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Reiseberichte

Im Buschwald stocken Pyramiden
31. Augsut 2002
Pyramiden, Tempel und Paläste. Wunderwerke der Baukunst, geschaffen vor 1000 Jahren und mehr: Mensch, Maya!

Diesen Frühling spendet Chac der Halbinsel Yucatan reichlich Wasser. Der Regengott füllt die Reservoirs: die durch den Einsturz von Höhlendecken entstandenen, runden, steilwandigen und zum Schwimmen einladenden Cenotes, die unterirdisch ausgemauerten Chultunes und die von der Natur angelegten Aguadas. Bohnen und Mais können gedeihen auf dem kargen Boden der wenigen Anbauflächen, die dem Buschwald Jahr für Jahr abgerungen werden müssen. Die Ernte reicht für den Eigenbedarf. "Maya sind genügsam", weiß Jytte Larsen, die dänische Reiseleiterin, die seit 14 Jahren mit einem Mexikaner verheiratet ist.

Die Maya-Vorzeigefamilie heißt Caamal. Ihre Choza steht in Santa Elena. Der Padre ist draußen auf dem Feld, um nachzuschauen, ob das Unwetter Schaden angerichtet hat. 16 Münder sind zu stopfen. Oma Zaria schabt, so wie es vor 100 Jahren der Brauch war, die Sisal-Fasern aus der Henequen-Agarve, ehe sie sich zum Backen von Tortillas niederlässt. Das Mobiliar erschöpft sich in einem Tischchen und einer Hängematte.

Dicht gewirkt ist der grüne Teppich, der das Land bedeckt, durchschnitten nur von ein paar schnurgeraden Bundesstraßen und von der Autobahn Cancun-Merida, auf der niemand fährt, weil die Maut teuer ist. Pfade führen zu versteckten Maya-Hütten, auf Äste gesteckte Flaschen markieren die Abzweigung. Hin und wieder taucht eine verfallene Hazienda auf, Zeugnis einer Epoche, in der die Henequen-Barone mit dem "grü-nen Gold" enormen Reichtum erwarben.

Feuerrot blühender Flamboyan kündigt das nahende Dorf an. Köter räumen widerwillig die Fahrbahn, auf der sich Topes, "schlafende Polizisten", querlegen und den Autofahrer zum Einbremsen zwingen. Gute Gelegenheit zum Einkehren und Einkaufen: gleich nach der künstlichen Bodenwelle befindet sich todsicher ein Restaurant und ein Souvenirladen.

Regenguss und Sonnenschein beim Eintauchen in die Mundo Maya. Schwüle lastet auf Chichen Itza. Bis zu 4000 Besucher täglich besichtigen die freigelegte "Stadt am Rand des Wasserbrunnens". Jytte Larsen berichtet, erzählt und informiert im Schweiße ihres dänischen Angesichtes. Die 91 Stufen hinauf zur obersten Plattform der Kukulcan-Pyramide sind glitschig. Doch wer will schon kneifen, zumal ein Sicherungsseil die Gefahr eines Absturzes einigermaßen in Grenzen zu halten verspricht. Doch wehe dem, den oben Schwindelgefühl und Höhenangst packen. Er glaubt, nie wieder hinunter zu gelangen. Schafft er es schließlich, klatscht er erleichtert in die Hände und lauscht dem Echo, das von den Stufen widerhallt.

"Weiße Feder" grüßt Holznerwirtin

Mit 42 Metern die höchste Pyramide Yucatans erhebt sich in Coba, errichtet an fünf Seen, aus denen neugierige Krokodile äugen. Die Ausgrabungsstätte von Tulum wiederum ist einzigartig in ihrer Lage auf den Klippen über dem weißen Sandstrand der smaragdgrünen Karibik. In Uxmal strebt die auf elliptischem Grundriss erbaute Pyramide des Zauberers dem Himmel zu. Ein mexikanischer Fremdenführer, den sie "Weiße Feder" nennen, grüßt in perfektem Deutsch, gibt augenzwinkernd vor, ein Eugendorfer zu sein und ersucht, die Holznerwirtin zu grüßen. In der einst ausgedehnten Stadtanlage von Kabah ist die lange Rüsselnase des Regengottes Chac allgegenwärtig. Ein Leguan sonnt sich auf dem aufgeschichteten Hügel aus Ohren und Zähnen steinerner Göttermasken. Im Palast von Sayil, dem "Ort der Ameisen", sollen zur Blütezeit der Maya 350 Menschen Platz gefunden haben.

Heute zählt allein Merida, die Metropole des Bundesstaates Yucatan, eine Million Einwohner. In der "weißen Stadt" herrscht ein beängstigendes Gedränge von Lastwagen, Autos, Fahrrad-Taxis und Fußgängern. Aus allen Ecken dröhnt Mariachi-Musik in voller Lautstärke. In den Markthallen vermischt sich der Duft von Obst und Blumen mit dem strengen Geruch frisch geschlachteter Tiere. In den Geschäften darf um den Preis von bestickten Blusen und Hängematten, Schnitzereien und Flechtarbeiten gefeilscht werden.

In Cancun, binnen wenigen Jahren vom Fischerdorf zum Tourismuszentrum und wichtigsten Devisenbringer aufgestiegen, regiert seit einigen Monaten ein grüner Bürgermeister. Juan Ignacio Garcia-Zalvidea, genannt "Chacho", hat im Wahlkampf ein "Saubermachen" versprochen und darunter nicht nur das Reinigen der Straßen, sondern auch den Kampf gegen die Korruption verstanden. Um seine Gesinnung nach außen sichtbar zu machen, ließ er zunächst einmal das Rathaus grün anstreichen. Ansonsten darf weiter gebaut werden, darf in der Arena weiter getötet werden, "aber jeden Mittwoch nur ein Stier", beschwichtigt Jytte.

Kellner schnallen Patronengurt um

Im Restaurant Pericos servieren schwer bewaffnete "Bandidos" zum Gaudium der Gäste Köstlichkeiten der yucatekischen Küche. Der Tequila fließt in Strömen. In der Wasserwelt des Einkaufs- und Vergnügungszentrums La Isla kann der Besucher im Schutz eines Käfigs auf Hai-Tauchgang gehen oder Delfine streicheln.

In Celestun am Golf von Mexiko legen die Motorboote zur Fahrt zum Parque Natural del Flamenco ab. Beim Nä-herkommen nimmt in der Lagune der rosarote Strich vor den Mangrovenwäldern Gestalt an, 2000 Flamingos beschweren sich unablässig schnatternd über das Eindringen der Störenfriede.

Von Cancun bis Tulum erstreckt sich die Riviera Maya mit schier endlosen Stränden und nur mehr wenigen unberührten Buchten. Der Naturpark Xel-Ha lockt als "das größte natürliche Aquarium der Welt" mit Meeresarmen und Süßwasserlagunen. Ein Dschungelpfad und ein Bähnchen folgen einem Fluss bis zur Quelle in einem Cenote. Sportliche Typen schwimmen mit Flossen und Schnorchel zurück, Faulenzer lassen sich im Schwimmreifen treiben - für Pärchen in zweisitziger Ausführung.

Die Karibik erfüllt mit ihrem türkisfarbenen Wasser und den Sandstränden im Schutz des Großen Maya-Riffs alle Urlaubsträume. In Playa del Carmen hängt der Himmel voller Parasailors, flitzen die Waveriders auf den Wogen dahin.

Der Regengott Chac hat sich für dieses Jahr zur Ruhe begeben. Im September/Oktober kann noch "Gilbert", "Roxanna" oder ein anderer Hurrikan über Yucatan brausen. Dann aber, ab November, zeigt die Welt der Maya ihr strahlendstes Gesicht.

Autor/in: INGO WINKLER

© SN.

 

diese seite | 16.09.2002 | 10:52

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