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Reiseberichte

USA: Auf der Hochschaubahn der Natur
11. November 2000
Vom Hochgebirge im Yosemite-Nationalpark ins Death Valley: In Kalifornien kann man Extremes auf (relativ) kurzen Wegen erleben.

Mit den Nationalparks ist es so eine Sache: Vom touristischen Trampelpfad bis zur Einöde ist alles möglich. Und das ist meist nur eine Zeit- und keine Ortsfrage. Der kalifornische Yosemite-Nationalpark 300 Kilometer östlich von San Francisco gehört neben dem Grand Canyon in Arizona und dem Yellowstone in Wyoming zu den meistbesuchten Naturschätzen der USA. Über zwei Millionen Besucher jährlich. Vergessen Sie ihn, wenn Sie im Sommer zur Hochsaison unterwegs sind.
Doch auch im Herbst - bei längerem Schönwetter bis Ende Oktober - ist Yosemite ein Magnet für Wanderer, Biker, Bergsteiger, Tagestouristen im Mietauto oder Bus. Es ist der Nationalpark der Hochmoore und der bis zu 3000 Jahre alten Mammutbäume, der 'Giant Sequoias', der Park der schroffen Granitfelsen und spektakulären Wasserfälle. Oder, klarer ausgedrückt: Oberpinzgau in anderen Dimensionen. Im Herbst hat man die Chance, unter Umständen in einem der Motels oder (sündteuren) Lodges innerhalb des Nationalpark-Gebiets ein Zimmer auch ohne wochenlange Reservierung zu bekommen. Doch das Risiko ist zweifach: Bei Schönwetter wird das Zimmer vermutlich doch schon vergeben sein, oder Sie finden in den Autokolonnen auf den Staatsstraßen 120, 140 oder 41 gar nicht mehr zu den Attraktionen der Natur. War oder ist das Wetter schlecht, kann es sein, dass der Balken mit dem deutlichen Schild 'road closed' (Straße gesperrt) schon niedergegangen ist. Dann ist es nichts mehr mit der atemberaubenden Fahrt über die kalifornische Sierra und über den höchsten Pass der Westküste, den Tioga (3041 m).

Auch wenn die Wasserfälle und Flüsse im Yosemite im Herbst zwangsläufig mickrig sind im Vergleich zum Frühjahr, hat die Jahreszeit auch im Yosemite ihren besonderen Reiz. Die imposanten Felswände von Half Dome, El Capitan oder den Three Brothers sind den Ausflug ins Yosemite Valley, das eine zehn Kilometer lange Sackgasse ist, wert. Dem Touristenrummel entflieht man am ehesten auf der einzigen Straße (Nr. 120), die den Nationalpark und die Sierra in diesem Bereich quert. Zimperlich sind die Amerikaner nicht: Die ersten, geringeren Schneefälle veranlassen sie noch nicht, die Wintersperre auszurufen. Wenn es - meist irgendwann im November - aber so heftig schneit, dass es weiß bleibt, dann ist 'road closed' bis Mai angesagt.

Vor dem Tioga-Pass klettert die Straße auf die ausgedehnten Wiesen von Tuolumne: kleine Seen, endlos anmutende Auen in 2800 Metern Seehöhe. Je weiter man sich von der Straße entfernt, desto grö-ßer wird die Chance auf eine Begegnung mit Schwarzbä-ren - vor allem, wenn man einen g'schmackigen Burger vor sich herträgt. Knapp elf Kilometer weiter östlich ist der Pass erreicht, umgeben von Gipfeln zwischen 3300 und 4000 Metern. Die Landschaft ist in dieser Höhe längt bizarr geworden, selbige wird dem europäischen Besucher aber (außer durch häufigeres Nach-Luft-Schnappen bei flottem Wandern) kaum bewusst, weil die Baumgrenze hier fast 1500 Meter höher liegt als in unseren Alpen.

Dem langgezogenen Anstieg von Westen her folgt nach dem Tioga Pass, auf dem man Yosemite verlässt, eine abrupte Talfahrt nach Osten: In wenigen kurvigen Meilen geht es hinunter auf 1900 Meter, doch von der Vegetation her wähnt man sich schon in der Wüste. Lange bevor man die nächste Siedlung, Lee Vining, erreicht, sieht man bereits den Mono Lake. Naturforscher schätzen das Alter des Überbleibsels aus der Eiszeit auf eine Million Jahre. Der See hat keinen natürlichen Abfluss. Heiße Quellen weisen immer noch auf vulkanische Aktivitäten hin. Der Mineralienanteil im See beträgt rund zehn Prozent.

Bizarrer Mono Lake: Ein See ohne Fische

Die bizarren Formationen mitten im und entlang des Sees ('Tufa') sind eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art: geformt durch die Vermengung von kalziumhaltigem Frischwasser mit dem kohlenstoffreichen Wasser des Sees. Da der Wasserspiegel stetig weiter sinkt, scheinen die Tufas im dauernden Wachsen. Im gesamten See leben keine Fische. Aus Schutzgründen für diverse Vogelarten bleiben einige Gebiete mit Nistplätzen entlang des Ufers von April bis August gesperrt. Vom Mono Lake geht es nun nach Süden, vorbei an der Abzweigung ins Skigebiet Mammoth Mountain, entlang der Ostflanke des Kings Canyon- und Sequoia-Nationalparks, die von dieser Seite auf Straßen nicht erreichbar sind. Im Westen erhebt sich der Mount Whitney, mit 4418 Metern der höchste Gipfel der kontinentalen USA.
In Lone Pine zweigt man ins Death Valley ab. Und Lone Pine sieht genauso so aus, wie der Name sagt: das letzte Kaff vor der Wüste - doch im einzigen Supermarkt ist schon seit längerem ein beliebtes österreichisches Energie-Getränk im Kühlregal zu finden. 60 Kilometer weiter östlich erreicht man über den Townes Pass (1511 m) das Tal des Todes.

Die Nationalpark-Verwaltung versucht dabei rechtzeitig, den Besuchern die nötigen Vorsichts-Maßnahmen zu empfehlen: Ausreichend Wasser für a) die Passagiere und b) das Auto, falls es auch dem fahrenden Untersatz zu heiß werden sollte, ein wenig Proviant und coole Nerven. Bei Pannen beim Auto bleiben - so der Ratschlag -, irgend jemand kommt immer vorbei (häufig Coyoten).

Eintönig wird es im Death Valley nicht - zu ungewohnt ist die Landschaft. Die Panamint-Berge im Westen mit Gipfeln über 3000 Meter kontrastieren mit dem Talboden, durch den die Hauptroute in Nord-Süd-Richtung führt. Im Mittelpunkt erreicht man Furnace Creek mit dem Besucherzentrum und jeder denkbaren touristischen Infrastruktur. Von dort sind es nur wenige Minuten zum Pflicht-Programm im Death Valley: Zabriskie Point mit seiner formidablen Kulisse von bizarren Felsen in jeder Buntheit, öder und doch faszinierender Sand- und Steinwüste. (Genau dorthin hat Antonioni in seinem filmischen Meisterwerk seine angehenden Hippies entfliehen lassen, aber das ist auch schon über 30 Jahre her.)

Etwas weiter südlich schließlich erreicht man Badwater, was eine Übertreibung ist, denn nicht einmal schlechtes Wasser gibt's hier - dafür aber das beliebte Fotomotiv mit dem Schild '282 Fuß (86 m) unter dem Meer, tiefstgelegener Punkt der USA'. Hauptsache ist hier längst, dass der Fotoapparat nicht schlappmacht. Der Rest ergibt sich auf den nächsten 100 km nach Shoshone - wo man so etwas wie Zivilisation wieder erreicht - von selbst.

Autor/in: Gerhard Kuntschik

© SN.

 

diese seite | 25.06.2002 | 16:41

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