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Reiseberichte

Durch das Land des Kanus
13. April 2002
Die Wiege Kanadas stand am St.-Lorenz- Strom und das Glück lag im Kanu: Wasserwege waren der einzige Zugang in die Wildnis.

Howard Gibbs kann sich tatsächlich an Leute erinnern, die vor zehn Jahren bei ihm getankt haben. "Ich bin verrückt nach Menschen", ist seine einfache Erklärung. Und er kann verrückte Geschichten erzählen, denn er ist ein guter Zuhörer. Die Tankstelle liegt am Highway 7, zwischen Toronto und Ottawa, umgeben von endlosen Wäldern und einem Labyrinth märchenhafter Seen. Ein Elch in der Dämmerung mitten auf der Straße ist keine Seltenheit.

Auf der Jagd nach edlen Pelzen

Hin und wieder flattern bunte Wimpel am Straßenrand, Ojibwa-Indianer verkaufen frische Heidelbeeren. Ihr Hauptgeschäft ist aber der Zigarettenschmuggel aus den USA: andere Zeiten, andere Jagdgründe.

1670 verlieh Karl II. von England der Hudson's Bay Company das Monopol für den Pelzhandel. Drei Jahrhunderte kämpften Großbritannien und Frankreich um die Herrschaft, während Pelzjäger beider Nationen die unwegsame Wildnis durchstreiften. So wurde mit dem Paddel in der Hand der halbe Kontinent kolonisiert. Heute sind Kanu und Ahornblatt kanadische Ikonen. Die kostbaren Exponate des Canadian Canue Museum in Peterborough erzählen von der Geburt der Nation. Bei Lion Antiques im verträumten Städtchen Lakefield lässt sich Kanadas Geschichte genussvoll durchstöbern.

Weiter südlich führt die Route entlang des Lake Ontario durch ein Bilderbuch des alten "Upper Canada". Historische Villen säumen den Loyalist Parkway. Über manchen Portalen weht die britische Fahne. An der Mündung der großen Seen in den St.-Lorenz-Strom demonstriert das sternförmige Fort Henry Macht und Glanz des British Empire nach dem Sieg über die Franzosen. Tag für Tag bringen farbenprächtige Paraden am Exerzierplatz die Kameras zum Klicken und nach der Sunset Ceremony gerät das Candlelight Dinner im Offizierskasino vollends zur Zeitreise.

Die "Thousand Islands" liegen im Mündungstrichter des St.-Lorenz-Stroms verstreut. Genau genommen sind es 1865 meist bewaldete Felsinselchen, auf denen die Schö-nen und Reichen einige schamlos teure Villen gebaut haben. Boot und Wasserflugzeug erschließen romantische Perspektiven auf das Labyrinth aus Wasser und Land.

Die Straße der Einwanderer

Der Mont Royal krönt stromaufwärts die größte Insel als Aussichtsberg und gab der Stadt Montreal ihren Namen. Einwanderer aus über hundert verschiedenen Ländern leben hier, nicht anders als in Toronto oder Vancouver. Einzigartig ist aber der britischfranzösische Mix, den die Geschichte produzierte. Montreal ist die zweitgröß-te französischsprachige Stadt der Welt. Noch im 19. Jh. kontrollierten die Banker und Pelzaristokraten der Rue Sherbrooke drei Viertel des Volksvermögens. Nach der Separationskrise ging die wirtschaftliche Vormachtstellung an Toronto verloren, die Prachtarchitektur ist geblieben. 30 km unterirdische Passagen und Konsumpaläste sind mit der Metro verbunden und befriedigen selbst bei Schlechtwetter jeden Kaufrausch. Karibische Congas, Nasi Goreng, schräge Boutiquen und der Duft der frischen, auf dem offenen Holzofen gebackenen "Bagel" aus jüdischen Bäckereien machen den Boulevard Saint-Laurent zu dem was er ist: zur Straße der Einwanderer.

Gemessen an den riesigen Entfernungen ist die bewohnte Welt im Norden der Stadt bald zu Ende. Entlang des St.-Lorenz-Stroms entstanden mit einer Reihe von Nationalparks vielfältige Übergangszonen zur undurchdringlichen Wildnis. Von Extratouren auf nicht nummerierten Straßen ist abzuraten. Die Theorie der offiziellen Stra-ßenkarte ist im wahrsten Sinn des Wortes meilenweit von der Realität auf der Straße entfernt. Diese beginnt oft asphaltiert, geht über zu Schotter, wird zum grasbewachsen Hohlweg und endet nach stundenlanger Irrfahrt im Sumpf oder vor einer eingestürzten Brücke - im Glücksfall! Schlimmer ist eine noch nicht eingestürzte Brücke. Leider trifft der Scherz zu, dass dort, wie nicht anders zu erwarten, "kana da" ist. Im übrigen ist die Hilfsbereitschaft der Leute so groß wie ihr Land. "Have a nice day", "no problem", und "you are welcome" sind mehr als Redewendungen und genau so gemeint, wie sie gesagt sind.

Gleich einem Vorposten liegt das Blockhaus-Hotel Sacacomie über dem gleichnamigen See. Während des exquisiten Dinners, mit Blick auf die glitzernde Wasserflä-che, oder bei einem stilechten Drink zwischen Eisbärfell und Kamin, ziehen die Abenteuer des vergangenen Tages vorbei: Das lautlose Gleiten des Kanus durch ein Spiegelbild rot flammender Wälder, der silbrige Strich, den das Wasserflugzeug im See zog und das leise Geräusch, als ein Fischadler seine Beute aus dem Wasser holte. Naturliebhaber kommen hier auf ihre Kosten.

Wo der Saguenay in den St. Lorenz mündet, erreicht "le fleu", so nennen die Leute den Strom hier, gewaltige Dimensionen. Das Wasser ist schwarz, die andere Seite ist nicht mehr zu erkennen. Die Ufer werden zu Küsten. Wegen des Planktonreichtums sammeln sich hier von Juni bis Oktober Wale. Von einem Schlauchboot auf einer "whale watching tour" kann man die friedlichen Riesen atmen hören. Viele der wunderbaren Skulpturen, welche das neue Muse`e d'art inuit in Que`bec zeigt, haben Eskimos aus Walknochen geschnitzt. In ihrer Kultur gab es keinen Abfall, weil alles gebraucht wurde, in ihrer Sprache keine Schimpfworte, weil das Schicksal als göttliche Fü-gung angenommen wurde.

Touristen besetzen Que`becs Altstadt

Das viel zitierte französische Flair Que`becs offenbart sich erst dem zweiten Blick. "Vieux-Que`bec", die Altstadt, wird von Touristen überrannt und aus den Lokalen dringt von "O sole mio" bis Sinatra so ziemlich alles, nur kein Chanson. Mehr Touristen kommen nur zu den Niagara-Fällen. Und doch kann die Magie dieser Orte so wenig zerstört werden wie eine gro-ße Partitur durch eine schwache Interpretation.

Toronto spricht ein anderes Gefühlsspektrum an. Kühn und freundlich spiegelt sich die Skyline im Lake Ontario. Barhopper wandern hier nachts durchs Paradies, und ebenso sicher. Aus den Clubs dringt Rock, Salsa oder Jazz, live und vom Feinsten. Dicht gedrängt präsentieren Couture-Tempel die neuesten Trends, kulturelle Events platzen aus allen Nähten. Und niemand verwechselt Austria mit Australia.

Autor: STEFAN KALMAR

© SN.

diese seite | 15.07.2002 | 14:23

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