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Reiseberichte

Paradies auf Sand gebaut
23. Februar 2002
Fraser Island ist die größte Sandinsel der Welt. Wer an eine schwimmende Wüste denkt, erlebt so manche Überraschung.

Hervey Bay ist ein kleiner, eher unscheinbarer Fleck auf der australischen Landkarte. Ein Städtchen an der Küste von Queensland, weit weg von der Metropole Brisbane. Im Naturpark warten Känguruhs, Krokodile und Koalab-ären auf Besucher. Im Aquarium freut sich Susie, wenn sie Touristen die Zunge zeigen darf. Gegen Bezahlung in Form von kleinen Fischen springt die dressierte Robbe auch aus dem Wasser auf ein Podest. Eine Strandpromenade, ein paar Geschäfte, ein Internetcafe` - Hervey Bay, ein verschlafener Badeort wie tausend andere auch.

Auf der Reiseroute unzähliger Australien-Besucher ist das Städtchen trotzdem ein fixes Ziel. Rund 500.000 Touristen kommen jedes Jahr her - wenn auch nur für eine kurze Zwischenstation. Denn die Attraktionen, die Jahr für Jahr die Massen locken, warten einige Meilen vor der Kü-ste: Hervey Bay ist das Tor zu einem von Australiens gro-ßen Naturparadiesen. Hier legen die Fähren nach Fraser Island ab, der größten Sandinsel der Welt.

Vom Festland sieht sie aus wie ein dünner, dunkler Strich, der sich zwischen das Blau des Meeres und das Blau des Himmels geschoben hat. Von der Fähre aus betrachtet rückt sich die Perspektive bald zurecht: 124 Kilometer lang streckt sich das Sandmassiv hin, das Wind und Wasser in jahrtausendelanger Beharrlichkeit aufgeschichtet haben. In Summe ergibt das mehr Sand, als die Sahara zu bieten hat.

Sandinsel in sattem Grün

Was wartet also da am Ende der Überfahrt - eine schwimmende Wüste? Im Gegenteil: Grün soweit das Auge reicht, zeigt sich Fraser Island beim Anlegen. Hinter einem schmalen Streifen Strand beginnt dichter Regenwald, der den Großteil der 184.000 Hektar umfassenden Inselflä-che überwuchert. Auch er trägt zum Ruhm der Insel bei: schließlich finden hier neben seltenen Tier- und Pflanzenarten die Dingos in einer der größten frei lebenden Populationen Lebensraum. Die australischen Wildhunde gehö-ren wie ein Wahrzeichen zu Fraser Island und bewegen sich oft auch in Reichweite der Touristen.

Die Ureinwohner nannten ihre artenreiche grüne Insel "K'gari", also schlicht und einfach "Paradies". Aus diesem wurden sie allerdings von den europäischen Einwanderern vertrieben, die Insel wurde seit dem 19. Jahrhundert vor allem (holz-)wirtschaftlich genutzt. Heute ist Fraser Island ein streng geschütztes Naturreservat. Über lange sandige Pisten führt der Trip durch den Regenwald zu jenen Flecken, die Fraser Island zum Stolz Australiens machen. Mit einem Gefährt, das eine Kreuzung aus Ausflüglerbus, Überland-Truck und Bulldozer zu sein scheint, holt Bruce jene Touristen ab, die nicht auf eigene Faust zur Inselerkundung aufbrechen. Er ist einer der Ranger, die dafür sorgen, dass der große Run auf die Schönheiten des als "World Heritage" ausgezeichneten Terrains keinen gröberen Schaden im sensiblen ökologischen Gleichgewicht anrichtet.

Auch für den auf Robinson-Idylle eingestimmten Inselbesucher wird schon bald das Halten des Gleichgewichtes oberstes Gebot. Warum das geländegängige Bus-Ungetüm mit Sicherheitsgurten ausgestattet ist? Nach ein paar Minuten Fahrt weicht die Frage im Kopf einem Gefühl der Dankbarkeit. Mit ausgeprägtem Sinn für Rasanz jagt der Guide über die holprigen Regenwaldpisten die Dünen und Hügel hinauf und wieder hinunter. Dass er es daneben noch schafft, im entspannten Plauderton Geschichten über Frasers Schönheiten zu erzählen, darf ruhig als Beweis für die sprichwörtliche Lockerheit der Australier gewertet werden.

Kein Sonnenbad im Paradies

Doch die Ausdauer wird bald belohnt: Mit dem Blick auf einen Strand von scheinbar endloser Ausdehnung. "75 Mile"-Beach wird dieser Uferstrich genannt. 75 Meilen nichts als Sand und Wasser. Ein idealer Ort, um den Rest des Lebens relaxed auf einem Badetuch zu verbringen? Durchaus - wenn nur der Straßenverkehr nicht wä-re. Das sandige Ufer dient nämlich gleichzeitig als Insel-Highway. Mit 80 km/h flitzen die Jeeps am Wasser entlang. Es gilt die Straßenverkehrsordnung. Wer zu fest auf dem Gas steht, wird vom Radar geblitzt. Auch kleine Flugzeuge benutzen den Strand als Landebahn. Vom Sonnenbad wird eher abgeraten. Auch, weil sich die Natur trotz des paradiesischen Anscheins gerne von ihrer ungezähmten Seite zeigt: Unterwasserströ-mungen und Haie könnten das Vergnügen zum ungewollten Abenteuer machen.

Dafür sind entlang der Route bemerkenswerte Wahrzeichen zu bestaunen: die "Pinnacles" etwa, Formationen aus sandigem Fels, die mit ihren Schichten in verschiedensten Rottönen wie gemalt wirken. Oder das gespenstisch wirkende Wrack des Dampfers "Maheno", der in den 30er Jahren strandete und seither als riesiges Gerippe vor sich hin rostet.

Die Aussicht auf den perfekten Strand muss trotz des ungestümen 75-Mile-Beach nicht im Sand verlaufen. Gelegenheiten, das versäumte Badevergnügen nachzuholen, gibt es auf Fraser Island genü-gend. Dafür sorgen nicht nur ruhige Strandabschnitte am gegenüberliegenden, geschützteren Ufer der Insel, sondern auch Überraschungen, die der Regenwald zu bieten hat.

Eine davon heißt Lake McKenzie: er ist einer von über vierzig glasklaren, warmen Süßwasserseen - auf einer Insel aus Sand, mitten im Meer - die im Wald warten, entdeckt zu werden. Manche dieser idyllischen Seen sind einfach riesige Sandbecken, in denen sich das Regenwasser sammelt, manche nähren sich aus einem gigantischen Wasserreservoir unter dem Inselboden.

Hier gibt es, dem Dschungel sei Dank, weder Autos noch Flugzeuge, und die Vision von der perfekten Robinson-Idylle rückt wieder in greifbare Nähe.

Autor: CLEMENS PANAGL

© SN.

 

diese seite | 10.07.2002 | 16:24

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