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Reiseberichte

Endstation Surf Ave
27. Mai 2000
Coney Island, die Kanincheninsel im Süden Brooklyns, ist Gegenwelt zum Boom in Manhattan: Es herrscht der Charme des Zerfalls.

"Wouldn't it be great, if it was like this all the time?". Van Morrison interpretiert melancholische Stimmungen wunderbar. Der Schwermut des Blues klingt durch, die Gewissheit der Vergänglichkeit.

Auch sein Song "Coney Island" im Walkman hilft aber nichts. Die U-Bahn rumpelt durch die Kopfhörer. Das macht den kaputten Verschluss des Aktenkoffers eines Fahrgastes und die zu locker angeschraubten Haltgriffe zur Nervenprobe. Den Film müsste man mit John Malkovic oder Robert de Niro besetzen, der vom Mord an dem Aktenkoffer-Mann in der U-Bahn-Remise handelt, die sich hinter den verschmierten Fenstern in ein Industriegebiet duckt.

Surf Avenue - Endstation. Straße überqueren und die Verlängerung der Stillwell Avenue entlang. 200 Meter zum Strand.

Dort tritt man in eine Wirklichkeit, die trotz typischer US-amerikanischer Wahrzeichen ein sentimentaler Traum ist. Eineinhalb Stunden von Downtown und doch noch New York. Atlantik - dahinter liegt Portugal.

Der Hot Dog wurde hier erfunden. Ein deutschstämmiger Handwerker namens Nathan wollte sich eine kompakte Jause zur Arbeit mitnehmen können. Daraus wurde eine amerikanische Ikone. Wurst in weichem, weißen Schlabber-Brötchen mit Senf, Mayo oder Ketchup - und für den Profi in perfekter Mischung alles zusammen. Wie gut, dass aus dem Nathan's Stammquartier in Coney Island längst ein Fast-Food-Netz über der ganzen Stadt wurde.

Under the Boardwalk down by the sea

Geruch von altem Fett und Karameleis (oder Zuckerwatte?) kitzeln weniger die Nase als die Ohren: ". . . you can almost taste the hot dogs and french fries they sell . . .". The Drifters haben 1964 Coney Island seine Hymne geschrieben: "Under the Boardwalk".

"Down by the sea" wurde aus Holzbrettern diese breite Promenade angelegt. Einige Meter über dem Strand wurde einst flaniert. Mittlerweile geht der breite, knarrende Nobelboulevard fast eben in den Strand über. Windgetriebener Sand ist tonnenweise unter den Brettern zur Ruhe gekommen. Die Promenade ist nicht mehr von Ruhe suchenden Reichen bevölkert. Lebenskünstler: Schlangenbeschwörer, Pantomimen, Tänzer - Unterhaltungstagelöhner suchen hier ihr Glück und den schnellen Dollar.

Auf holländischen Karten wird die ovale Halbinsel "Konijn Eiland" ("Insel der Kaninchen", die es freilich nicht mehr gibt) genannt.

Vom Anfang des Jahrhunderts bis zur Weltausstellung 1940 war die Insel der spektakulärste und größte - wir sind immerhin in New York - Vergnügungspark der Welt. Manhattan wuchs. Coney Island wurde Naherholungsgebiet. Nur eine ausgebrannte Achterbahn und ein Parachute-Tower (wofür immer er auch gut gewesen sein mag) erinnern noch daran. Nürnberg im Zwergen-Maßstab stand hier. Und eine lebensgroße Kopie des Canal Grande mit der Rialto-Brücke und die Ruinen von Pompeji und eine komplette Alpenlandschaft. Es war der ideelle Vorläufer von Manhattan. Ein Versuchslabor aller sozialen, technischen und kulturellen (Alb-)Träume, die die Insel im Herzen des Big Apple vom Rest der Welt unterscheiden. Die bunte Menschenmischung an Wochenenden vermag immer noch einen Eindruck davon zu geben.

Die hohe Zeit im Süden von Brooklyn ist lang vorüber. Der Charme von Coney Island ist einer des Zerfalls, der Vergänglichkeit. Heruntergekommene Standl und Fahrbetriebe reihen sich aneinander. Größte Attraktion ist "Cyclone". Abenteuer und Geschichte verbinden sich bei dieser hölzernen Achterbahn zum unwiderstehlichen Drang zu einer Fahrt. Der Blick auf die rasenden kleinen Züge und das Rumpeln der Holzkonstruktion verunsichert. Aber der Blick zurück macht sicher: Seit der Inbetriebnahme vor gut 50 Jahren ist kein Unfall passiert. Vom höchsten Punkt des "Cyclone" ist in den wenigen Augenblicken zwischen Ende der mühevollen Auffahrt und dem Ausklinken aus der Zugkette im Osten die U-Bahn zu sehen. Sie fährt dort oberhalb der Brighton Beach Avenue. In ihrem Schatten liegt ein paar Dutzend Häuserblocks vom lauten Vernü-gungszentrum entfernt "Little Odessa". Über 10.000 russische Einwanderer leben hier.

Kyrillische Schrift an den Geschäften, osteuropäische Spezialitäten, Restaurants, die Primorski oder Minsk hei-ßen, und wenige Personen, die perfekt Englisch sprechen. Kleinstadtidylle macht sich in den benachbarten Reihenhaussiedlungen breit. Wie riesige Gefängnisse neben der Weite des Atlantiks wirken dagegen die Wohnsilos, deren Mächtigkeit den östlichen Strandabschnitt beherrscht.

Das Versuchslabor Coney Island ist längst zum sozialen Spiegel der wahren Welt zwischen den Häuserfluchten ein paar Meilen nordwestlich geworden. Die russische Bevölkerung flaniert nur auf einem kleinen Teil der Promenade.

Der Downtown-Puls beruhigt sich

An den guten Plätzen und draußen auf der langen Pier werfen Puertoricaner kleine Drahtkäfige zum Fischen ins Meer. Sie haben Coney Island im Griff. Ein illegales Würfelspiel verkürzt das Warten und sorgt für eine wild gestikulierende Menschentraube. Ein paar Dollar sind schnell verdient und ebenso schnell wieder verloren. Der Wind treibt die Melodie der Jazzband vom Boardwalk herüber und das Geschrei der "Cyclone"-Mutigen. Dazwischen der 100 Meter breite und sechs Kilometer lange Strand.

Mit dem feinen Sand beginnen die Gedanken zu fliegen. An die Gemächlichkeit von einst, auf Bildern in der ältesten Bar am Boardwalk nachzustudieren. Der Blick in der Gegenwart bleibt an gro-ßen Frachtschiffen und Kreuzfahrt-Linern am Horizont hängen. Der Downtown-Puls verliert deutlich an Geschwindigkeit. Flugzeuge Richtung La Guardia und JFK ziehen im 30 Sekunden-Takt ihre Streifen in den Himmel. Die sparsamen Wochenendintervalle der D-Express-Line lassen einem letzten Blick über die heruntergekommenen Häuser an der Surf Avenue lange Zeit. Die Rewind-Taste hat ihre Arbeit getan: "Wouldn't it be great, if it was like this all the time."

Autor/in: Bernhard Flieher

© SN.

 

diese seite | 25.06.2002 | 16:25

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