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Als die spanischen Eroberer kamen, waren die Häuser von Taos schon Hunderte Jahre alt. Weder Regen noch Schnee setzten ihnen zu.
'Viva la reina, viva la princesa!' ruft der Kapellmeister ins Mikrofon. Mit frenetischem Applaus feiern Einheimische und Gäste die diesjährige Königin samt Begleitung. Es ist Fiesta in Taos, einer 4000-Seelen-Gemeinde rund 100 Kilometer nördlich von Santa Fe`, der Hauptstadt New Mexicos.
Auf der Plaza herrscht reges Treiben. Einst schritten indianische Krieger, spanische Konquistatoren, franzö-sische Pelzjäger - les voyageurs - und amerikanische Trapper über diesen Platz. Heute riecht es nach Barbecue und sauren Gurken. Während eine Mariachi-Band einschmeichelnde Rancheras spielt, bieten Budenbesitzer unter den alten Bäumen ihre Waren feil: Handgewebte Ponchos, bunte Decken mit indianischmexikanischen Mustern, Silberschmuck mit eingearbeiteten Türkisen, kunstvoll bemalte Töpferwaren und geschnitzte Geisterboten, die Kachinas.
Letzte Bastion des Wilden Westens
Klare Gewässer und die reine Luft des Hochplateaus locken jedes Jahr Tausende Touristen in eine der letzten Bastionen des Wilden Westens. In dieser Gegend fließt der Rio Grande noch, tief eingebettet, durch eine zerklüftete Schlucht. Hinter sonnengebleichten Hügeln wachsen bewaldete Berge in den tiefblauen Himmel. Viereinhalbtausend Meter hoch. Weshalb die Region im Winter ein beliebtes Skigebiet ist.
Taos ist auch ein Zufluchtsort für Künstler. Maler und Dichter leben hier, Musiker und Schauspieler ebenso wie Antiquitätenhändler und Galeriebesitzer. D. H. Lawrence weilte einst in Taos, um auf der High Mesa seine Tuberkulose auszukurieren und die einzigartigen Lichtverhältnisse bezauberten bereits Georgia O'Keeffe. Der mexikanische Baustil verleiht dem kleinen Ort zudem eine angenehm warme Atmosphäre.
Zwei Meilen die alte Landstraße hinauf liegt das Pueblo. Als 1540 die Conquistadores das Hochland erreichten, glaubten sie, eine der legendären goldenen Städte von Cibola gefunden zu haben, hinter deren rotbraun glänzenden Mauern sagenhafte Schätze verborgen lägen. Gold gab es keines, dafür fanden sie eine eigenständige Zivilisation vor. In der Prärie waren sie Völkern begegnet, die in Zelten und Höhlen wohnten.
Die Tiwa dagegen lebten in festen Bauten, daher gaben die Spanier der Ansiedlung den Namen Pueblo, Dorf. Nach Indianeraufständen im Jahr 1680 zogen sie es allerdings vor, etwas abseits von ihren 'Gastgebern' zu siedeln und gründeten Taos.
Ein Bach und eine Plaza trennen die zwei großen Gebäudekomplexe, das Nord- und das Südhaus, hinter denen die Gipfel der Sangre de Christo-Berge die Wolken streifen. Fünf Stockwerke ragen die Häuser hoch und sind nach wie vor in Gemeinschaftsbesitz. Die wohl ersten Eigentumswohnungen, die es auf der Erde gegeben hat - die Tiwa unterscheiden nicht zwischen Hausherr und Mieter. Als noch keine Fenster und Türen eingebaut waren, konnte man nur über Leitern auf das Dach und von dort über eine Luke ins Innere.
Hundert Menschen leben heute ständig im Dorf, ohne Fließwasser, Strom und Toiletten. Die Bewohner betreiben Landwirtschaft und Viehzucht. Eine wichtige Einnahmequelle ist, neben dem Verkauf von Kunsthandwerk, der Fremdenverkehr. Die Mauern der Häuser bestehen aus Adobe. Ziegeln aus Lehm, mit Stroh und Wasser vermengt, vom Wind getrocknet und von der Sonne hart gebacken. Seit tausend Jahren. Weder Regen noch Schnee setzen ihnen zu.
Die Tiwa sind überzeugt, dass ein Indianer nicht wie andere Menschen stirbt. 'Er trocknet ein, und der Wind trägt ihn davon.' Sie gleichen sich, das Pueblo und die Menschen, die in ihm wohnen.
Das Indianerland ist laut einem Vertrag mit Washington ein souveräner Staat. Die Bewohner unterliegen zwar den Gesetzen der USA, verwalten sich im Inneren jedoch selbst. An der Spitze steht der Gouverneur, der oberste Häuptling. Er wird gemeinsam mit dem Richter jedes Jahr neu gewählt. Alle Vergehen unter Indianern werden vor einem eigenen Gericht verhandelt, ausgenommen Mord.
Männer in festlicher Stammeskleidung rufen von den Dächern zum 'Corn Dance'. Trommeln geben den Rhythmus vor, und die Tänzer stampfen mit den Füßen auf die rote Erde. In ihren Händen halten sie kleine Getreidebündel. Die Ältesten begleiten sie mit Gesängen und Gebeten und führen sie durch das Pueblo. Die Gruppe hält am Bach, der die Bewohner mit Trinkwasser versorgt, und am Backofen.
In diesem Dorf der geraden Linien hat nur er eine runde Form. Im Pueblo steht eine Kirche, San Geronimo, für jene, die auf der 'Jesus-Straße gehen'. In ihrem blendend hellen Weiß wirkt sie auf uns beinahe befremdlich.
Seit Jahrhunderten holen katholische Priester die Indianer in diese Kirche und sehen darüber hinweg, dass die Tiwa auch zu ihren eigenen Schöpfern beten: Zu Vater Sonne und Mutter Erde. Zu den Bäumen und den dunkelvioletten Bergen. Und zum 'Blue Lake', jenem heiligen See, der für Stammesfremde tabu ist.
Das gilt auch für die Kiva. Die unterirdische Kammer ist ein Symbol weiblicher Fruchtbarkeit, weil sie eingebettet ist in den Schoß der Erde. Die Kiva ist ein Ort der Sammlung, und wenn ein Indianerjunge zwölf wird, steigt er hinab in die Einsamkeit, für ein ganzes Jahr. Nur sein Vater versorgt ihn täglich mit Essen und Trinken. Wenn er wieder nach oben steigt, wird er zum zweiten Mal geboren. Mit der Erkenntnis, Teil des Kosmos zu sein. 'Amerikaner werden ist leicht', wissen die Tiwa. 'Nur Indianer werden kannst du nie.'
Autor/in: Manuela Kliemstein
© SN.
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