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'Komantschen pfeifen' keine mehr im Süden von Texas, auch keine Apachen. Dafür empfangen dort Geier die Besucher.
Sie hocken auf Telefonmasten und Zaunpfählen entlang des Highways und warten auf ihre Beute. Lieferanten sind vorbeirauschende Autofahrer, die unter die Räder gekommene Nagetiere als leicht verdiente Nahrung auf dem glü-henden Asphalt zurücklassen. Buchstäblich im letzten Augenblick erheben sich die behäbigen Vögel von der Stra-ße und jagen den nachkommenden Lenkern einen gehö-rigen Schrecken ein, wenn sie nur Zentimeter von der Windschutzscheibe entfernt vorbeiflattern. Hin und wieder dürften sie allerdings ihre Flugkünste überschätzen und werden selbst Opfer ihrer Komplizen. Ein einsamer Reiter ganz draußen am flimmernden Horizont und grasende Büffel am Straßenrand lassen Wild West Feeling aufkommen. Lediglich in der Sonne glänzende, metallene Briefkästen deuten an, dass die staubige Nebenstraße zu einer der zahlreichen Ranches führt. 'So lange es Rinder gibt, wird es auch Cowboys geben', ist der alte Haudegen in der urigen Country Kitchen überzeugt und wendet sich genüsslich seinem Frühstück zu, einem saftigen T-Bone Steak mit Spiegelei, Side Order: Frites im Bananenformat. Es ist eben alles ein bisschen größer im Lone Star State. Hier wirkt der wuchtige Dodge Pick-Up nicht deplatziert wie in der heimatlichen Enge, gehört das Gewehr auf der Ladefläche beinah schon zur Serienausstattung.
Im Radio gibt es viel Cassic Rock: 'The little ol' band from Texas' ZZTop, The Allman Brothers und Lynyard Skynyrd sorgen für klangliches Südstaatenflair. 'It's the land of soul and Rock and Roll. The home of the blues. Pure country too. It's the hallowed ground. All around', singt die Texas-Legende Calvin Russel. Texas hat eben mehr zu bieten als Öl - 'Dallas'-Zuseher erinnern sich noch - und Präsidenten mit Geografie- und Grammatikschwäche.
Ein Abenteuerland an der Flußbiegung
Eingebettet in die große Biegung - Big Bend auf Amerikanisch - des Rio Grande, der die Grenze zwischen Texas und Mexiko bildet, liegt im Südwesten der Big Bend Nationalpark.
Er ist Teil der Chihuahua-Wüste und ein wahres Abenteuerland. Wer Einsamkeit und vor allem Freiraum sucht, wird hier fündig. Seine Abgeschiedenheit, 450 Meilen (fünf Fahrstunden) sind es bis San Antonio, 300 Meilen bis El Paso, machen ihn zu einem einzigartigen Refugium für Camper und Hiker. Erlaubt ist, was gefällt: Rafting, Canoeing, Jeeping, Klettern, Angeln, Reiten und Wandern garantieren echtes Cowboyleben, zu dem auch wildes Campen gehört. Voraussetzung sind ein 'back country permit' und genü-gend Trinkwasser.
Erst das Fehlen der Viehzäune zeigt, dass man sich bereits im ganzjährig geöffneten Park befindet. Yucca-Palmen, Agaven, blühende Ocotillos und natürlich unzählige Kakteenarten bestimmen das Landschaftsbild. Die Spanier nannten die Gegend 'El Despolado', das unbewohnte Land, obwohl Mescalero-Apachen und die mit ihnen verfeindeten Comanchen die wüstenartige Prärie durchstreiften. Schutz vor der sengenden Sonne suchten sie in den mächtigen Chisos Mountains, die ihnen auch als Versteck für gestohlene Rinder und Pferde dienten.
Nachdem er die Welt erschaffen hatte, nahm der Gro-ße Geist alle übriggebliebenen Felsbrocken und warf sie auf den Big Bend. Die Indianerlegende liefert eine treffende Beschreibung der Umgebung. Die 2388 m hohen Chisos-Berge sind vulkanischen Ursprungs und idealer Zufluchtsort vor der unbarmherzigen Wüstenhitze. Eine steile Bergstraße führt zum Basin, dem Ausgangspunkt für Trekking Touren.
So karg die Landschaft im Big Bend bei Tag wirkt, so lebendig wird sie in der Dämmerung. Pekaris (Wüstenwildschweine) gehen auf Nahrungssuche, Weißwedelhirsche stolzieren zwischen den Zelten umher, und Kojoten drücken sich abseits der Campingplätze im Gestrüpp herum. Berglöwen sind hier ebenso zu Hause wie Truthahngeier, Klapperschlangen, Mokassinschlangen, Skorpione und Taranteln. Und der berühmte Roadrunner, der Erdkuckuck.
Wirken die Chisos Mountains wie eine grüne Insel inmitten der Badlands, so schlängelt sich der Rio Grande gleich einem Oasenband durch den Park.
Hinter den träge dahinflie-ßenden, schlammigen Fluten vermutet man zunächst nicht jene Kraft, die für die drei tiefen, gewaltigen Canyons - Boquillas, Santa Elena und Mariscal - verantwortlich war. Erst eine Bootsfahrt ans andere Ufer, über die Grenze nach Mexiko, lässt erahnen, welche Energie in diesen Wassern steckt. Tausende scharfe Steinpartikel prallen an der Außenwand des leichten Aluminiumkanus ab.
Schmuddelige Bars, schmutzige Kinder
Auf der mexikanischen Seite warten bereits Bewohner von Boquillas mit klapprigen Mulis, um Besucher in ihr Dorf zu bringen. Ärmliche Häuser, schmuddelige Bars, schmutzige Kinder. Fast scheint es, als wäre die Ansiedlung Durchgangsstation für jene, die über die grüne Grenze in das Land wollen, 'where the streets are paved with gold'.
Der Rio Grande - ein Fluss, der zwei Staaten trennt, und Wohlstand von Armut. Gleich hinter dem westlichen Parkausgang grenzt eine kleine Stadt an den Big Bend. 'Terlingua Ghost Town' steht auf dem Ortsschild. Aussteiger haben die Geister vertrieben und beleben die Ruinen. Es gibt eine Tankstelle und eine kleine Kneipe. Erneut schleichen sich Calvin Russels Worte in die Gedanken. 'It's full of black hippies, Rednecks and Mexes. All my friends stay down in Texas.'
Autor/in: MANUELA KLIEMSTEIN
© SN.
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