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Auf den ersten Blick ähneln die Straßen Savannahs mehr einer Filmkulisse als dem realen Leben. Manchmal sind sie das auch.
Unglaublich!
Sicher, Andi hatte mich hergelockt mit dem Versprechen, hier den 'richtig alten Süden' zu entdecken: herrschaftliche Villen, mächtige Alleen - gespenstisch zugewachsen mit 'spanish moss', das wie riesige Spinnweben von alten Bäumen hängt -, weiße Hängeschaukeln, als hätte sie Scarlet O'Hara eben erst verlassen. Ein Leben wie in 'Vom Winde verweht'. Aber das ist jetzt dann doch ein wenig übertrieben: Nur eine Straße hinter dem schmuddeligen Motel - das exakt aussieht wie das vier Tage zuvor in den Blue Ridge Mountains: riesiges Bett, winziges Bad, riesen Fernseher (selbst die Vorhänge haben dasselbe einfallslose Muster wie in alten Zuggarnituren) - sind sie tatsächlich, die Alleen mit dem herabhängenden Moos und die alten Hausfassaden. Aber nicht nur das: Selbst die Auslagen scheinen aus längst vergangenen Zeiten. Dann noch die Nobelkarossen aus dem Beginn des Jahrhunderts in den Straßen zu parken, scheint mir doch etwas zu viel des Guten.
'Wenn ihr noch fünf Minuten wartet, könnt ihr Robert Redford sehen', meint der Cafe`-Besitzer belustigt, der unsere erstaunten Blicke bemerkt hat. Reingefallen! Nichts von alledem ist echt: Dreharbeiten für 'Die Legende von Bagger Vance'.
Durchgesetzt habe mich im Übrigen dann ich - auch wenn es länger gedauert hat als fünf Minuten. Aber welche Frau lässt sich schon Robert Redford entgehen?
In einem winzigen Bücherladen - dessen Besitzer es geschafft hat, auf wenigen Quadratmetern nicht nur Unmengen von Büchern, sondern auch jede Menge Krims, von Halloween-Masken bis zu Plakaten von Scarlet O'Hara, zu verstauen - liest ein alter Mann in der Zeitung. Was uns Ende Oktober nach Savannah treibt, will er wissen. Und woher wir kommen.
Als er das Wort Salzburg hört, verfliegt der skeptische Blick. 'Ah, dann wollt ihr bestimmt die Salzburgers besuchen', meint er und betont das Wort wie einen Burger. Schon wieder outen wir uns als Unwissende. 1731 habe der Salzburger Erzbischof Tausende von Protestanten vertrieben, klärt er uns mit erstaunlichem Detailwissen auf. 1734 kamen einige hundert von ihnen auf Einladung nach Georgia und nannten ihre Siedlung in der Nähe Savannahs Ebenezer. Ein paar Straßen weiter könnten wir ein Denkmal sehen, das 'some Salzburgers' vor ein paar Jahren aufgestellt hätten, meint er. Tatsächlich: Gewidmet von Landeshauptmann Katschthaler 1994, heißt es auf dem Steinmonument.
Ein paar Tage später - auf dem Weg zu einer der Herrschaftsvillen - sind die 'Salzburgers' so gut wie vergessen. Nachdem der Leih-Chrysler bereits an einem unauffälligen Wegweiser vorbeigeflitzt ist, müssen wir aber doch wieder umkehren. 'Ebenezer', heißt es darauf. Dass nur einige Meilen als Entfernung angegeben sind, überzeugt uns endgültig.
Die Hoffnung, irgendwohin zu kommen, scheint nach kurzem illusorisch. Die enge Straße führt ins Niemandsland: feucht, Moos, Wald, undurchdringliches Dickicht. Und dann ist selbst die Straße zu Ende. 'Road ends' verkündet ein rostiges Schild auf einem rotweißen Schranken. Dahinter dichtes Gebüsch. Nur seitlich hinter ein paar Bäumen eine Kirche und ein Haus: 'Georgia Salzburger Society', heißt es auf einer Tafel.
Das Zentrum der Siedlung sei längst woandershin verlegt worden, erzählt uns Martha Zeigler, Bord Member der Salzburger Society. Ihre Ururgroßmutter sei als eine Ziegler aus Salzburg gekommen. Die Bestimmungen sind streng. Nur wer direkte Vorfahren nachweisen kann, wird als Mitglied bei den Salzburgern aufgenommen. Von innen ist das unscheinbare Haus kaum von einem der ländlichen Heimatmuseen zu unterscheiden: menschengro-ße Puppen im abgetragenen Dirndl und Trachtenanzug. Daneben etliche Gegenstände, die die Flüchtlinge damals mitgenommen haben: von der Handbibel bis zum Spitzen-Taschentuch. An der Wand hängen eingerahmt die Trachtenblätter des Salzburger Heimatwerks mit Nähanleitungen. Viele hier wüssten, wie man eine echte Salzburger Tracht näht, erklärt Zeigler. 600 aktive Mitglieder hat die Society derzeit. Ein Mal im Jahr gibt es ein großes Treffen mit Volkstänzen.
Allerdings, Deutsch könne seit dem Zweiten Weltkrieg hier so gut wie keiner mehr. Auch die Messe auf Deutsch zu halten habe man damals aufgehört. Die Kirche sei schon 1768 von den Salzburgern fertiggestellt worden und damit eine der ältesten in der Gegend, erzählt Zeigler. Stolz zeigt sie uns die Fingerabdrücke auf einem der roten Ziegel in der Mauer. 'Sie sind gleich groß wie meine.' Frauen hätten damals die Ziegel zum Bau der Kirche herbeigeschleppt.
Bei der Messe - mittlerweile hat sich die zunächst menschenleere Umgebung mit Autos gefüllt - begrüßt der evangelische Pfarrer eigens die 'Gäste aus Salzburg'. Die Einladung zum Mittagessen kann man da nicht ausschlagen. Zurück geht's die einsame Straße entlang. An der Hauptstraße, neben dem riesigen Wal-Mart, wartet der typische Fast-Food-Chinese - und damit das Amerika, wie man es sich vorstellt.
Autor/in: Regina Reitsamer
© SN.
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