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Acht Tage dauert die 3000 km weite Seefahrt auf dem Eisbrecher "Kapitan Khlebnikov". Dann ist der Kontinent Antarktika erreicht.
Kurz nach dem Ablegen in Hobart - traditonell verabschiedet von einer Dudelsack-Band der tasmanischen Polizei - beginnt die unerwartet und unvorstellbar raue See. Sturm und an die zehn Meter hohe Wellen begleiten uns drei Tage, das Schiff rollt bis zu 45 Gad nach beiden Seiten. Nicht leicht, aber lohnend ist es, auf den schwankenden Stufen des Hörsaals zu einem der Fauteuils zu turnen; die Vorträge der wissenschaftlichen Begleiter (Geologe, Meeresbiologe, Naturwissenschafter, Ornithologe, Historiker) sind eine Voraussetzung, die fremde Welt der Antarktis zu verstehen.
Die subantarktische Insel Macquarie ist der erste Vorposten dieser Welt. Nach Schlauchbootfahrt und feuchter Landung erwarten uns Tausende Pinguine am Strand, ohne Scheu und neugierig. Dazwischen See-Elefanten mit phlegmatischer Würde. Die Insel steht unter strengstem Naturschutz, nicht mehr als 700 Besucher pro Jahr sind erlaubt.
Südlich des Polarkreises wird das Meer ruhig. Eisberge tauchen auf, dann gibt es Treibeis, dann Packeis. Der russische Eisbrecher mit einer maximalen Kraft von 24.000 PS spaltet Eis von bis zu vier Metern Dicke. Doch auch ein Eisbrecher kann nicht jeden Weg erzwingen. Westlich der Balleny Inseln - wohl die einsamste und abweisendste Inselgruppe unserer Erde - muss er nachts umkehren und in einem weiten Bogen ausweichen.
Wir betreten den Kontinent am Kap Adare. Eine halbe Million Ade`lie-Pinguine nehmen keine Notiz von uns. Sie watscheln zum eisigen Wasser und zurück, füttern die Jungen mit frischem Fisch, oder sie brüten auf einem "Nest", das sie aus kleinen Steinen geformt haben. Hier haben Menschen erstmals den antarktischen Winter (1899) verbracht und - bis auf einen - überlebt. Carsten Borchgrevinks Hütte gehört zum Weltkulturerbe.
Ernest Shackleton und Robert Scott
Drei Tage später stehen wir in der Hütte, die Ernest Shackleton 1908 auf der Ross Insel errichtete. Die permanente Kälte hat Nahrungsmittel, Medikamente, Primus-Kocher und viele Ausrüstungsgegenstände konserviert; in den Kojen liegen die Pelzschlafsäcke. Shackleton und seine drei Begleiter sind von hier zum Südpol aufgebrochen und mussten weniger als 200 km vor dem Ziel umkehren - der Proviant ging zu Ende. Robert Scotts Hütte liegt kaum 15 Minuten Helikopterflug südlich.
Die "Kapitan Khlebnikov" hat zwei Hubschrauber an Bord. Am Vortag sind die Bequemeren zu einem Brutplatz von Kaiserpinguinen geflogen worden; uns ist die Fußwanderung bei gleißender Sonne unvergesslich geblieben. Nur wenige "Emperos" mit ihren Jungen waren noch da, es war schon spät im antarktischen Sommer. Wenn die so spät geschlüpften Küken nicht bald ihr Federkleid wechseln, werden sie zu Grunde gehen. Robert Scotts Hütte am Kap Evans, 1911 erbaut. Alles ist noch da - Einrichtung, Ausrüstung, der lange Tisch, an dessen Kopfende der vom Gedankengut britischer Seemacht durchdrungene Expeditionsleiter gesessen ist. Man hat das Gefühl, dass die glücklosen und todgeweihten Männer soeben den Raum verlassen haben - sie sind nur ausgegangen. Im Vorraum lehnen die Skier, leer ist der Stall für die Ponys, von den Hunden fehlt jede Spur. Anfang November sind sie aufgebrochen. Am 17. Jänner 1912 haben sie es erreicht, Amundsens Zelt am Südpol mit der seit fünf Wochen flatternden Fahne Norwegens. Scotts ehrgeizige Expedition war ein Desaster in Planung, Organisation und Durchführung. Um dieses Desaster zu vertuschen, wurden die jämmerlich Erfrorenen und Verhungerten zu Helden hochstilisiert. Und doch - man steht tief erschüttert vor ihrem Gedenkkreuz mit der bitteren Zeile Alfred Lord Tennysons ("kämpfen, suchen, finden und doch nicht ernten") am Observation Hill oberhalb der McMurdo Station.
Die Station ist die größte Ansiedlung in der Antarktis. Dort leben im Sommer bis zu 1200, im Winter bis zu 200 Menschen. Man führt uns durch den Ort, in ein Aquarium und in den Supermarkt, zeigt uns Krankenhaus, Feuerwehr und Sporthalle. Nachmittags besuchen wir Neuseelands Scott Base. In der peinlich sauberen Station arbeiten im Sommer 70, im Winter elf Personen. Man zeigt uns die Labors, informiert uns über wissenschaftliche Aufgaben, führt uns in Schlafräume und ins Kaffeehaus mit Billardtisch und Klavier.
Während der darauf folgenden "Nacht" - natürlich ist es taghell - fliegen wir ins Taylor Valley, dem den Touristen erlaubten Dry Valley. Es ist ein breites Tal mit einem jährlichen Niederschlag von wenigen Millimetern. Der Talgrund aus Steinen mit bizarren, pittoresken Formen, modelliert vom Wind in Millionen Jahren. Am Rand des Tals die Eiswände der Gletscherzungen. Man fühlt sich klein und wenig wichtig in dieser unirdischen Atmosphäre. Man spricht leise, wenn überhaupt. Aber es ist nicht leblos, das trockene Tal; es gibt Algen, Moose, Flechten zwischen den Steinen.
Amundsens Brief an den König
Ziemlich nachdenklich fliegen wir zurück zum Schiff. Die Sonne kurz nach Mitternacht noch im Süden, die Berge im fahlen Licht.
Ein Tag der Erholung auf dem Schiff. Nicht selten werden Wale gemeldet. Was als Bay of Whales in Seekarten verzeichnet gewesen ist, gibt es nicht mehr - ein Eisberg von etwa 200 km Länge ist weggebrochen, das Meer ist weit in den Süden hinein schiffbar. Also kommt die "Kapitan Khlebnikov" zum südlichsten Punkt, den je ein Schiff erreicht hat. Wir gehen noch einen Kilometer nach Süden; zum Pol wären es noch mehr als 1250.
Hier müssen sie vorbei gekommen sein, Roald Amundsen und seine vier Gefährten, auf Skiern, mit Schlitten und fast 100 Hunden. Von Framheim, der auf dem Ross Eis-Schelf aufgestellten Hütte, sind sie im Oktober 1911 aufgebrochen. Ihr Weg ist kürzer als der, den Scott gewählt hat, sie werden den Südpol am 14. Dezember erreichen und sechs Wochen später zurück sein. Amundsen hatte sogfältig geplant, seine Jahre lange Erfahrung in polaren Zonen nutzend. Hinzu kam sein Können, eine Gruppe zu führen, ohne sie zu kommandieren. Im Zelt hinterließ er einen Brief an seinen König, dass Norweger hier gewesen wären - mit der Bitte an Scott, das Schreiben weiter zu leiten. Scott fühlte sich gedemütigt, konnte nicht denken, dass Amundsen auch einkalkulierte, auf dem Rückweg zu scheitern und Oslo nie wieder zu sehen. Man fand diesen Brief bei Scott, als man im August 1912 das Zelt mit den drei Toten entdeckte, nur 18 km vom nächsten Lebensmitteldepot entfernt. Heute lesen dieses Dokument viele Besucher des Fram-Museums in Oslo.
Es geht zurück nach Norden. Hinter uns bleibt der friedlichste, der einzige friedliche Kontinent. Möge er so bleiben dürfen, wie er ist.
Zehn Tage dauert die Rückreise. Lange begleiten uns Eisberge, auch Wale. Dann sind Albatrosse und andere Seevögel wieder da. Wir kommen in den Sturmgürtel, erreichen subantarktische Inseln. Es gibt eine ausgedehnte Brutstätte der Albatrosse auf Campbell Island, Kolonien von Hooker-Seelöwen auf Enderby Island und die Snares Inseln, auf denen sich der fast schon ausgerottete Bestand an Pelzrobben wieder langsam erholt.
Ein rauschendes Fest in der letzten Nacht, nach 23 gemeinsamen Tagen, macht den Abschied nicht leichter, aber herzlich. Am nächsten Morgen - ein sonniger Sommertag beginnt auf Neuseelands Südinsel - steigen wir die Schiffstreppen hinunter in die Zivilisation. Am Ende der Welt, in der Antarktis, beginnt die Polarnacht.
Autor: ERWIN SCHINDLER
© SN.
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