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Reiseberichte

Umkämpftes Land der Feuerberge
2. Februar 2002
Am Bus zieht ein Vulkan nach dem anderen vorüber. Im Bus versucht ein Prediger den Reisenden die Bibel näher zu bringen.

Der Geistliche, heftig gestikulierend den teils gelangweilten, teils angespannt lauschenden Businsassen predigend, stellt ein perfektes Entree in den kleinsten Staat Mittelamerikas dar. El Salvador, benannt nach dem christlichen Erlöser, ist ein 21.000 Quadratkilometer kleines, zwischen Guatemala, Nicaragua und Honduras eingebettetes Land mit etwa 6 Millionen Einwohnern.
Im großen internationalen Tourismus spielt der 'Däumling Mittelamerikas' noch kaum eine Rolle. Dabei ziehen in El Salvador neben der außergewöhnlichen Freundlichkeit seiner Bewohner auch einsame Pazifikküsten, klare Seen, heiße Quellen, Vulkane, Maya-Ruinen und zahlreiche Kolonialstädte den Besucher in ihren Bann. Dazu kommt ein Klima, das an beinahe 360 Tagen Sonnenschein garantiert.

Der Welt beste Kaffeesorten

Dass die großen Touristenscharen ausbleiben, daran sind nicht die immer wiederkehrenden Erdbeben oder unerwartete Vulkanausbrüche schuld, sondern vor allem die großen sozialen und politischen Ungerechtigkeiten, die über Jahre das Image El Salvadors in der Welt prägten. Sie führten zwischen 1980 und 1992 zu einem der längsten und blutigsten Bürgerkriege in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas: mehr als 75.000 Salvadorianer starben. Darunter auch Erzbischof Romero, der sich für die sozial Unterdrückten einsetzte. Mit seinem Tod verloren die Armen in El Salvador einen wichtigen Fürsprecher.

In El Salvador eine Stelle zu finden, die nicht von der Silhouette eines Vulkans dominiert wird, ist schwer. Mehr als 50 Feuerberge gibt es. Viele davon sind aktiv. Die Hänge der meisten Vulkane sind kultiviert. Bis auf eine Höhe von 1200 Meter werden einige der besten Kaffeesorten der Welt angebaut. El Salvador ist nach wie vor ein Agrarland. Kaffee, Viehzucht und Fischerei sind die wichtigsten Produkte der Wirtschaft des Landes.

Am Fuße jedes Vulkans liegt eine Stadt. Alle haben eines gemeinsam: ihren 'Vornamen': San Vicente, San Miguel und natürlich die Hauptstadt San Salvador.

San Salvador ist eine Stadt mit parallelen Straßen und sich rechtwinklig kreuzenden Avenues. Es ist relativ einfach, sich zurechtzufinden. Das Zentrum der Hauptstadt, die Plaza Central mit demklassizistischen 1911 fertiggestellten Nationalpalast, das Nationaltheater mit seiner opulenten Innenausstattung und die Kathedrale mit dem Grab von Erzbischof Romero stehen bei jedem Besucher auf dem Plan.

Das wirkliche Leben, so wie es sich Europäer von Mittelamerika erwarten, spürt man am besten bei einem Spaziergang durch die dichtgedrängten Menschenmassen auf den zahlreichen Märkten. Der Weg führt vorbei an Ständen, an denen Frauen etwa Pupusas - diese Maiskuchen sind eine Spezialität El Salvadors - anpreisen. Die Gefahr, von wild gestikulierenden Buslenkern in ihren buntbemalten Gefährten überrollt zu werden, ist ständig präsent, ebenso wie die Blicke der Einheimischen. Weil sich Gringos nur selten in das mittelamerikanische Land verirren, werden sie neugierig gemustert. Es dauert einige Tage, bis man sich daran gewöhnt hat.

Auf den Spuren der Maya-Kultur

Touristen erkunden meist von der Millionenstadt San Salvador aus, in deren Zentrum und Vororten mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung wohnt, die Sehenswürdigkeiten des Landes. Ganz in der Nähe der Hauptstadt liegt etwa die Basilika der Jungfrau von Guadaloupe. Koloniales Ambiente bietet Santa Ana, die zweitgrößte Stadt von El Salvador.

Auch die wichtigsten Maya-Ausgrabungen des mittelamerikanischen Landes liegen nicht weit von der Hauptstadt entfernt. 80 Kilometer sind es bis Tazumal. Vor etwas mehr als 40 Jahren wurden die Ruinen freigelegt. Zehn Quadratkilometer ist die Maya-Anlage groß. Das Herzstück ist die 23 Meter hohe Hauptpyramide. Auf ihrer Spitze steht ein Altar. Dort ist auch die spanische Übersetzung des Namens Tazumal zu lesen: 'Die Pyramide, auf der die Opfer verbrannt wurden'. Eine Übersetzung, die Besucher gruselig erschauern lässt. Die Fahrt von San Salvador nach La Libertad, der kleinen Küstenstadt am Pazifik, dauert etwa zwei Stunden.

Kokosnüsse mit Rum verfeinert

Die Passagiere sitzen schweißgebadet und dichtgedrängt im öffentlichen Bus, Bilder von einsamen Sandstränden und klarem Wasser im Kopf.

Der Bus hält am Marktplatz des Küstenstädtchens La Libertad. Im Hafen herrscht geschäftiges Treiben. Fischer bringen ihre Beute ein. An vielen Ständen werden kleine kulinarische Köstlichkeiten angeboten. Bei der Hitze hat vor allem eine am Ende der mit feilschenden Händlern und Spaziergängern überfüllten Hafenmole gelegene Verkaufsbude Zulauf: die, an der Kokosnüsse angeboten werden. Mit einer Machete schlägt der Verkäufer die gekühlte Frucht auf. Ein Strohhalm und schon kann der schwitzende Gast mit erfrischendem Kokos-Wasser seinen Durst stillen. Wer es gehaltvoller liebt, dem wird ein Schuss Rum in die Kokosnuss gekippt. Der Drink nennt sich dann Coco-Loco, die verrückte Kokosnuss. Wer zwei oder drei probiert hat, weiß warum.

Aber nicht nur Coco-Loco regt in La Libertad die Sinne an. Wenige Minuten vom Hafen entfernt finden sich kilometerlange, einsame Strände. Die Küste zwischen Acajutla und La Libertad heißt 'Costa del Balsamo' - 72 Kilometer Strand, benannt nach den dort wachsenden Balsambäumen. Östlich von La Libertad liegen die weiße Sandstrände der Costa del Sol, die ebenfalls zu entspannenden Badetagen einladen. Aber auch Sportbegeisterte kommen in El Salvador auf ihre Rechnung. Die hohen Wellen des Pazifiks locken vor allem Surfer aus den USA ins Land.

Autor/in: CLAUDIA HUTTICHER

© SN.

 

diese seite | 19.06.2002 | 14:55

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