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Reiseberichte

Sydney - Spaß am puren Hedonismus
9. September 2000
Der Australienreisende sei gewarnt: Vorsicht vor Begeisterung! Man ist schnell infiziert von Horizonten, Farben und der Lockerheit.

'Sydney ist Hedonismus, pure Lebenslust. Wenn ich an Sydney denke, sehe ich eine Nase, die sich pellt und einen sonnenverbrannten Rücken, der sich wie ein elektrischer Toaster anfühlt', schrieb der Journalist und Autor Keith Dunston. Für die Australier und die 'Sydneysider' erst recht, steht vor allem ein Ausspruch an der Tagesordnung: 'No worries' - 'Mach dir keine Sorgen'. Leicht gesagt, wenn man im Paradies lebt.

Badestrände wie Bondi Beach (wo die olympischen Volleyballbewerbe ausgetragen werden) oder Manly Beach mitten in der Stadt, die Yacht vor der Haustür und das Opera House mit der Harbour Bridge im Blick. Gibt es nichts Negatives? Doch, aber das ignorieren oder akzeptieren die Leute hier einfach. Wenn die Menschen in ihren Blechkisten am Abend vom Business Central District in ihre Wohnvororte zurückpendeln und die Straßen verstopft sind, gilt nur eines: Ruhe bewahren und sich die Schönheiten der Stadt ins Gemüt ziehen. Die Fahrt über 50 Kilometer kann zwei bis drei Stunden dauern und noch immer ist man in Sydney. Die Ausdehnung der 3,7-Millionen Einwohner-Stadt zwischen Wüste und Ozean ist riesig. In der Nacht gehen oft auch Autos in Flammen auf. Pyromanen unterwegs. Doch auch das stört das Gleichgewicht einer Metropole wie Sydney nicht.

Bevor Sydney eine Millionenstadt am Pazifik wurde, war es ein Straflager in der Wildnis. 1788 wurden die ersten 'Gesetzlosen' von England hierhergebracht und in der Bucht von Sydney an Land geschmissen. 'Warra Warra' ('Haut ab'), schrien damals die Aborigines, die schon seit 40.000 Jahren auf diesem Kontinent leben. Als Antwort bekamen sie Pistolenschüsse.

Die Wildnis ist heute ins Landesinnere verschoben. Ebenso die Kultur der Ureinwohner, die aus dem Stadtbild so gut wie verschwunden sind. Einige von ihnen leben in schlechten Verhältnissen im Slumviertel 'Redfern', einem Stadtteil mit ausgebrannten Häusern und zerbrochenen Auslagen. Ist das die Art eines freizügigen Landes? In urbanen Gefilden fühlt sich das Naturvolk eben nicht wohl, sagt man. Was sollen die Aborigenes auch hier? Wer hereinkommt, bleibt meist arbeitslos.

The Bridge, The Opera und Crocodile Dundee

Nacht am Circular Quay: Die Lichter des 'Kleiderbügels' (Harbour Bridge) und der Oper blenden den Betrachter mit Technik-Schönheit. Aus den Restaurants duftet es nach kulinarischer Mondänität. Vanessa und Robert wohnen außerhalb, aber wenn sie in der City sind, streifen sie durch die Hafengegend um das renovierte Altstadtviertel 'The Rocks'. Es lässt keinen Sydneysider kalt. Bevor 'Crocodile Dundee' Paul Hogan berühmt wurde, war er Anstreicher auf der Bridge. Er ist der Kumpel geblieben. Auch das ist Sydney.

Ist Sydney eine glanzvolle Stadt ohne zwielichtige Seiten? Na ja, nicht ganz, erzählt Mick, der Taxifahrer, und kurvt gerade durch Kings Cross, wo Schnapsläden, Bordelle und Schnellimbissbuden das andere Sydney prägen. 24 Stunden am Tag. Wenn man es ruhiger haben will, fährt man auf die andere Seite nach Darling Harbour.

In Sydney kann man es entspannt und aufregend haben. Sydney ist reich und groß, schön und jung, gesellig und hungrig nach Leben - eine Metropole voller Widersprüche. Und im steten Clinch mit Melbourne um die Gunst der schönsten Stadt des Landes. 'Wieviel Geld haben Sie?', fragt man in Sydney den Fremden. 'In welche Schule sind Sie gegangen?' in Melbourne. Sydney ist ausgelassener, Melbourne konservativer. Perth an der Westküste holte kräftig auf, Adelaide im Süden hat den Formel-1-Grand-Prix und Brisbane im Osten hinkt noch nach. Überall gibt es aber gutes Bier. Was für eine Biertrinkernation wichtig ist. Am besten ist, man überzeugt sich selbst.

Nach Melbourne 1956 ist nun Sydney Olympiastadt. 'Es ist eine große Chance für uns Aborigenes, weltweit auf unsere Probleme aufmerksam zu machen', sagt Mandawui Yunupingu von der Ethnopopgruppe 'Yothu Yindi', die zur Eröffnung der Spiele auftreten wird, im SN-Gespräch. 'Wir werden es erleben', sage ich. Die Australier blicken ja eigentlich nur nach vorne, nie zurück. Schließlich haben sie auch Emu und Känguruh als Wappentiere ausgewählt. Und beide können nicht rückwärts gehen.

Autor/in: Christian Weingartner

© SN.

 

diese seite | 25.06.2002 | 16:08

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