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Sie war gerade 13 Jahre, als die Priester der Inka sie opferten. Ihr Tod sollte die Mächte der Natur besänftigen, die noch heute Peru prägen.
Sie scheint zu lächeln. Mehr als 500 Jahre schlief sie unter Eis und Schnee, bis die Mächte der Natur - denen sie einst geopfert wurde - sie wieder freigaben, am Kraterrand des schneebedeckten Ampato nahe Arequipa. "Juanita, die Prinzessin des Eises", sagt José und zeigt über die gelbe Steinwüste auf die dahinter aufragenden weißen Gipfel. Der Blick verschwimmt unter dem grellen Sonnenlicht des Gletschers und dem tauben Gefühl im Kopf. Das Atmen ist zur Mühe geworden auf den letzten Metern zur Spitze des 6075 Meter hohen Chachani. Jeder Schritt erfordert die ganze Kraft, die Steigeisen an den Füßen scheinen Kiloschwer. Der zunächst mühelos scheinende Aufstieg - einem drei Stunden dauernden Spaziergang in den verschneiten Alpen gleich - hat sich als sechsstündiger Kampf mit der Höhe erwiesen.
Die feinen Sandalen fallen einem ein. Und die zarte Gestalt, eher einer Sechsjährigen gleich als einem Mädchen von 13 Jahren. Der Gipfel des Ampato liegt noch 300 Meter höher als der des Chachani. Juanita muss betäubt gewesen sein, als sie mit der prunkvollen Prozession am Vulkan ankam. Gehüllt in bunte Stoffe aus Alpaka, den Kopf geschmückt mit einem Regenbogen aus Papageien-Federn, ausgestattet mit Kultgegenständen aus Gold und Silber. Man gab ihr Chicha zu trinken, Maisbier, das auch heute in Peru bei keinem Fest fehlt. Das Bewusstsein hat sie wohl verloren, bevor ihr der Priester mit einem Schlag die Schläfe zerschmetterte. Die Grausamkeit von Kinderopfern erstaunt angesichts der technischen Fähigkeit der Inka, die noch heute den Besucher bei einer Reise durch Peru verblüfft. Ein Volk, das bereits vor über 500 Jahren Bewässerungsterassen und -kanäle anlegte, die noch jetzt Wüstengebiete in fruchtbares Land verwandeln. Das meterhohe Felsblöcke mit Sand und Steinen zu millimetergenau aufeinanderpassenden Puzzles zurechtschliff und durch bisher ungeklärte Kräfte daraus Mauern errichtete, die den Erdbeben trotzen, während die darüber errichteten Gebäude der Neuzeit wie Kartenhäuser zusammenfallen. Ein Volk, das die Astronomie beherrschte und hunderte Kilometer lange Straßen durch den Dschungel baute. Das in nur hundert Jahren geheimnisvolle Städte wie Macchu Picchu schuf - und ebenso schnell in Vergessenheit geraten ließ. Ein Volk aber auch, das kein Heer hatte, das mit mehr als Knüppeln und Steinen bewaffnet war, und sich einem kleinen Haufen spanischer Eroberer unter Francisco Pizarro ergeben musste, der skrupellosen Brutalität und Goldgier sowie den eingeschleppten Pocken unterlegen, geschwächt durch innere Machtkämpfe.
Ein waghalsiger Trick brachte damals den herrschenden Inka in die Gewalt der Spanier. Zu einem friedlichen Treffen geladen wurde dem mächtigen Herrscher ein Gebetbuch hingehalten, das er laut Überlieferung der spanischen Geschichtsschreiber fallen ließ. Die Inka kannten keine Schrift. Dieser "Frevel" gab den Spaniern den Vorwand, sich auf ihn zu stürzen. Die Festnahme des gottgleichen Königs aber lähmte das so mächtige Reich. Von der Kunstfertigkeit der Inka zeugen auch Juanitas Grabbeigaben im Museum von Arequipa. Inmitten der kleinen Lamas, Figuren und kostbaren Webereien, die sie vor über 500 Jahren mit in ihr Grab nahm, ruht Juanita bei Minus 19 Grad in einem Kasten aus dreiwandigem Glas, zurückgekehrt ins ewige Eis. Die Augen schräg geschnitten, schaut sie den Besucher stolz, fast hochmütig an. Eine exotische Schönheit.
Ans Tageslicht gebracht hat sie ein Zufall. Der Ausbruch des nahe gelegenen Sabancaya ließ das Eis am Ampato schmelzen. Ein Erdbeben dürfte das Mädchen aus dem Grab am Rand des Vulkankraters geworfen haben. Dort fanden es der Archäologe Johan Reinhars und der Andenführer Miguel Zarate im September 1995. Juanita - sie trägt den Namen ihres Finders Johan - war nicht die einzige, die von den Inka geopfert wurde. Allein am Ampato wurden zwei weitere getötete Kinder gefunden. Auf den umliegenden Vulkanen dürften noch viele weiter liegen, meint Bergführer José. Um mehr Forschung zu betreiben, fehlt den Peruanern das Geld.
Ein eisiger Wind weht am Chachani. In der Wasserflasche schwimmen Eisbrocken. Trotzdem versucht man zu trinken, um dem Kopfweh Herr zu werden. Kein Wunder, dass die Natur hier Angst und Respekt einflößen kann. In einem Land, geprägt von Vulkanen, die Fruchtbarkeit bringen, aber auch Zerstörung, gerüttelt von Erdbeben und begrenzt vom Pazifik und den wilden Weiten des Amazonas-Dschungels. 4800 Kilometer erstreckte sich das Reich der Inka von Norden nach Süden. Menschenopfer gab es nur in äußersten Notzeiten, erklärt José: Bei Ausbrüchen von Vulkanen oder Erdbeben, um die Mächte der Natur zu besänftigen. Getötet wurden unschuldige Kinder, zumeist aus den besten Familien. Es sei eine Ehre gewesen, selbst zu den Göttern einzugehen. Ob Juanita glücklich war, wie man im Museum betont? Kaum, ein Mädchen von 13 Jahren. Dennoch scheint sie hinter dem dicken Glas des Kastens zu lächeln. Hinter dem Lächeln aber versteckt sich ihr Geheimnis. Das Geheimnis eines 13jährigen Mädchens. Und das Geheimnis eines untergegangenen, einst so mächtigen Volkes.
Autor/in: REGINA REITSAMER
© SN.
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