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Mitsuko sagt, dass wir nicht viel Zeit haben. Wer hat die schon? Erstens: Vorweihnachtszeit. Zweitens: Disney World.
Also fahren wir mit dem Kleinbus nach Weihnachten. Das ist schnell und außerdem bequem nach anstrengenden Tagen zwischen Rollercoasters und 3D-Shows. Mitsuko macht einen guten Job. Ihr Job ist es gut zu sein, könnte man auch sagen. Disney sagt das. Die Company und deren Aktionäre. Die wollen Geld sehen. Und Geld gibt's, wenn Leute da sind und Leute sind da, weil sie für ein paar Stunden Spaß haben wollen. Auf dem höchsten, schnellsten und längsten Rollercoaster der Welt etwa. Im höchsten Turm, von dem man in freien Fall nach unten gelangt oder im Jurassic Park - zuerst fast echte Saurier sehen und dann durch einen steilen Sturzbach rasen und patschnass werden. Beeindrucken ist hier Pflicht. Und bei allem Nervenkitzel wollen die Leute - 40 Millionen sind es jährlich in Orlando, vier Millionen davon kommen nicht aus den USA, dass sie in freundliche Gesichter blicken. Abfangen der Angst sozusagen, des leichten Zitterns vor dem ewigen Rauschen der Rollercoaster. Mitsuko lächelt immer. Meistens lacht sie sogar. Die Frage ob sie es gerne tut, beantwortet sie mit einem breiten, einladenden Grinsen.
Der Kleinbus fährt hinter den Kulissen herum, weil ein bisschen VIP ist schon nötig um möglichst viele Attraktionen in kurzer Zeit nicht nur zu bestaunen, sondern auch auszuprobieren. Der Bus selbst - was soll ich sagen: nichts besonderes. Aber egal. Dient ja nur als Shuttle und immer genau dort, wo er stehen bleibt, passiert auch die Action. Und manchmal auch noch während er fährt. Mitsuko fährt rasant. Rückwärtsgang. Gas. Nur knapp vorbei an dem geparkten Golf. Vorwärtsgang, hinaus aus den MGM-Studios. Richtung Westen einmal um die Studios. Weihnachten liegt an der Studio-Südseite. Mitsuko wird noch zwei Monate bei Disney bleiben. Dann muss sie sich bei der Auswahl ihrer Unterwäsche nicht mehr an Anweisungen halten. Irgendwie sieht sie aus, als würde sie privat auch Unterwäsche tragen, die man durch die Oberbekleidung erkennen kann. Aber vielleicht ist das auch nur ein männlicher Wunschgedanke, der automatisch entsteht bei einer hübschen und noch dazu offenherzigen Frau, die so tut als wäre man der einzige Gäst, den sie mit Spaß durch das Disney-Reich führt.
Und da kommt dann zum männlichen Übermut recht rasch die Einsicht, dass die Rundumwohlfühlen-Betreuung (wahrscheinlich) doch nur der Disney-Job ist. Seit 16 Monaten ist sie 'Teil der PR-Abteilung', wie sie sagt. Als Englisch-Lehrerin arbeitete sie zuvor in ihrer Heimatstadt nahe Nagasaki. Das Lächeln und die Zufriedenheit des Gastes sind die wesentlichsten Bestandteile ihrer gegenwärtigen Ausbildung, mit der ihr 'nachher viele Türen offenstehen'. Disney macht sich gut in jeder Biografie. Neue Freunde in Europa will sie besuchen und dann wieder zurück nach Japan. Aber zum Erzählen hat sie nicht sehr viel Zeit, denn es gibt so viel zu sagen über Disney und die dazugehörige Welt. Welt bedeute Theme Parks. Über Disney Policy wird nicht geredet. Also weder über Besucherzahlen, noch Geheimnisse der Ausbildung und schon gar nicht über Unterwäsche - auch wenn das Lächeln beim diesem Thema tief blicken lässt. Und dass im Freien Alkohol und Rauchen außer in streng beobachteten Bereichen kein Thema ist, merkt man ohnehin von allein.
Mitsuko redet schnell und weiß von allem und überall ein bisschen. Eben gerade so viel, dass man sich wohlzufühlen beginnt, aber so wenig, dass man irgendwann aufhört nachzufragen. Sie lacht als sie vom Ocecola Parkway abbiegt. 'Abkürzung', sagt sie. Wer schneller da ist, hat mehr Zeit zu staunen. Und die vorgesehene Aufenthaltszeit zu Weihnachten ist eigentlich schon abgelaufen. Andererseits 'muss man das sehen'. Da muss das Southern Food im House of Blues halt noch warten. Weil jetzt ist Weihnachten. 350 Meilen lang ist Weihnachten. Und 800.000 Watt beherbergt es. 32,2 Meilen lang sind die Kabel, die Weihnachten zusammenhalten. Und 170 Engel ('Heavenly Spirit') und 50 ein bisschen schwer zu findende Mickeys ('Where is Mickey?') wachen, dass auch alles kitschigromantisch ist. Und auch ein Baum steht da. Gut 20 Meter hoch. Vor sechs Jahren war dem Geschäftsmann Jennings Osbourne der Rummel vor seinem Haus in Little Rock, Arkansas, zuviel geworden. Hunderte Passanten kamen um zu staunen, auf der Straße herrschte Stau. Für seine Tochter hatte er das Haus weihnachtlich beleuchtet. Und zwar ausgiebig.
Weil ihm die Aufregung um seine Privat-Beleuchtung zuviel wurde, und weil er ein guter US-Amerikaner ist, verkaufte er das Lichtspektakel. Disney schlug zu und hatte eine neue von November bis Jänner installierte Attraktion: Osbourne Family Spectacle of Lights! Unter fünf Millionen Lichtern kann man sich seither auf der Residential Street, dem Washington Square und der New York Street in der Kulisse von TV-Serien wie 'The Golden Girls' in einem flimmernden Meer verlieren.
Weil Weihnachten ohne Schnee auch in Tinseltown, Disney World, Florida, nichts wäre, lassen es 66 Schneemaschinen bei 20 Grad plus schneien. Mitsukos Augen glänzen mehr als während des vergangenen Tages. Bisher sei sie nur vorbeigefahren. Aber 'mittendrin' ist schon ein 'ganz anderes, feines Gefühl'. 'Simple Christmas. What do you think?' Und lacht.
Autor/in: Bernhard Flieher
© SN.
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