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Reiseberichte

Todesstätten der Lebensfreude
25. Oktober 2002
In Norditalien verkaufen Grabfiguren Brezeln. Verstorbene versuchen, mit gigantischen Kunstdenkmälern zu imponieren.

Um ihr Brot zu verdienen, musste Caterina Campodonico tagein, tagaus Backwaren auf den Straßen und Plätzen Genuas anbieten. Obwohl sie nicht zu den hervorragenden Persönlichkeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts zählte, war sie darauf versessen, nach dem Tod „unvergessen dazustehen”. Sie scheute keine Mühsal, um die Summe für ihr Grabmal aufzubringen. Schließlich war sie in der Lage, den großen Künstler Lorenzo Orengo zu beauftragen, ihr ein steinernes Ebenbild mit den Insignien ihres Berufes - Brezel und Nusskette - zu schaffen. Nun gilt dieses Werk als eine der beliebtesten kulturellen Attraktionen ihrer Heimatstadt.

Damals stellten manche die eigene Friedhofsplastik noch bei Lebzeiten auf. So hatten sie Gelegenheit, eigene Wünsche in die Gestaltung der Skulptur einfließen zu lassen. Gerade deshalb erweisen sich viele dieser Kreationen als vital und lebensecht.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts verewigten die Gründer von „Staglieno” mit ihrer Totenstätte den Glanz und Reichtum ihrer Stadt Genua. Darüber hinaus ließen sie jenen Ort der Toten zu einem Paradies werden, wo Hinterbliebene ihre teuren Verblichenen immer wieder gerne aufsuchten. Bei einem Spaziergang durch Staglieno kommt tatsächlich kaum Trübsinn auf, denn die steinernen und bronzenen Plastiken sind künstlerisch verdichtete Bilder aus dem Alltagsleben. Ohne uns zu beachten, gehen sie ihren üblichen Tätigkeiten nach: Caterina Campodonico verkauft Salzgebäck, der Arzt Enrico Amerigo schenkt einem blinden Mädchen das Augenlicht wieder und ein ertrunkener Jüngling bereitet sich auf einen Badeausflug vor. Während Kinder herumtollen, stellt eine junge Schönheit ihren Busen frei und ungeniert zur Schau. Mitten in diesem Treiben schlummert die Göttin der Liebe; in dieser Pose hat angeblich ein Apotheker seine Angebetete verewigt. Auch wenn manche der Plastiken zentimeterdick mit Staub bedeckt ist, wird ihr Lebenselan vom hygienischen Defizit kaum gebremst.

Freilich wirken einige Bereiche des Friedhofs düster und deprimierend, z. B. die starren Reihen der
Grabsteine aus dem letzten Weltkrieg. In Staglieno fehlt es auch kaum an historischen Persönlichkeiten. Das Grabmal von Giuseppe Mazzini strahlt mit seinen klassischen Formen eine gewisse Würde aus. Wie bei einem altgriechischen Tempel bilden zwei kannelierte dorische Säulen den Eingang. Der hier geehrte revolutionäre Held, der eine Hauptrolle bei der Befreiung Italiens von der Fremdherrschaft spielte, musste den Großteil seines erwachsenen Lebens im Exil verbringen.

Vor allem wichtige Figuren aus Handel und Industrie sind im 1866 fertiggestellten Mailänder Friedhof „Cimiterio Monumentale” bestattet. Noch aus dem Jenseits scheinen sie ihre Konkurrenten mit Bauwerken und aufwändigen Kunstobjekten in den Schatten stellen zu wollen. Die so entstandene „Galerie” bedeckt eine Fläche von 250.000 qm. Sie zu begutachten, dauert viele Stunden.

Viele Dynastien der Großindustrie fanden auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe. Zuerst bestaunen wir das Grabmal der Aperitifenkönige, der Camparis. Diese Familie, für ihr bitteres alkoholisches Getränk aus Orangenschalen bekannt, ließ hier ein lebensgroßes Abendmahl aus Bronze gießen. Der 12 m hohe Marmorturm des Baumwollfabrikanten Antonio Bernocci ist ebenfalls beeindruckend; ihn schmücken zahlreiche Figuren, die den Leidensweg des Erlösers verdeutlichen. Einen herzzerreißenden Anblick bietet das „nur” 5 m lange Casati-Grabmal. In süßen Träumen versunken schlummert darauf ein bronzenes Mädchen; nichts ahnt es von den wartenden Engeln, von dem langen Weg, der ihm bevorsteht. Etwa in gleichen Dimensionen erscheint eine Gruppe von Plastiken der Familie Besenzanica. Eine schlafende menschliche Figur schwebt über einem Ochsengespann, das die Erde für neues Leben aufbereitet. Danach erhebt sich wie eine Fes-tung ein 7 m hoher Steinsarg auf kurzen säulenartigen „Stutzen” - das Palanti-Mausoleum aus der Mussolinizeit (ca. 1928). Von darin wohnenden Helden kündet stolz die Inschrift: „Dem Vaterland hast du dein Blut geopfert”.

Die Familie Bruni ließ sich wie die Pharaonen eine Pyramide errichten, zudem bewacht eine Sphinx den Eingang. Auf unserem weiteren Weg geraten wir unversehens auf einen Kriegsschauplatz. Ein Bronzesoldat zögert noch einen Augenblick, bevor er seine Granate wirft. Noch größere Angst jagt uns die Begegnung mit einer Plastik ein. Die Hände wachsen direkt aus dem Körper der Figur, ähnlich dem Auge eines Pe-ris-kops dreht sich ihr Kopf an einem giraffenartigen Hals. Auf diesem Friedhof, wie auch sonst in Italien, sind Individualismus und Toleranz betont. Uns erstaunt es, verschiedene, ja sogar gegensätzliche Ideologien und Kunstauffassungen in engster Nachbarschaft vorzufinden.

Auf einen Nachtisch müssen wir hier nicht verzichten; die Familie Motta serviert uns nämlich einen Hefeteigkuchen aus grauem Granit. Dieser Panettone ist ein Erzeugnis der von ihr gegründeten Firma. Danach entdecken wir prominente Namen wie Pirelli, Marelli, Feltrinelli, Sonzogno, Erba, Bracco und Zambelli. Sogar der Komponist Arturo Toscanini residiert hier, an ihn erinnert ein weißes Jugendstil-Grabmal.

In dieser illustren Gesellschaft scheint der Wunderpriester Giuseppe Gervasini fehl am Platz. Man hatte ihn wegen ungebührlicher Heilungsriten zeitweilig seines Amtes enthoben, er wurde aber weiterhin im einfachen Volk verehrt.

Über Sinn und Zweck der künstlerischen Monumentalität auf dem Friedhof lässt sich streiten. Tatsache ist, dass Italiener immer und überall - auch angesichts des Todes - prunkvolle Theatralik lieben. Die Geschichte von Caterina Campodonico erfreut jedenfalls das Herz aller. Mit den Mitteln einer bescheidenen Frau ist es ihr gelungen, die Größen ihrer Zeit zu übertrumpfen. In der Beliebtheitsskala hat sie eindeutig den ersten Platz erobert.

Autor/in: STEPHEN SOKOLOFF

© SN

 

diese seite | 28.10.2002 | 13:19

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