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Reiseberichte

Kapverden - Estamos juntos - wir zusammen
19. Februar 2000
Vor dem Senegal sonnt sich die Inselwelt der Kapverden im Atlantik. Historisch-Kulturelles findet sich wenig, doch das koloniale Erbe schlägt genetische Kapriolen: Blond auf dunkler Haut ist eine aparte Komposition.

"Fix" (gesprochen: fisch), alles okay, will uns der schwarze Fahrer überzeugen. Er fährt viel zu schnell. Am offenen Fenster des Lieferwagens rasen Finsternis und Nebelfetzen vorbei. In den Kurven rutschen die abgefahrenen Reifen auf dem glatten, feuchten Basaltpflaster. Der Chauffeur grinst übers ganze Gesicht. Aus dem Radio dröhnen senegalesische Trommeln. Hin und wieder bringt ein Pfiff von der Ladefläche hinten die Bremsen zum Quietschen.

Ein Paar Hände taucht vor dem Scheinwerfer auf, Münzen werden abgezählt und durchs Fenster gereicht. Ein Fahrgast verschwindet in der Nacht. Unser Gepäck ist auch hinten verstaut und wir haben keine Ahnung, ob davon noch etwas vorhanden ist. Zum Glück erweist sich die Sorge später als unbegründet.

In den Mais- und Bohnenpflanzungen neben der Stra-ße hocken dunkle Gestalten um einen Kessel über der Glut. Strohgedeckte Hütten kommen in Sicht, aus einer Rumpinte klingen Wechselgesänge. Nach Jahren der Trockenheit hat es heuer endlich wieder geregnet. Eine reiche Ernte steht bevor und so fließt der Zuckerrohrschnaps, der "Grogue", in Strömen.

Die Rallye führt nach Tarrafal und endet beim gleichnamigen Hotel. Die Zimmer sind picobello, mit superleiser Aircondition. Der nächste Morgen überrascht uns mit einem der schönsten Strände der Kapverden. So nahe am Äquator ist der Atlantik herrlich warm, die Wassertemperatur ist kein Thema. Auch die Neureichen aus der Hauptstadt Praia suchen hier Erholung im Schatten der Palmen oder beim Lunch auf der Terrasse des Hotels Marazul.

Obwohl der Ort seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, ist er mit seiner touristischen Infrastruktur ein guter Stützpunkt, um zwischen abenteuerlichen Trips auszurasten. Von neun bewohnten Inseln ist hier auf Santiago der afrikanische Einfluss am stärksten. Durch Crioulo und Portugiesisch dringt die perkussive Melodie der Sprachen des Senegal. Schamanische Bräuche durchsetzten das Christentum bis in den Alltag.

Eindrucksvolle Touren in abgelegene Regionen organisiert der Österreicher Peter Trunner. Vor vielen Jahren hat er das Land als Entwicklungshelfer liebgewonnen, nicht zuletzt wegen der herzlichen, friedliebenden Bewohner. Afrikaner, Portugiesen, Kreolen, Arm und Reich leben seit der Unabhängigkeitserklärung von 1975 ohne gewalttätige Auseinandersetzungen zusammen. Diese Touren sind empfehlenswert. Landkarten existieren nicht, und ohne kundige Führung sind Pfade im tropischen Bergland schwer zu finden.

Atemberaubend sind die Eindrücke während des Abstiegs vom Dörfchen Serra in das fast 100 m tiefer gelegenen, saftig grüne Quellgebiet der Ribeira Prinzipal. Auf den steilen Terrassen verrichten die Menschen ihr Tagwerk und trotzen dem Boden das Nötigste ab. Zwischen Mais, Bohnen und Zuckerrohr lugen Strohdächer hervor. Im Talgrund gedeihen Palmen, Bananenstauden, Papaia- und Mangobäume. Von den Grogue-Destillerien steigt blauer Rauch auf. Ochsenkraft quetscht den Saft aus dem Zuckerrohr. Das Destillat, direkt "an der Quelle", schmeckt einzigartig.

Modern und kolonial im fröhlichen Chaos

Die Hauptstadt Praia sollte man meiden, sie platzt aus allen Nähten und erstickt im Müll. Trinkwasserversorgung und Kanalisation können mit dem wilden Zuzug nicht Schritt halten. Die wenigen historischkulturellen Sehenswürdigkeiten verrotten.

Jede Insel hat ihren eigenen Charakter. Gänzlich anders als das afrikanische Santiago präsentiert sich Sao Vicente mit dem Hafen Mindelo, einem der größten im Atlantik. Schiffe mit bis zu 12 m Tiefgang können hier versorgt werden, die Graffiti am Pier zeugen vom Besuch der Seeleute aus aller Welt.

Mindelo ist auch die Metropole der Musikszene, die hübschen Kreolinnen könnten ebensogut durch Mailand oder New York spazieren. Im renovierten Mercado Municipal aus dem Jahr 1874 türmen sich Gemüse und tropische Früchte. Modernes und Koloniales leben in fröhlichem Chaos miteinander. Wenn man weiß, wie Sklaverei, Dürrekatastrophen, Hunger und Elend die Menschen durch Jahrhunderte bedrängten, steht man dem Bild quirligen Lebens mit portugiesisch-afrikanisch-brasilianischem Flair staunend gegenüber. Der Archipel ist ein fast unberührtes Revier für Segler und Hochseefischer. Die nautischen Bedingungen sind wie geschaffen für sportliches Segeln in den Weiten des Atlantiks oder für erholsame Ein- und Mehrtagestörns von Insel zu Insel, je nach Lust, Laune und Verträglichkeit. Fragen Sie in einem der Cafes nach Kai von Cabo Verde Sailing, er zeigt Ihnen gerne eine der bewährten Yachten vom Typ Gib Sey 442. Exklusiv bietet sich die Möglichkeit, auf eigenem Kiel zu segeln.

Bis heute hat die Regierung standhaft auch noch so verlockende Angebote japanischer Fischfangflotten ausgeschlagen. So finden sich reiche Fanggründe für Big Game Fishing. Einen blauen oder den noch größeren schwarzen Marlin an der Angel zu haben, stellt den Fischer vor ordentliche Probleme. Der Kampf kann Stunden dauern, und nicht jeder Fisch wird auch an Land gezogen. Aber über Pech stprechen Angler nun einmal selten. Dr. Peter Dobler, ein Arzt aus Kiel, hat das Stethoskop an den Nagel gehängt, mit der Angelrute vertauscht und in Mindelo die Firma "Kingfisher" gegründet. In seiner Villa logiert man komfortabel. Ansonsten bietet sich das neue Mindehotel oder das Porto Grande an.

Die 20 km entfernte Nachbarinsel Santo Antao ist zur Zeit nur mit der Fähre erreichbar. Wer schon Santiago kennt, erfährt hier eine weitere Steigerung landschaftlicher Schönheit. Ein gewaltiges Hochgebirgspanorama, zerfurcht von tief eingeschnittenen Tälern. Hütten und bewirtschaftete Terrassen kleben an Hängen von unglaublicher Steilheit.

In den Staulagen der Bergketten sollte man sich einem besonnenen Fahrer anvertrauen. Extrem ausgesetzte Straßen, schlechte Sicht und Steinschläge bringen gewisse Risken mit sich. Bei Dona Luisette in Ponta del Sol ist man tip-top untergebracht.

Auf der Insel Sal liegt der internationale Flughafen. Wegen Überlastung der Inlandsflüge ist es ratsam, dort nicht in letzter Minute vor dem Abflug einzutreffen. Die Insel gleicht einer Wüste im Meer mit endlosen Sandstränden. Das ehemals bitterarme Fischerdorf Santa Maria ist die touristisch am besten entwickelte Region der Kapverden. Nur ein wenig abseits der neuen Hotels lässt sich diese Urlandschaft in völliger Einsamkeit genießen.

"Estamos juntos", sagt man auf Kap Verde zum Abschied. Ein guter Ausdruck für das Lebensgefühl der Kap Verdianer, denn er bedeutet wörtlich übersetzt: "Wir zusammen."

Autor/in: Stefan Kalmar

© SN.

 

diese seite | 19.06.2002 | 16:21

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