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Auch die Straßen der USA sind 'gerader' als bei uns. Oder kurviger, je nach Region. So wie in den Appalachen oder den Carolinas.
'Nette Motorräder habt ihr', knödelt es aus dem Munde eines Harley-Treibers aus Florida, der ausschaut wie aus dem Bilderbuch des US-amerikanischen Traumes: T-Shirt, Jeans-Kutte, Plastik-'Kapperl', Rauschebart. 'Europäische Bikes, hmmm? Schön!' so zeigt er sich von den Triumphs und BMWs tief beeindruckt. 'Wir sind ja auch Europäer . . .' Das war das Stichwort. Eine gute halbe Stunde zieht sich die Plauderei hin. Hier haben die Amerikaner offensichtlich Zeit. Keine Spur von der sprichwörtlichen Hektik herrscht in den Appalachen, in North und South Carolina; dort, wo Zweirad-Reiter aus dem benachbarten 'Flachland-Staat' Florida zum Kurven hinfahren. Seit zwei Tagen sind wir unterwegs. Durch dichte grüne Wälder zieht sich die Route, immer wieder taucht der Blue Ridge Parkway aus dem Blätterdickicht auf, eine der berühmtesten Panoramastra-ßen der Appalachen. Zahlreiche Aussichtspunkte gewähren einen Blick auf eine sanft erscheinende, aber nichtsdestoweniger imposante Landschaft. Zwischen Meeresniveau und einer Höhe von etwas mehr als 2000 Metern zieht sich die güterverkehrs- und werbungsfreie Straße dahin. Zum Teil in weitgeschwungenen Kurven, dann wieder in durchaus anspruchsvollen Kehren. Nahezu auf allen Abschnitten: Feinster, rauher Asphalt.
Da juckt es in der Gashand des kurvengewohnten europäischen Motorradfahrers ebenso wie des Flachlandgeplagten US-amerikanischen Bikers. Doch da seien die strengen Tempo-Limits vor: 45 Meilen und kein Haucherl mehr sind hier die Vorschrift - knapp mehr als 70 km/h.
Wie streng, das erfahren wir bei einem Aussichts-Stopp beim Mount Mitchell, des höchsten Appalachen-Gipfels östlich des Mississippi. Zwecks besserer Übersicht fährt Matthias stehend über den Parkplatz. Wie aus heiterem Himmel taucht ein Sheriff auf, nimmt sich den Übeltäter vor.
Was wir verstehen können, ist ungefähr dieses: 'Zehn Meilen auf dem Parkplatz, 25 Meilen auf dem Zubringer und 45 Meilen auf dem Parkway. Wenn du das nicht einhältst, haben wir ein nettes Paar Handschellen für dich parat!' Das sitzt. Das gestrenge Gesicht des Sheriffs klärt sich zu freundlicherer Miene, als wir ihm erklären, dass wir aus Europa sind und tief beeindruckt und deshalb die kleine Unaufmerksamkeit: 'Yes, Sir, okay Sir.'
Der Blue Ridge Parkway, rund 800 Meilen lang, beginnt in Virginia und endet in North Carolina, im Great Smoky Mountains National Park. Rund um die populäre Panoramastraße gibt's aber jede Menge weiterer interessanter und kurviger Routen.
Der Parkway selbst ist so angelegt, dass er auch von den großvolumigen US-Autos problemlos bewältigt werden kann - er ist vor allem im Herbst, zur Zeit der Laubverfärbung, von fast allem was fahren kann dicht frequentiert.
Abseits davon geht's weniger kernig: Abgesehen vom Deal's Gap - 318 Kurven auf knapp 18 Kilometern (Treffpunkt zahlloser Motorradfahrer aus nah und fern), sind die 'Backroads' ein Gustostückerl der besonderen Art: Alleine die Auffahrt zum ersten Übernachtungsort, Mountain Beech, hat es in sich: Die 194er, von Banner Elk hinauf in dieses Skigebiet, windet sich in knapp aufeinanderfolgenden Kurvenkombinationen bergauf, gespickt mit allen möglichen Schwierigkeitsgraden.
Ein Genuss, der den Vergleich mit europäischen Motorrad-Paradiesen nicht zu scheuen braucht. Der Unterschied: Die Siedlungsdichte. Kilometer-, pardon meilenweit kein Haus, nichts - und dann wieder ein einsames Gebäude, mit Menschen, die ebenso kommunikativ sind wie eingangs beschriebener Biker.
Dabei mangelt es nicht an Kuriositäten. So entpuppt sich eine Art Berggasthof als Gourmet-Tempel mit ausgezeichneter Küche, ein Bed & Breakfast-Haus als gediegenes, liebevoll ausgestattes Nest für die Nacht mit unglaublichem Frühstück und ein Mountain Inn als Hort für einsame Seelen, die sich am Lagerfeuer einander öffnen.
Und genauso eröffnet ein Besuch in Little Switzerland Einblicke in die Phantasie-Welt der Amerikaner: Ein veritables Alpendorf, mit allem Drum und Dran. Wie in einem Film erscheint das. Aus einer wirtschaftlichen Notlage haben die Stadtväter beschlossen, eine Attraktion aus dem Hut zu zaubern: Ein 'echtes' bayrisch-österreichischschweizerisches Erlebnisdorf, mitten in den ausgedehnten Wäldern der Appalachen, mit Biergärten, Wurstkesseln und Pferdefuhrwerken.
Nur ein paar Meilen weiter beginnt das, was man sich in Europa unter den Südstaaten der USA vorstellt: Schnurgerade Verkehrswege, Felder, die bis zum Horizont reichen, Städte, die noch immer aussehen wie vor 200 Jahren, riesige Plantagen, die endlose Atlantikküste mit Inseln aus Sanddünen, mitten im Meer, und der weiteste Himmel, den man sich vorstellen kann. Eine abrupte Abwechslung nach einer knappen Woche Kurven, Kurven, Kurven - von denen ein echter Motorradfahrer allerdings nie genug bekommen kann.
Autor/in: Beatrix Keckeis
© SN.
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