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Reiseberichte

Metropole der Gelassenheit
26. Februar 2000
"Du warst in Australien! Und, wie fandest du Sidney?" - "Ich war in Melbourne." - "Ach, Melbourne? Ah sooo, ach jaaa . . ."

Vor Melbourne steht der Flug. Fünf Stunden allein über Australien - über weitgehend unbewohntes Gebiet, von dem aus nur hie und da einmal ein vereinzelter Lichtschein zu sehen ist im Dunkel. Ein Land mit einer Fläche so groß wie die USA; ein Kontinent, der gerade einmal von fünfzehn Millionen Menschen bewohnt wird. Die meisten von ihnen versammeln sich in den urbanen Zentren von Perth, Adelaide, Melbourne, Canberra, Brisbane und Sidney.

Wie in der Einsamkeit der Natur, haben die Australier auch in den Städten ihren eigenen Stil gefunden. Es ist kein Zufall, dass die "Aussies", vor allem innerhalb der anglophonen Welt, stolz sind auf ihr Land und stolz sind auf ihre Lebensart. Sie hat etwas. Man kann sie nicht verwechseln.

Sidney ist Australiens Zentrum der Weltläufigkeit. Sidney geht einem beim Gedanken an Australien so leicht von der Zunge wie "Känguru", "Koala" oder "Outback". Wenn man sagt, man war in Australien, dann lautet die erste Frage: "Ah, und wie findest du Sidney?" Entgegnet man dann, dass die Stadt, in der man sich aufhielt, Melbourne war, kommt meistens nur ein "Aha". So ähnlich wie: "Oh, schade."

Überhaupt nicht. Melbourne ist schön. Melbourne ist einen Besuch wert, einen eigenen sogar. In Melbourne fühlt man sich wohl, viele Tage lang. Melbourne ist nur zu diskret, um seine Großartigkeit ständig in die Welt hinauszutrompeten.

Melbourne ist intim und weitläufig zugleich. Es ist die Hauptstadt von Victoria, neben Tasmanien der kleinste Bundesstaat von Australien. Melbourne hat eine imposante Skyline, was für wirtschaftlichen Erfolg spricht, und eine belebte Innenstadt, was für Lebenskultur spricht.

Charme, Organisation und gutes Klima

Melbourne hat dreieinhalb Millionen Einwohner im Großraum und so viele Parks und "Gardens", dass garantiert jeder jederzeit einen freien Flecken Gründlands finden wird. Es hat ein gemäßigtes Klima und so viele Cafe`s, dass jeder jederzeit dieses Klima auch genießen kann. Es hat breite Highways für zügigen Autoverkehr. Aber dazu hat es ein dichtes Straßenbahnnetz und so viele Promenaden und Fußgängerzonen, dass der Fußgänger sich gestrandet oder fehl am Platz vorkommt. In Melbourne kann der Mensch Mensch sein. In einer Stadt, die wie eine gelungene Verbindung von Kapstadt (des Klimas wegen), San Francisco (des Charmes wegen) und Zürich (ihrer guten Organsation wegen) erscheint.

Die Melbourner halten sich zugute und viel darauf, die kultiviertere und auch gelassenere der beiden australischen Metropolen zu sein. Während man es in Sidney krachen lässt, geht man in Melbourne bummeln.

Zu Recht stolz sind die Melbourner auch auf ihr vielfältiges Angebot an Restaurants. Alte Gewohnheiten haben die englischen Emigranten für die Verlockungen der italienischen, griechischen, thailändischen, chinesischen und indonesischen Küche aufgegeben oder mit ihnen kreativ verwoben. Hauptachse des Essvergnügens ist die Lygon Street, mit ihrer Kette von Restaurants auch optisch ein Stück Italien am Rand der Innenstadt. Im Zentrum braucht man nur die South Bank entlangzuschlendern. Die Jugend zieht es nach South Yarra und in den Badevorort St. Kilda. Hungrig kommt da keiner zurück.

Ganz nah: Ocean Road und Winery Tours

Es gehört zur Natur des Menschen, ein Phänomen nicht alleine, sondern in seinen Zusammenhängen kennen zu wollen. Für eine Stadt heißt dies: die Umgebung. Wie jede australische Stadt greift Melbourne weit ins Umland. Nach Süden in Richtung der Pazifikstrände, nach Norden zu den Hängen und Tälern der parallel zur Ostkü-ste verlaufenden "Great Dividing Range".

Nach Süden, dahin zieht es die Surfer und die Wasserratten. Die "Great Ocean Road", eine Ingenieursmeisterleistung der zwanziger Jahre, führt sie über mehr als zweihundert Kilometer an den Hängen von Victorias südwestlicher Küste und deren herrlichen Sandstränden vorbei; "Highway No. 1" und "Garden-Route" in einem.

Den Besucher führen dort zum Beispiel die Touren von "National Treasures" hin. Diese Organisation nimmt ihre Gäste nicht einfach auf eine Runde zu den Stränden mit; sie präsentiert ihm auf einer Zwei-Tages-Tour ein Programm, das ihn mit den Besonderheiten der Landschaft und der Natur bekannt macht. Mit den Pflanzen des Regenwaldes, den Tieren der Eukalyptus-Haine, mit den Geschichten erfolgreicher und gescheiterter Seefahrer, mit den Geräuschen der Nacht und dem Geschmack der Speisen. Eine entspannte, sehr freundschaftliche Art, diese grandiose Gegend kennen zu lernen. Jeremy, der Fahrer und Guide, ist ein begeisterter Surfer; er liebt sein Land und bewundert Europa. Er berichtet, er fragt. Aus der Tour wird ein Gespräch, eine Begegnung von Freunden.

Auf ähnlich familiäre Weise führen einen die Winery Tours von Barbara Nixon in die Anbaugebiete des Yarra-Tales in die Berge im Norden. Wieder im Kleinbus. Trevor, der Boss der Gruppe, redet munter und teilt sein scheinbar nicht versiegendes Wissen großzügig mit.

Wieder viele Stopps, um von den Genüssen der Gegend - nun die verschiedenen Kreszenzen hochmotivierter Weinerzeuger - reichlich mitzubekommen. Und etwas von der Vielseitigkeit der Landschaft: das Picknick - Tee mit Cookies - wird im Regenwald-Rastplatz eingenommen. Halbwilde Papageien fliegen von den Bäumen herab, um das dargebotene Futter direkt aus den Händen herauszupicken. Abbilder eines möglichen Paradieses.

Die Rückkehr in die Stadt fällt, wieder, schwer. Aber wie wir jetzt endgültig wissen, gibt es dort an die 4000 Restaurants. Ja, dann ...

Autor/in: Laszlo Molnar

© SN.

 

diese seite | 25.06.2002 | 16:00

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