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Reiseberichte

Die neue Dimension des Carvens
16. Dezember 2000
Carven und Skaten im WM-Ort Ramsau: Wenn's herunten nicht geht, dann eben oben auf dem Gletscher des Dachsteins.

Die steirische Ramsau ist spätestens seit der Nordischen Ski-WM des Winters 1998/99 nicht nur allein den Kernöl-Erfindern ein Begriff. Auf rund 1000 Metern Seehöhe südseitig am Fuße des mächtigen Dachstein-Massivs gelegen, bietet die Region ein an schönen Wintertagen unvergleichlich sonnenreiches Panorama, das Langlauf-, aber auch Skiherzen höher schlagen lässt. Dass Langläufer hier bestens aufgehoben sind, muss nicht weiter betont werden: 150 Kilometer bestens präparierte klassische Loipen und 55 Kilometer Skatingloipen sprechen für sich. Aber warum nicht auch die Alpin-Ski einpacken, wenn man sich für einen Urlaub in der Ramsau entscheidet? Knapp zehn Kilometer mit dem Auto oder dem Bus ins Ennstal hinunter und man steigt entweder in Schladming oder Pichl in die Vier-Berge-Skischaukel ein, die vom Hauser Kaibling über die Planai, die Hochwurzen bis zur Reiteralm reicht. Und wenn der Schnee herunten nicht kommen will, dann gondelt man eben rauf auf den Gletscher.
Die Kombination von Ski- und Langlaufurlaub ist überaus reizvoll. Man kann Abwechslung in den Urlaubsalltag bringen. Wer nach zwei, drei Skitagen genug vom Pistenzauber hat, regeneriert hervorragend beim geruhsamen Dahingleiten durch die Winterlandschaft.

Umgekehrt gilt natürlich auch für den Urlauber mit dem Schwerpunkt Langlauf: Warum nicht ein, zwei Skitage einlegen? Die immer breitere Palette von Carving-Skiern ermöglicht Skifreuden der neuen Art - ganz besonders die kurzen Carver, die sich beim Konsumenten noch viel zu wenig durchgesetzt haben. Leute, wie Ihr Berichterstatter, die inzwischen vom Pistenskilauf genug hatten und nur noch mit Touren-Skiern abseits der gewalzten Autobahnen im freien Gelände unterwegs waren, entdecken plötzlich wieder das klassische Pistenflitzen.

Zum einen juckt natürlich der Reiz des Neuen, des Unbekannten. Zum anderen liegt im taillierten Ski eine gewisse Leichtigkeit des Seins. Heinz Petanjek, einstiger Konditionstrainer von Skigrößen wie Franz Klammer oder Harti Weirather, arbeitet in der Skilehrerausbildung viel mit Bildersprache. 'Ich sage immer, stellt euch die Möwe Jonathan vor, wie sie den Hang hinuntersegelt und ihr bekommt sofort ein richtiges Gefühl fürs Carven.'

Skifahren sei heute viel einfacher zu erlernen als früher. Dass die Skier leichter zu drehen sind, merkt ja selbst die große Masse der Freizeit-Skifahrer, die nach wie vor die Schwünge mehr in der alten klassischen Technik 'rutscht', als dass sie auf der Kante den Schwung 'schneidet'. Wer heute mit dem Skifahren beginnt, kann nach Aussagen Petanjeks 'auf 60 Prozent des bisherigen Lehrweges verzichten'.

Der Ski-Professor plädiert in diesem Zusammenhang auch für möglichst kurze Carver. Seine in der Praxis in allen Altersgruppen vielfach erprobte und immer wieder als richtig erwiesene These: Je kürzer die Carving-Ski, desto leichter sind sie zu beherrschen und desto größer wird das Fahrvergnügen. Petanjek: 'Das Problem heute ist allerdings noch immer, dass die meisten in den normalen Skilängen denken. Je besser der Skifahrer, desto länger müsse der Ski sein. Die Verkäufer haben große Schwierigkeiten, ihre Kunden von Kurz-Carvern zu überzeugen. Und weil das so schwierig ist, wird es meist auch gar nicht mehr versucht.'

Welche Skilängen empfiehlt Petanjek jetzt konkret? Grob formuliert einmal alles von 65 Zentimetern Länge aufwärts bis maximal 1,60 Meter, 1,70 sei die absolute Obergrenze. Je länger der Carving-Ski, desto schwieriger sei er zu beherrschen, desto größer die Kurvenradien und umso mehr Platz brauche man auch auf der Piste. Wer sich am Ski-Rennsport orientiere, müsse nur zu den Slalomläufern schauen, die bereits mit sehr kurzem Material unterwegs seien. Die FIS habe die Ski derzeit mit 1,50 Meter nach unten nur deshalb begrenzt, weil man Angst habe, noch kürzere Bretter könnten lächerlich wirken.

Anfängern rät der Skilehrer, sich auf alle Fälle so genannte Carvelinos zuzulegen oder auszuleihen, also Carving-Ski von 65 bis 99 Zentimetern Länge. Damit lasse sich Carven, das ganz ähnliche Bewegungsmuster wie das Inline-Skaten aufweise, am schnellsten lernen. Zu Beginn stehe man zwar etwas wackelig auf dem Gerät, aber umso rascher habe man begriffen, wie man auf den Kanten um die Kurven fährt.

Als Beispiel aus der Praxis erzählt Petanjek von vier Japanern, die am Arlberg Urlaub machten und nach tagelangem Bemühen schon nach Hause fahren wollten, weil sie keine Fortschritte erzielten. Er stellte sie auf ganz kurze Carver und nach zwei Tagen waren sie in der Lage, mit ihrer Reisegruppe ein ganzes Skigebiet mit schwierigen Hängen passabel abzufahren. Heinz Petanjek will auch alle Bedenken zerstreuen, dass die Unfallgefahr mit Kurzcarvern (Verschneiden) steige. Wichtig sei jedoch, mit der richtigen Technik zu fahren. Problematisch wird es auch, wenn die Kraft nachlässt. Der Kurzski will immer auf der Kante gehalten werden, das lockere Geradeausfahren und Dahinrutschen birgt eine erhöhte Gefahr des Verkanntens. Und: Je sportlicher man fährt, desto größer wird der Kraftaufwand.

Petanjek gibt in diesem Zusammenhang auch einen Schuhtipp: Wenn möglich, sollte man keine Heckeinsteiger mehr tragen (gibt es ohnehin kaum noch zu kaufen). Dieser Schuh verhindere die Bewegung im Sprunggelenk, was wiederum dazu führe, dass man mit dem Gewicht zu wenig nach vorne komme. Auch soll man nicht unbedingt Renn-Skischuhe kaufen, weil die zu steif gebaut und auf hohe Geschwindigkeiten ausgelegt seien.

Man sieht: Die Entwicklung von den herkömmlichen Skiern und vom althergebrachten Skifahren zur neuen Angebotsbreite, die auch immer stärker eine neue Fahrtechnik erfordert, ist voll im Gang. Und wenn Petanjek Recht behält, dann wird der Trend zu den ganz kurzen Carvern in den nächsten Jahren nicht aufzuhalten sein.

In der Dachstein-Tauern-Region versucht man aber nicht nur im Alpinbereich, sondern auch im Langlauf mit den Weltmeistern Markus Gandler und Alois Stadlober Akzente zu setzen. Dazu gehört, das Skaten, das sich aus dem Rennsport entwickelt hat, für die breitere Masse attraktiver zu machen. Die Grundbegriffe sind schnell erlernt, und vor allem auf ebener, schön gewalzter Spur stellt sich sofort Freude an dieser Technik ein. Man ist im Vergleich zum Diagonalschritt deutlich flotter unterwegs und kann auch das Gefühl des Dahingleitens besser auskosten. Was man aber bedenken muss: Man braucht eigene Skating-Ski, Stöcke und auch Schuhe. Das heißt: Entweder doppelt kaufen oder eben ausleihen. Die Skischulen bieten heute Spitzenmaterial zu durchaus moderaten Preisen an. Das gilt auch für die Alpin-Ski.

Fehlt jetzt nur noch, dass der Schnee nicht nur Gott sei Dank endlich fällt, sondern auch die Temperaturen wintergerecht niedrig bleiben.

Autor/in: GERHARD SCHWISCHEI

© SN.

 

diese seite | 04.07.2002 | 15:41

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