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'A really good road.' Der Mann in Luxor verbreitet Zuversicht. Gefahren sei er die Straße zur Oase Kharga aber noch nie.
Fahrten in die Libysche Wüste müssen sorgfältig geplant werden, warnt der Reiseführer. In diesem Teil der Sahara soll ein Mensch bereits nach acht Stunden ohne Wasser austrocknen. Eine ordentliche Straße, ein voller Benzintank und ausreichend Trinkwasser sollten gewährleisten, die Oase westlich des Niltals heil zu erreichen. Insh'allah! Die Suche nach der richtigen Abzweigung gestaltet sich schwieriger als angenommen. 'No problem', hat ein Taxifahrer bei Theben-West versichert, denn an der entsprechenden Kreuzung stünde eine Hinweistafel. Woran er nicht gedacht hat: Die Orts- und Kilometerangeben au-ßerhalb der Tourismuszentren erfolgen ausnahmslos in arabischer Schrift.
Worin liegt die Wüsten-Faszination?
Noch verwirrender als die Straßenschilder erweisen sich die hilfreichen Geister entlang der Route. Um nicht den Anschein geografischer Schwächen zu erwecken, zeigen sie freundlich und bestimmt in eine Richtung, auch wenn es die falsche ist.
'Da ist nichts! Nichts! Nichts! Da will ich hin!' soll der britische Reisende und Schriftsteller Bruce Chatwin angesichts einer Karte vom australischen Outback ausgerufen haben. Keine Straße, kein Wasser, kein Leben, nicht einmal Namen auf der Landkarte - Orte der Unwirtlichkeit besaßen für Chatwin eine magische Anziehungskraft. Worin liegt wohl die Faszination der Wüsten? Mag sein, dass das Fehlen jedweder Ablenkung, zivilisatorischer wie landschaftlicher Art, eine ideale Voraussetzung ist, den Weg zu sich selbst zu suchen. In dieser scheinbaren Gleichförmigkeit verliert sich wie kaum anderswo die Bedeutung von Raum und Zeit. Die Wüste als ein Hort spiritueller Kraft, wo man den Blick sowohl in die Ferne als auch auf sein Inneres richten kann.
Dumpfes Klopfen unter der Motorhaube schieben wir auf schlechtes Benzin. Die Straße ist tatsächlich in einem passablen Zustand, es herrscht kaum Verkehr. An uns zieht eine Landschaft ohne sichtbares Leben vorbei, bestehend aus gelblichfahlem Sand und Geröll. Unbarmherzig brennt die Sonne auf das Autodach, entzieht die trockene Luft den Poren jede Feuchtigkeit.
Die ersten hundert Kilometer sind bald geschafft. Die Gluthitze fordert jedoch ihren Tribut. Unter der Motorhaube quillt dichter Rauch hervor, der Thermostat steht auf Siedepunkt. Ein vorbeikommender Lastwagen, auf dessen Ladefläche es sich Bauarbeiter bequem gemacht haben, stoppt. Dankbar nehmen wir das dargebotene Wasser an, um den heißen Kühler aufzufüllen. Mit dem Auto sei sonst alles in Ordnung, beruhigen die Helfer und wünschen gute Weiterreise. Grober Schotter ersetzt stellenweise den brüchigen Asphalt, Sandverwehungen und kraterähnliche Löcher im Straßenbelag erschweren zunehmend das Vorankommen. Wir haben die Hälfte der Strecke hinter uns und beschließen, weiterzufahren. Immer häufiger bekommt das Auto kostbares Trinkwasser, denn die Oase kann, nach eigener Einschätzung, nicht mehr weit seit.
Als jedoch kurz darauf der Motor zu stottern beginnt, wenden wir und wollen zurück nach Luxor. Nach wenigen Metern gibt der Wagen endgültig den Geist auf. Stand nicht irgendwo am Straßenrand eine kleine Bauhütte? Vielleicht gibt es dort ja Hilfe!
Das Nervenkostüm ist bereits angegriffen
Zwei bleiben beim Auto, einer geht. Wir teilen das restliche Trinkwasser und einige Äpfel. Seit geraumer Zeit sind wir keinem Auto mehr begegnet, zudem droht die Sonne unterzugehen. Angst beschleicht die Zurückgebliebenen: Hält das Tageslicht an bis zum Erreichen der Hütte? Haben wir genügend Wasser? Die Minuten verstreichen wie im Flug. Längst ist der Hilfeholende aus dem Blickfeld verschwunden. Nach endlosem, bangem Warten - in der Weite der Einöde verliert sich schnell jedes Zeitgefühl - taucht am Horizont ein Fahrzeug auf. Mit an Bord ist, neben zwei Oasenbauern aus Kharga, auch unser Begleiter.
Aus Luxor kommend, wo sie Obst und Gemüse auf dem Markt verkauft haben, befinden sich Omar und Ahmed auf dem Heimweg. Überzeugt, nicht mehr weit von der Oase entfernt zu sein, wollen wir mit nach Kharga. Unsere Helfer sprechen nur Arabisch, allerdings entnehmen wir ihren gestenreichen Ausführungen, dass das Mietauto keinesfalls zurückgelassenen werden darf.
Dankbar nehmen wir im Führerhaus des weißen Pickup-Lasters Platz. Ahmed lenkt das defekte Auto, welches am Abschleppseil hängt. Unser Bemühen um Konversation verläuft regelrecht im Sande, denn die Englischkenntnisse des Fahrers beschränken sich auf eine knappe Selbstbeschreibung: 'Mister Omar, Chaffeur Number One.' Immer wieder blickt er suchend aus dem Fenster. Plötzlich bremst Omar ab, für Ahmed im hinteren Wagen fast zu abrupt.
Wortreich, aber unmissverständlich bedeuten uns die beiden Ägypter, dass der Ford Fiesta auf die Ladefläche des Kleinlasters gehievt werden müsse. Für vier Erwachsene und einen Jugendlichen ein schier unlösbares Unterfangen. Den Touristen unter ihnen mit Blick auf die bis zum Horizont reichende Ebene auch ganz und gar nicht nachvollziehbar. Immerhin ist deren Nervenkostüm bereits ziemlich angegriffen. Ungestüm bewegen Omar und Ahmed die Arme, was wohl heißen soll: Die vor uns liegende Strecke ist sehr hügelig und nachts viel zu gefährlich mit einem Pkw im Schlepptau. Mit geschultem Auge wählen sie eine feste Sanddüne aus und fahren den Laster ganz nah heran. Die Heckklappe fungiert als Laderampe. Inzwischen ist die Dunkelheit über uns hereingebrochen. Licht spenden die Scheinwerfer und der sternenklare Himmel. Fast möchte man meinen, das Firmament reicht herab auf die Erde und streift den noch warmen Wüstensand. Die Araber sehen in der Sahara den 'Garten Allahs'. Ein Garten, der nachts blüht.
Bevor das Auto über die Dünen-Schrägseite hinaufgeschoben werden kann, festigen wir den Sand mit Steinen. Fast blind greifen wir um uns und hoffen, der Lärm vertreibt lauernde Skorpione und Schlangen. Es muss Stunden gedauert haben, bis sich endlich der Erfolg eingestellt hat. Immer wieder ist die Heckklappe weggeknickt, hat der Wagen gedroht, seitlich abzurutschen. Die Straße verläuft, wie von Omar und Ahmed vorausgesagt, in einem ständigen Auf und Ab. Über weite Strecken ist sie überdies eine reine Sandpiste. Wie meinte doch unser Mann in Luxor: 'A really good road.'
Weder Vorstellung noch Gewissheit
Der Schriftsteller Paul Theroux behauptet, dass 'Touristen nicht wissen, wo sie gewesen sind, und Reisende nicht wissen, wohin sie fahren'. Zu welcher Gruppe würde er uns rechnen? Wir haben weder eine klare Vorstellung davon, wo wir uns befinden, noch Gewissheit, wohin wir gebracht werden.
Nach zwei, vielleicht auch drei Stunden Fahrt tauchen Lichter vor uns auf. Soldaten umringen den Laster, einer hält seine Maschinenpistole durchs offene Fenster. Barsch werden wir aufgefordert, unsere Ausweise zu zeigen. Das Auto auf der Ladefläche sorgt für Diskussionsstoff. Instinktiv spüren wir, wie angespannt die Lage ist. Der Kommandant möchte, dass wir den Rest der Nacht in seiner Unterkunft verbringen und ihm so ein finanzielles Zubrot sichern. Omar muss sein ganzes Verhandlungsgeschick aufbieten, um uns von den Militärs loszueisen. Endlich erblicken wir im Scheinwerferlicht die ersten Häuser von Kharga. Schemenhaft ziehen Siedlungen vorbei, die Palästina, Beirut und Bagdad heißen. In ihnen wohnen Ägypter aus dem übervölkerten Niltal und durch den Assuan-Staudamm vertriebene Nubier. Mit dem New Valley Project will Kairo ein ehrgeiziges Siedlungsprojekt verwirklichen. Zugleich ist die Zentralregierung besorgt über den wachsenden Einfluss muslimischer Fundamentalisten in der Region.
Gastfreundschaft ist das oberste Gebot
Omars vielköpfige Familie empfängt uns in den frühen Morgenstunden. Von der greisen Großmutter bis zur einjährigen Tochter Ola sind alle vollzählig versammelt. Erleichterung über die Rückkehr der Angehörigen steht in den Gesichtern geschrieben. Aber auch Erstaunen über die ungewöhnlichen 'Mitbringsel' aus der fernen Stadt, die müde und verschmutzt aus dem Laster klettern.
Ohne viel Aufhebens richtet die Frau des Hauses einen Raum für uns. In der Wüste ist Gastfreundschaft das erste Gebot eines ungeschriebenen Gesetzes. In seinen Genuss kommen auch Europäer, die die Gefahren, die in ihr lauern, unterschätzt haben und nun wie Freunde aufgenommen werden. Der folgende Tag ist ein Freitag, der moslemische Feiertag. Wir werden Omars Großzügigkeit noch länger in Anspruch nehmen müssen, denn alle Geschäfte und Werkstätten haben geschlossen. Besorgt und auch ein wenig neugierig erkundigen sich immer mehr Menschen aus der Oase nach unserem Befinden. Gehüllt in lange, weiße Gewänder sind sie auf dem Weg zum Freitagsgebet. Sie wollen Allah danken, dass er den 'Chaffeur Number One' zur Rettung der Fremden gesandt hat.
Wenn Allah es will, wird er uns auch einen Automechaniker schicken.
Autor/in: MANUELA KLIEMSTEIN
© SN.
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