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Reiseberichte

Down under Australien
18. September 2001
Der Mond hängt hier verkehrt am Himmel und Frühling wird es im Oktober. Die Bevölkerungsdichte wird in km2 pro Einwohner gemessen und man fährt links. Auch sonst ist vieles anders.

Der Bundesstaat Victoria mit der Hauptstadt Melbourne liegt im milden Süden Australiens. In mancher Hinsicht stellt er ein Konzentrat des ganzen Kontinents dar. Victorianische Prachtbauten wie das Princess’ Theatre, die Block Arcade, eine elegante Einkaufspassage, oder das Grand Hotel Windsor erinnern an die Goldrausch-Zeit im 19. Jahrhundert.
Gleichermaßen „very british“ wirkt die Sportbegeisterung und Wettleidenschaft der Stadtbewohner. Der Melbourne-Cup im November lässt sich durchaus mit den Pferderennen in Ascot vergleichen, nur die Hüte der Damen sind noch eine Spur sensationeller. Manch einer feiert den Tag krank, weil er nichts als Pferde im Kopf hat. „Chucking a sickie“ nennt man diesen Volkssport. Sogar das Parlament unterbricht seine Sitzungen während des Rennens. Auch das Grand-Slam Turnier im Jänner und der Formel-1 Ring im März markieren Höhepunkte im Jahreslauf. Downtown pulsiert das Leben jugendlich und weltoffen zwischen den Wolkenkratzern. Die Skyline steht für einen der bedeutendsten Finanzplätze zwischen Pazifik und Indichem Ozean. Nirgendwo sonst in Australien sehen wir so viele gut angezogene Leute. In den weiträumigen Parkanlagen mit subtropischer Flora, in den Pubs und Cafés am Yarra River genießen die Melburnians ihre Freizeit. Der bunte Arts und Craft Market im Vorort St.Kilda, die Traumstrände der Bellarine- und Mornington Halbinsel im Süden locken als Ausflugsgebiete. Hier entdecken wir auch den köstlichen Pinot Noir, für den die Gegend berühmt ist, und der seidige Chardonnay aus dem Yarra Valley füllt einige der besten Flaschen des Champangerriesen Moet & Chandon. Schattige Weinlauben, Ballonfahrten, Kricket, Jazzbrunches und Bootspartien über die Port Phillip Bay laden ein zu Geselligkeit und Entspannung.

Die Geburtsstätte der Demokratie in Australien liegt sinnigerweise am „Western Freeway“. Die Entwicklung nahm 1854 in Balarat ihren Anfang, als sich Goldgräber mit der „Eureka Stockade“ gegen die Willkür britischer Obrigkeit auflehnten. In Sovereign Hill, einer originalgtreuen Nachbildung der alten Goldgräbersiedlung erwachen die blutigen Ereignisse Nacht für Nacht während eines sound and light Spektakels zum Leben. Tagsüber waschen wir Sand, Gold gibt´s nicht. Wir teilen dieses Schicksal mit all den anderen unzähligen Touristen, doch die vielen Kinder haben einen Riesenspaß. Und das Foto, für das wir in historische Kostüme schlüpfen, können wir mit nach Hause nehmen. „Old Homestead Glenisla“ ist nicht leicht zu finden. 350 km von Melbourne; wir sollten längst da sein. Wir kehren um ..., und kehren nochmals um, dann entdecken wir am Straßenrand den Briefkasten in Form einer Brieftonne. Die Schaffarm liegt abseits im Busch, unter alten Bäumen versteckt. Sie ist seit sieben Generationen in Familienbesitz und Robert hat „Old Homestead“ seinem Vater abgekauft. Auf fünftausend Schafen wachsen hier jährlich über zwanzig Tonnen feinster Merino-Wolle für den italienischen Couturier Zegna. Robert begrüßt uns auf das Herzlichste und zeigt uns das Herrenhaus, einfach aber stilvoll und 130 Jahre alt. Das Candle-light-Dinner und der Tee am Kamin, hier draußen, mitten im Busch, sind dann wirklich eine Überraschung. Im Morgenrot weckt uns das heisere Lachen der Kookaburrs. Die Bande von fast einem halben Meter großen Eisvögeln veranstaltet einen Heidenlärm - an Schlaf ist nicht mehr zu denken und ich schnappe meinen Fotorucksack. Nach dem Frühstück geht es mit dem Landrover in den Busch. Die Piste führt über dunkelrote Erde durch Eukalyptuswald und ist streckenweise überflutet. Die Stämme sind bis in Kopfhöhe schwarz. „Buschbrand?“ „Nein, das sind Folgen der letzten Überschwemmung. Aber das Wechselbad von Feuer und Wasser ist für den Wald lebenswichtig. Nach wenigen Wochen treiben die Bäume frisch und ein neuer Wald entsteht“. An einer Furt finden wir die Spuren eines Emu im ausgetrockneten Schlamm. „Das Männchen brütet die Eier aus und zieht die Jungen auf, während sich die Dame auf die Suche nach einem neuen Lover begibt“, kommentiert unser Führer trocken. Australien ist eben anders. Scharen von rosa Kakadus fliegen aus den silbrig schimmernden Kronen auf. Ein mächtiger Hirsch bricht direkt vor uns aus dem Unterholz und lässt sich kurz mitten auf der Piste bewundern, bevor er in einer Staubwolke verschwindet. Auf einer Anhöhe hält Robert und zieht mit seinem Arm einen weiten Kreis: „Das ist alles mein Land. Neun Kilometer nach Norden, sieben nach Osten und nach der anderen Seite auch ungefähr so weit“.

Glenisla liegt etwa drei Stunden westlich von Melbourne, am Fuß der Grampians. Die archaische Wildheit dieses Gebirgsstocks lässt an den Urkontinent Gondwana denken, von dem sich Australien einst abgespaltet hat. Das Gebiet befindet sich größtenteils innerhalb eines Nationalparks. Schroffe Bergrücken, dichter Urwald, weites Grasland, Wasserfälle und stille Seen wechseln einander in dieser prähistorischen Welt ab. Viele der ungewöhnlichen Tiere des Kontinents sind hier zu Hause, auch der „bekannteste Australier“, der Koala. In der Dämmerung kann man Känguruhherden von über hundert Stück beobachten. Flagstaff Hill in Warrnambool, auch ein „real-live” village, vermittelt mit der Atmosphäre eines Seehafens im 19. Jahrhundert die richtige Einstimmung für die Great Ocean Road, eine der schönsten Panoramastraßen - und einen der gefürchtetsten Küstenabschnitte der christlichen Seefahrt. Stürme und die formenden Kräfte des Meeres haben ein Labyrinth von Klippen, Bögen, Wänden und einsamen Buchten geschaffen. Die „Zwölf Apostel“, ein Ensemble bizarrer Klippen in der tosenden Brandung, sind neben dem Uluru das am meisten fotografierte Naturphänomen Australiens.

Während einer Wanderung durch die abenteuerlichen Senken und Schluchten des Otway Nationalparks ist man meist allein unterwegs. Ergiebige Monsunregen bescheren den Bergen dichte Vegetation. Riesige Baumfarne, die aus dem Tertiär stammen, und bemooste Urwaldriesen verwandeln sie in eine stille, dämmrige Welt. Subtropische Regenwälder und gewaltige Granitfelsen bilden auch den Rahmen für die Strände der Fünf-Sterne-Kategorie von „The Prom“, dem südlichsten Zipfel Australiens. Erstaunlicher Weise liegt zwischen diesem Südseeambiente und der Antarktis nur eine Strecke von 2200 Seemeilen.

Autor/in: Stefan Kalmar

© SN.

 

diese seite | 25.06.2002 | 16:20

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