|
Erschrecken Sie nicht, wenn Sie ein Wildfremder anspricht und Ihnen zu Ihrer Familie gratuliert. In Amerika ist das normal.
Es war ein Lächeln, das man nie mehr vergisst. So ein ehrliches, aus dem Herzen kommendes. Eines dieses Lä-cheln, mit dem man einen alten Freund nach langer Trennung begrüßt. Und dennoch: es war nur eine ganz kurze, flüchtige Begegnung. An einer Straßen-Baustelle mitten in den Weiten Arizonas. Dort, wo man einige Minuten warten muss, um den Gegenverkehr passieren zu lassen. Und das Lächeln gehörte einer jungen, blonden, braungebrannten Frau, die bei brütender Mittagshitze den Verkehr regelte. Und einfach jeden so unbeschreiblich anstrahlte, dem sie die Weiterfahrt ermöglichte.
Ja, das ist Amerika. Eine Freundlichkeit, die uns Österreicher bisweilen erschrecken lässt. Etwa im Supermarkt: Wenn du grübelnd an einem Regal stehst, versuchst, den Inhalt einer Packung zu erforschen, und ein Angestellter dich anspricht, als hätte er einen alten Bekannten vor sich. Dich mit: "He Junge, wie geht's?" aus deiner Konzentration reißt und dann, ohne die Antwort abzuwarten, wieder stehen lässt.
Oder: Wenn du irgendwo im Süden New Mexicos in einer Hotelhalle Prospekte studierst und plötzlich aus dem Nichts ein älterer, sympatischer Mann auftaucht. Ein Mann, den du noch nie gesehen hast, der dir bis dahin nicht aufgefallen ist. "He Junge, eine großartige Familie hast du", sagt er, gibt dir einen leichten Boxschlag. Und verschwindet wieder.
An diese Spontaneität muss man sich erst gewöhnen. Aber sie streichelt - unbeabsichtigt - die Seele. Wenn du etwa am Strand von San Diego versucht, einen Volleyball übers Netz zu bringen und eine junge Frau, die auf Rollerskates an dir vorbeizieht, plötzlich ruft: "He, Hübscher!". Du weißt, dass Du nicht gemeint sein kannst. Aber vielleicht . . .
Natürlich sind nicht alle Amerikanerinnen und Amerikaner ausnahmslos freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit: Aber der Großteil ist es. Und wenn man, wie in jedem Reiseführer nachzulesen ist, ihnen im Gegenzug Oberflächlichkeit vorwirft, so mag das zwar stimmen. Aber, bei vielen Begegnungen erlebt, die Vorteile überwiegen bei weitem.
Es gibt so vieles, an das man sich bei einer USA-Reise gewöhnen muss: Da kann einem passieren, dass man in einem Lokal in New Mexico zum Mittagessen ein Bier bestellt, und es die - ausnahmsweise mürrische Kellnerin - mit den Worten verweigert: "No liqueur on sunday", was soviel wie "Kein Schnaps am Sonntag" bedeutet. Dass Bier erstens kein Schnaps ist und das Bier, das man normalerweise in den Staaten bekommt, einen Alkoholgehalt in höchst homöopatischen Dosen hat, zählt nicht. Wer Bier, auch am Sonntag, will, muss es halt im nächsten Supermarkt holen. Der hat am Sonntag offen. Und der verkauft am Sonntag wie selbstverständlich Alkohol.
Apropos Alkohol: Nirgendwo findet man eine größere Auswahl an Biersorten als an einzelnen Hotelbars in Salt Lake City, nirgendwo gibts die Großpackungen mit Bierdosen so günstig wie an den dortigen Tankstellen. Und das im Mormonenstaat Utah, in dem Alkohol verpönt ist.
Kinder dürfen mit Alkohol gar nicht in Berührung kommen. Ein kleines Beispiel: In den großen Hotels in Las Vegas, wo ein einarmiger Bandit neben dem anderen steht, gibt es auch riesige Abteilungen für den ganz jungen Besucher. Die können Dollar um Dollar für alle möglichen und unmöglichen Glücks- wie Geschicklichkeitsspiele ausgeben (als Preise winken billige Stofftiere, die für den Rest des Urlaubs die Kapazität des Reisegepäcks sprengen). Wenn sie, die Kleinen, aber die kleine Bar, in der die Eltern auf den verschwenderischen Nachwuchs warten, betreten wollen, gerät der Barkeeper in Panik: "Kinder dürfen hier nicht rein!!!"
Ein Parkplatz für den Mitarbeiter des Monats
Andererseits sind im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Dinge möglich, die hierzulande undenkbar wä-ren. Sie lassen dich an das Steuer eines 150 PS starken Motorbootes, mit dem du meilenweit über endlose Wasserflächen rasen kannst. Und dafür musst du keine Praxis, keinen Motorboot-Führerschein, sondern nur einen Ausweis vorlegen.
Sie setzen dich, ohne dass du Erfahrung hast, auf ein Pferd. Und traben, ja galoppieren, mit dir stundenlang durch die schönsten Canyons.
Aber, wehe, du spielst mit deinem Sohn im Pool eines Hotels in Las Vegas. Ein schriller Pfiff ertönt und einer der zwanzig Bademeister, die das 10 mal 20 Meter große Schwimmbad im Auge behalten, gibt dir zu verstehen, dass dein Kind sich nicht an dir festhalten darf: "Don't hang one on another!"
Die vielen Widersprüche, die vielen Kuriositäten machen die USA als Reiseland so liebenswert. Und auch die Gelassenheit, die im Widerspruch zu den TV-Bildern aus dem hektischen Amerika steht. Der durchschnittliche Amerikaner geht es gemütlich an. An der Supermarktkasse, wo neben der Kassierin eine Frau zum Einpacken der Waren steht, wird trotz Schlange geplaudert. In den Fast-Food-Restaurants werken bis zu drei Angestellte minutenlang an einem Hamburger, Kellner haben es nicht eilig.
Den Vogel schoss ein Angstellter der Autovermietungsfirma ab, der zuerst eine Stunde brauchte, um alle Daten zur Herausgabe des bereits vorgebuchten Wagens mühsam in einen Computer einzutippen - und dann mit einem Tastendruck das gesamte Programm löschte.
Aber auch Leistung zählt. Und die wird belohnt. So stellt eine Geschäftszeile in Carlsbad, New Mexico, dem "Angestellten des Monats" einen eigenen Parkplatz zur Verfügung: ausgeschildert mit "Employee of the Month".
Autor/in: Norbert Lublasser
© SN.
|