitz war. Christoph Kolumbus gab der Insel ihren Apostel-Namen. Zum Anlegen sah er keinen Anlass, denn sie war ihm zu klein und ein Stamm der gefürchteten Kariben-Indianer lebte darauf.

Außerdem ist Saint-Barthèlemy zwar sehr hügelig und steil, aber die höchste Erhebung, der Morne de Vitet, misst nur 286 Meter. Ist also zu niedrig, um Regenwolken anzuziehen, weshalb es auf der ganzen Insel nur Trockenvegetation und keine Quelle gibt und in Zeiten, bevor man Meerwasser aufbereiten konnte, der seltene Regen in Zisternen gesammelt werden musste. Landwirtschaft war unter diesen Bedingungen nicht möglich.

Weiße Insulaner mit Trachtenmütze

Keine attraktive Insel also für die frühen europäischen Kolonisten, und wenn die Karibik im 17. Jahrhundert nicht eine solch überragende handels- und militärstrategische Rolle gespielt hätte, dann wären wohl nie die französischen Siedler gekommen, die sich seit 1674 dauerhaft auf Saint-Barthèlemy niederließen. Sklaverei gab es keine, und deswegen sind - im Gegensatz zu den Nachbarinseln - die eingeborenen Insulaner fast alle Weiße, ja sie sprechen sogar noch altertümliche französische Dialekte und tragen an Festtagen bretonische Trachtenmützen.

Einer der seltenen braunhäutigen Saint-Barthèlemianer trägt kurioserweise einen schwedischen Namen und ist der Besitzer der in der ganzen Karibik berühmten Bar "Le Select", wo das Systembolaget-Schild und das Bild des schwedischen Königspaares hängt: Marius Stackelberg, der auf die 80 zugeht, aber mindestens zwanzig Jahre jünger aussieht. Ein Vorfahre des rüstigen Barkeepers war der schwedische Gouverneur Stackelberg, der von 1811 bis 1816 auf Saint-Barthe`lemy residierte und wohl dem Charme einer schwarzen Schönheit von irgendwo aus der Inselnachbarschaft nicht hatte widerstehen können.

Damit zum Thema schwedische Kolonialzeit: Wie kommt das skandinavische Königreich zu einer karibischen Insel? Nun, 1784 war es, und Schwedens Gustav III. und Frankreichs Ludwig XVI. waren einander in königlicher Freundschaft verbunden, da beschlossen die beiden Länder einen Tausch: Frankreich erhielt einen Stützpunkt und Handelsrechte im Hafen von Göteborg, und Schweden bekam dafür das kleine Karibik-Eiland, das für das kolonienreiche Frankreich ohnehin von geringem Wert war.

Sobald aber erst einmal die blaugelbe Flagge über der Bucht wehte, die sogleich nach dem schwedischen Monarchen auf Gustavia getauft und mit drei Forts verteidigungsfähig gemacht wurde, begann das goldene Zeitalter für die Insel. Gustavia wurde zum Freihafen erklärt, was bis heute gilt. Steuerfreier Einkauf von exklusivem Schmuck, Designer-Mode und edlen Parfüms ist eine der liebsten Beschäftigungen betuchter Touristen.

Ebenso rasch wie der Reichtum gekommen war verschwand er aber auch wieder, und nachdem Gustavia bei einem Großbrand 1852 in Schutt und Asche versunken war, beschloss Schweden, die Insel wieder abzustoßen. Erneut kam Frankreich zum Zug. Für kümmerliche 320.000 Francs erhielt Paris im Jahre 1878 die Hoheitsrechte über die Insel zurück, und ihre nur noch 900 Bewohner votierten mit bloß einer Gegenstimme für die Transaktion.

"Oh, wie entsetzlich dumm waren wir doch damals, wir haben ein Paradies für einen Pappenstiel hergegeben", liest man schmunzelnd die Eintragung eines schwedischen Touristen im Gästebuch der "Le Select"-Bar, ein Gästebuch, das Marius Stackelberg exklusiv schwedischen Gästen vorbehält. Von denen es nicht wenige gibt: Denn in Schweden erinnert man sich heute wieder gerne der karibischen Kolonialepisode, und besonders seitdem König Carl Gustav, ein begeisterter Segler, mit Gattin Silvia im Jahr 1988 auf Saint-Barthèlemy Urlaub machten, folgen viele Landsleute ihrem Beispiel nach. Aus Anlass dieser inoffiziellen königlichen Visite machte das Königspaar auch die Bekanntschaft seines treuen Untertanen Marius Stackelberg und lud ihn zum Gegenbesuch nach Stockholm ein. Jede Menge Photos von diesen Anlässen und Begegnungen auf höchster Ebene hängen an den Wänden des "Le Select", und an einem Ehrenplatz hinter Glas kann man eine silberne Verdienstmedaille am Band bewundern, die Carl Gustav im königlichen Palast Marius Stackelberg für Verdienste um die Bewahrung schwedischen Kulturerbes in diesem Winkel der Neuen Welt umhängte.

Für die Vertiefung der Beziehungen zum einstigen Mutterland tritt auch die AS-BAS ein, die "Association Saint-Barthèlemy des Amis de la Suede", die Freundschaftsgesellschaft mit Schweden also, die seit 1977 besteht. Langzeitpräsident Jean Magras, der eine Bar und einen Gemischtwarenladen im Dorf Colombier im Westen der Insel betreibt, hat sein Amt inzwischen an Denis Dufau übergeben, der mit der blonden Schwedin Maj verheiratet ist, die 1978 bloß zum Urlauben in die Karibik gekommen war...

Oase der Hollywood- Diva Greta Garbo

Schwedische Spuren allerorten auf der Insel - die Schweden-Nostalgie hat aber in jüngster Zeit noch einen wirtschaftlichen und politischen Hintergrund bekommen. Die Einwohner von Saint-Barthèlemy berufen sich nämlich seit jeher auf das ihnen 1878 gewährte Privileg der Steuerfreiheit. Freilich: Damals lebte bloß eine Hand voll Fischer auf der kargen Insel, doch heute boomt der exklusive Tourismus. Schrittmacherin war wieder eine Schwedin, Hollywood-Diva Greta Garbo, die sich gerne in ihr Domizil im Hotel Eden Rock an der idyllisch gelegenen Baie St. Jean zurückzog.

Heute leisten sich ein paar Vertreter der Glamour-Welt der High Society leisten sich teure Villen an den meerwärts gewandten Hängen der friedlichen Insel, und so sind die Saint-Barthèlemianer über die Jahre sehr wohlhabende Leute geworden. Dank des Umstandes, dass sie ihre Einkünfte nicht versteuern müssen, natürlich auch.

HARALD STEINER

© SN.

 

diese seite | 02.12.2002 | 10:29

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