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Auch wer sagt, 'Bungy Jumping ist blöd': In Neuseeland kommt der größte Zweifler in Versuchung - und auf den Geschmack.
Bungy Jumping ist die Hölle. Wer behauptet, das sei Spaß, der hat es entweder noch nie getan oder schon mindestens zehn Mal. Nein. Es ist die pure Angst, die einen packt. Eiskalt. Schweißtreibend. Aber was soll man machen. Da ist man ans andere Ende der Welt gereist und steht nun vor der ersten kommerziellen Bungee-Jumping-Brücke der Welt. Dort, wo sozusagen dieser Adrenalinstoß-Wahnsinn erfunden wurde. Da muss man ganz einfach! Oder doch nicht? 43 Meter hoch ist die 'Kawarau Bridge' bei Queenstown, dem Outdoor-Sportzentrum auf der Südinsel Neuseelands. Ein 'Verrückter' namens A. J. Hackett, der 1987 vom Eiffelturm hüpfte und damit das Bungy Jumping ins Licht der Öffentlichkeit rückte, war der erste, der vom Holzgeländer der über 100 Jahre alten Goldgräber-Brücke sprang und im freien Fall dem türkisfarbenen Gebirgsfluß entgegen. Es folgten Tausende.
Rund 7000 'Jumps' wurden seit Eröffnung der 'Kawarau Bridge' im Jahr 1988 gezählt. Täglich holen sich 80 bis 90 Mutige ihren 'Kick'. In der Hochsaison im Sommer, wenn bei uns Winter ist, sind es bis zu 200 Springer. Rund 1000 Schilling sind pro Kopf auf den Tisch zu legen, je nach gebuchtem Paket. Der 'Luxus-Jump' etwa beinhaltet nicht nur ein T-Shirt, das es nirgendwo käuflich zu erwerben, sondern ganz exklusiv für die Springer gibt. Überreicht wird dazu auch eine persönliche Urkunde, die bestätigt, dass man sich gerade eine konzentrierte Dosis Adrenalin besorgt hat. Promptest mitgeliefert wird schießlich noch ein Erinnerungsvideo mit qualvollen Live-Aufnahmen des eigenen Sprungs. Damit man die Daheimgebliebenen erschrecken und sein restliches Leben stolz auf das Getane sein kann. Das lässt die Kassen klingeln. 130.000 Schilling beträgt der durchschnittliche Tagesumsatz am Original-Schauplatz.
Der Schauplatz selbst wurde, was die Höhe betrifft, längst überholt. A. J. Hackett, mittlerweile von Neuseeland in die französische Normandie übersiedelt, war nicht faul. Er hat den Braten gerochen und gut portioniert. So lockt direkt über den Dächern von Queenstown, malerisch an Berg und See gelegen, 'The Ledge' mit immerhin 47 Metern Höhe. Die Zuschauer werden automatisch mitgeliefert - in der Gondel Marke 'Doppelmeier', die haarscharf am Absprunghäuschen vorbei fährt. Das besondere Angebot sind Nachtsprünge - ins Lichtermeer der Stadt. Quasi Bungy-Party. Aber es geht noch höher hinauf. Besser gesagt: tiefer hinunter. Vieeeeel tiefer. Zum Beispiel 71 Meter im 'Skippers Canyon' oder - jetzt kommt's, festhalten - 134 Meter (!). Die 'Nevis'-Schlucht, rund 35 Autominuten von Queenstown entfernt im Nirgendwo gelegen, ist Neuseelands höchste Bungy-Jumping-Station. Eine 'fliegende' noch dazu. Wer's nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt es nicht. Da wurden tatsächlich 380 Meter Seil über die Schlucht gespannt und in der Mitte ein silberner Kasten drangehängt: die Absprung-'Basis'. Allein die Überfahrt in einer Art Käfig schon ein Nervenkitzel. Nach dem 'Andocken' rumpelt die Tür zur Seite und die 'Red Hot Chili Peppers' geben so richtig Gas. Das Innere gleicht mit all den Karabinern, Seilen und technischer Ausstattung einer modernen Folterkammer. Wo man sich befindet, nämlich in absolut schwindelerregender Höhe, lassen einen Plexiglas-Fenster im Boden der Station keine Sekunde lang vergessen. 'Besser als Sex' soll einmal eine Engländerin gesagt haben, nachdem sie sich die 134 Meter hinabgestürzt hatte.
Naja: Lieber echten Sex. Und zurück auf den Boden. Sprich auf die 'Kawarau Brigde' mit ihren ja nun wirklich lächerlichen 43 Metern.
Also los. Ruck zuck. Motto: Gib' der Furcht keine Chance. Denn hast du dich einmal zum Sprung entschlossen, musst du dir weiteres Nachdenken verbieten. Was freilich leichter gesagt als getan ist. Immerhin aber überwinden sich doch 90 Prozent, wenn sie es einmal bis auf die Brücke geschafft haben.
Dorthin wanke ich nun mit weichen Knien, das Körpergewicht mit dickem Filzstift weithin sichtbar auf den Handrücken geschrieben. Hat irgendwie etwas Tierisch-Fatales. Das Gewicht aber sagt der Crew auf der Brücke, welches Gummiseil anzulegen ist. Was sehr wichtig ist! Das braucht man nicht näher erklären. Und vor dem Absprung schon gar nicht dar-über denken. Über Seil und so. Der fesche Naturbursche auf der Absprung-Plattform hat wenigstens ein Lächeln für mich.
Er kennt sogar meinen Namen. Woher zum Teufel? Please, sit down, lädt er mich ein. Do you know about the Secret of Bungy Jumping?, fragt er ganz geheimnisvoll. Nein, woher denn, ist ja das erste Mal. Don't do it!, brüllt er. Hahaha. Der Sportsmann hat leicht Witze machen. Er muss ja nicht springen und sich die Füße knebeln lassen.
Hilflos wie ein eben geborenes Känguru hüpfe ich bis an den Rand des Absprungbrettes vor. A little bit more, please. Uaaaaa. Was soll ich? Winken? Für ein Foto? Jetzt? Don't look down. Nie und nimmer. Da beginnt der Supertyp aber schon zu zählen: Five. Four. Three. Two.... Jetzt oder nieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee.
Aber: Irgendwas muss doch jetzt passieren? Stopp! Halt! Wo bin ich? Unten? Oben? Wie ein Jo-Jo pendle ich durch die Luft. Endlich. Das macht nun doch noch Spaß. Ein Schrei der Freude. Juchuuuuuuuu. Das muss jetzt sein. Vor allem weil der Absprung vorbei ist und da ein netter Mensch im Schlauchboot auf mich wartet, mich aus meiner hilflosen Kopfunter-Lage befreit und sicher ans Ufer rudert.
Der Weg nach oben mit noch zittrigen Knien ist wie das Erklimmen des Olymp. Fanfaren schmettern im Kopf. Geschafft. Getan. Glücklich.
Diese Verrückten, was habe ich sie immer belächelt und für blöd erklärt. Stürzte sich einer bei einem Sommerfest in die Tiefe, tippte ich mir mit dem Zeigefinger an die Stirn. Echt blöd, dieses Bungy Jumping. Sinnlos. Genial.
Autor/in: Birgitta Schörghofer
© SN.
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