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Reisebericht

Reisen auf eigene Faust, als Individualtourist in Mexiko
22. August 2001
Dieser Artikel stammt nicht aus den Archiven der Salzburger Nachrichten, sondern wurde von einem Leser zur Veröffentlichung eingesandt.

Der Tourismusboom der letzten Jahre hat auch vor den entlegensten Regionen der Welt nicht halt gemacht. Was bis vor wenigen Jahren nur einer ausgewählten Schar von Forschern und Abenteurern zugänglich war, ist im Zeitalter der Globalisierung für den Durchschnittsverdiener der Industriestaaten Routine geworden: die Fernreise.

Millionen von Touristen buchen heute Pauschalreisen für die exotischsten Destinationen. Eine Woche in der Dominikanischen Republik oder zur Fotosafari nach Kenia gilt unter den Kunden der Reisebüros schon als obligatorisch. Das Arrangement mit Flug/Hotel/deutschsprachiger Gästebetreuung, dazu der Begrüßungscocktail und ein Ausflug zum kulturellen Highlight der Region, am besten all-inclusiv. Für viele gestresste Berufstätige der einfachste Weg dem Alltag zu entfliehen und unter Palmen auszuspannen. Doch der Individualtourist sucht nach mehr.

Nachhaltiger Tourismus
Der Tourismus ist heute weltweit zu einem der wichtigsten Erwerbszweige geworden und sichert Millionen Menschen ein geregeltes Einkommen. Volkswirtschaftlich liegt die Bedeutung des Fremdenverkehrs in den Statistiken so unterschiedlicher Länder wie Österreich oder Tahiti ganz oben. Die Schattenseiten des Massentourismus treten uns aber gerade bei Reisen in die sogenannten Entwicklungsländer entgegen. Verbauung der landschaftlich reizvollsten Gegenden durch monströse Ferienclubs, ungelöste Müllentsorgung, Wasserverschmutzung, Verkehrsexplosion, hoher Energieverbrauch usw. Dass ein ökologisch vertretbarer, die lokalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Potentiale berücksichtigender Tourismus sowohl für Reisende als auch für die Bereisten Sinn macht, zeigen alternative Tourismusansätze weltweit. Wer bereit ist, statt im klimatisierten Hotelzimmer in einer dörflichen Familienpension zu wohnen wird zwar weniger Komfort vorfinden, doch durch persönliche Begegnungen mit der Bevölkerung eine Bereicherung erfahren. Die Club-Med-Anlagen sind in Ausstattung und Angebot universell geworden, sodass der Gast kaum feststellen wird, in welchen Land er sich gerade befindet. Wer aber den bewachten Hotelbereich verlässt, kann überall die kleinen und großen Geheimnisse einer fremden Kultur erfahren.

Stellen Sie sich der Herausforderung einer individuell zusammengestellten Reise und Sie werden in vielerlei Hinsicht mehr von Ihrem Urlaub profitieren und sogar durch Ihr direkt ausgegebenes Geld für Unterkunft, Transport und Verpflegung einen Beitrag zur regionalen Entwicklung leisten. Während bei einer vorgebuchten Pauschalreise nur 30% Ihrer Devisen dem Reiseland zugute kommen, verdoppelt der Individualtourist durch seine Direktbezahlung vor Ort für die selbst gewählten Leistungen diesen Betrag.

Man sieht nur, was man weiß
Diese Weisheit der Reisenden sollte man sich zu Herzen nehmen. Eine Reise beginnt schon lange vor dem Abflug mit dem Studium der passenden Reiseliteratur. Eine gute Vorbereitung mit Reiseführern und Landkarten ermöglicht Ihnen schon im Heimatland eine ziemlich genaue Planung Ihrer Route. Je intensiver Sie zum Reiseland eingelesen sind, desto genauer können Sie schon Ihre Wünsche betreffend der Reisegestaltung festlegen. Im Fall von Mexiko lohnt auf alle Fälle eine Kombination aus Kultur- und Badeaufenthalt. Als Literatur zur Vorbereitung empfiehlt sich ein Reiseführer aus der Reihe 'Lonely planet' im englischen Orginal oder in deutscher Übersetzung. Der gutsortierte Buchhandel kann Sie hier individuell beraten. Beginnen sollte man eine Rundreise in der weltgrößten Stadt: Mexiko City. Die 20 Millionen Einwohner Metropole, von den spanischen Eroberern auf den Trümmern der zerstörten Aztekenhauptstadt Tenochtitlan gegründet, spiegelt die ganze Widersprüchlichkeit Mexikos wider. Barocke Kolonialarchitektur neben wachsenden Slums, romantische Plazas neben ohrenbetäubendem Verkehrslärm, protziger Reichtum neben bitterer Armut, grüne Parks und braune Luft. Besuchen Sie den Zocalo, den großen Hauptplatz, um den sich die sehenswerte katholische Basilika und der Nationalpalast gruppieren. Gleich hinter der Kirche hat man in den 70er Jahren die Fundamente des aztekischen Haupttempels freigelegt, bei dessen Einweihung im Jahr 1487 zu Ehren des höchsten Gottes Huizilopochtli 20.000 Gefangene geopfert wurden. Menschenblut sollte den täglichen Aufgang der Sonne und eine günstige Ernte garantieren. Schon zu jener Zeit war Tenochtitlan / Mexiko City mit 200.000 Einwohnern die größte Stadt der Welt und verfügte mit geometrisch angelegten, sauberen Straßen sowie einem effizienten landwirtschaftlichen System mit schwimmenden Gärten über einen urbanen Lebensstandard, der sich zur selben Zeit in keiner europäischen Stadt finden ließ. Ein absolutes Muss ist der Besuch des Anthropologischen Museums, das einen guten Einblick in die Lebenswelt der Azteken und anderer mittelamerikanischer Zivilisationen gibt. Nahe der Hauptstadt liegen als lohnende Ausflugsziele, mit öffentlichen Bussen bequem zu erreichen, die archäologischen Stätten Tula und Teotihuacan. In Tula, der einstigen toltekischen Hauptstadt, beeindrucken die 4,5 m hohen Säulen in menschlicher Gestalt den Besucher. Überwältigt wird man aber sicherlich von den Pyramiden in Teotihuacan. Die im 3. Jh. aus Steinen und Ziegeln errichtete Sonnenpyramide ist mit einer Seitenlänge von 222m und einer Höhe von 70m nach der Cheops-Pyramide die zweitgrößte der Welt. Im Gegensatz zu Ägypten wurden hier aber keine Toten bestattet, sondern religiöse Zeremonien abgehalten und der Lauf der Gestirne beobachtet. Nicht weniger imposant ist die daneben liegende Mondpyramide, von deren Spitze sich ein gigantischer Blick über die 3km lange Prozessionsstraße ergibt.

Typisch mexikanisch
Mit dem Überlandbus oder noch besser mit dem Flugzeug reisen Sie weiter nach Oaxaca (sprich:Wachaka), einer kolonialen Stadt mit viel Flair, pittoresken Kirchen, netten Souvenirgeschäften und guten Restaurants. Apropos mexikanische Küche: Vergessen Sie, was sie als 'mexikanisch' von zu Hause kennen. Durch mexikanische Emigranten in Texas wurde die sogenannte Tex-Mex-Küche kreiert, die mit der Landesküche höchsten die Namen teilt. Ein Chili-con-Carne werden Sie vergeblich suchen. Vorsicht bei 'typischen' Gerichten wie Enchiladas u.ä. Sie werden zwar weniger scharf zubereitet als in unseren Breitengraden, doch vieles wird mit einer schwarzen Bohnensauce übergossen, die an die Verdauung eines Mitteleuropäers doch äußerste Ansprüche stellt. Halten Sie sich lieber an Gerichte mit Hühnerfleisch, an die große Auswahl an Gemüse oder versuchen Sie die herrlichen Fische und Meeresfrüchte. Die etwas dünnere Luft im zentralen Hochland um 2000m macht auf jeden Fall Appetit. Gut gestärkt sollten Sie einen Ausflug nach Monte Alban unternehmen. Mitten in den Bergen legten die Zapoteken eine Kultstadt mit Pyramiden und Tempel an. Ganz nah an den Göttern wollten sie sein, um ihre auf Kriegszügen erbeuteten Gefangenen zur Sicherung einer guten Ernte und für den Fortbestand der Welt zu opfern.

Ein weiterer Tagesausflug empfiehlt sich nach Mitla, wo eine Palastanlage mit herrlichen Ornamenten bestaunt werden kann. Mitla ist auch die Heimat des Mescal bzw. des Tequila. In zahlreichen Bars kann der Agavenschnaps in verschiedenen Geschmacksrichtungen - mit oder ohne Wurm - verkostet werden.

Setzen Sie die Reise nach Villahermosa fort und besuchen Sie den Park La Venta. In einem Dschungelreservat sehen Sie hier die Kolossalköpfe der ältesten mexikanischen Zivilisation, der Olmeken. Zwischen 1.500 und 600 v. Chr. schufen die Olmeken tonnenschwere Basaltstatuen und transportierten sie ohne die Hilfe des Rades über 100 km ins Landesinnere. Die genaue Bedeutung der bis zu 24 t schweren und 2 m großen Köpfe ist nicht eindeutig geklärt, jedenfalls geben sie uns ein gutes Beispiel über die menschliche Willens- und Schaffenskraft jener Zeit. Villahermosa ist auch ein guter Ausgangspunkt, um die Mayastadt Palenque im Bundesstaat Chiapas zu besuchen. Während die gesamtmexikanische Bevölkerung zu 80 % aus Mestizen, den Nachfahren von Europäern und Indianern, besteht, ist Chiapas hauptsächlich von Indianern bewohnt. Das waldreiche Chiapas, von Mexikanern auch abschätzig 'Indioland' genannt, wurde von der Politik stark vernachlässigt. Gegen diese Unterdrückung der Indianer erhoben sich in den 90er Jahren die Rebellen der Zapatistischen Befreiungsfront. Zwar sucht der im Jahr 2000 durch die ersten freien und fairen Wahlen bestätigte Präsident Vincente Fox einen Ausgleich mit der Guerilla, doch ist die Sicherheitslage abseits der archäologischen Sehenswürdigkeiten, die unter Polizeischutz stehen, nicht ausreichend gegeben. Die Ruinen von Palenque können problemlos besichtigt werden, von angebotenen und sicherlich reizvollen Dschungeltouren und Ausritten zu Pferd muss aber abgeraten werden. Die Ausgrabungen entschädigen allerdings für alles. Bereits nach kurzem Aufenthalt in der Maya-Stadt empfindet man selbst jenes Gefühl, welches die Forscher aus Europa Mitte des 19. Jhs. hierher in den Dschungel lockte, um der üppigen Vegetation Stück für Stück verwunschene und überwucherte Mayatempel zu entreißen. Heute spaziert man vom mythischen 'Tempel der Sonne' zum 'Tempel der Inschriften' und weiter zum 'Tempel des Grafen', auf dem jener kauzige österreichische Graf Waldeck vor 150 Jahren auf eigene Faust lebte und forschte.

Karibische Träume
Wer nach einigen Tagen der Besichtigungen schon nach einem palmengesäumten Strand Ausschau hält, sollte sich weiter auf den Weg nach Merida auf der Halbinsel Yucatan machen. Merida ist ein preiswerter Ort, in dem man eine handgeknüpfte Hängematte erstehen kann, die sich hervorragend zwischen zwei Palmen am Strand von Celestun montieren lässt. Celestun ist auch der Ausgangspunkt für Motorbootexkursionen in den gleichnamigen Flamingo-Nationalpark. Tausende dieser rosaroten Planktonfresser leben hier in Harmonie mit Pelikanen, Kormoranen und Reihern.

Auf Ihrem weiteren Weg zu karibischen Traumstränden lohnt ein Zwischenstop in Chichen Itza, ein Ort an dem sich viele Geheimnisse des Mayakalenders offenbaren. Der 'Tempel des Kukulkan', des Gottes 'Gefiederte Schlange', wirft am Tag des Frühlings- bzw. Herbstbeginns einen Schatten in Form einer herunterkriechenden Schlange, der die exakte Bestimmung des Datums zuließ. Bizarre Darstellungen von Menschenherzen- verschlingenden Jaguaren, Ballspielplätze, auf denen der Lauf der Gestirne nachgespielt wurde und die unterlegene Mannschaft schließlich selbst zum Opfer wurde, erlauben einen Einblick in die für uns so unbegreifliche Kultur der Maya.

Eine Rundreise beschließen Sie am Besten in der Gegend von Cancun, dessen internationaler Flugplatz eine direkte Rückreise nach Europa ermöglicht. Die Cancun vorgelagerte Insel 'Isla Mujeres' wird von individuell Reisenden als ruhige und gemütliche Ferieninsel als Bade- und Schnorchelparadies dem Massentourismusort am Festland vorgezogen.

Tipps zur Sicherheit...
Allgemein hat sich die Sicherheitslage in jüngster Zeit durch die Anstrengungen der Behörden stark verbessert. Im Zentrum von Mexiko-City vermitteln mit kugelsicheren Westen ausgestattete Polizisten zumindest unter tags ein subjektives Sicherheitsgefühl. Auf der Hut sollte man aber besonders auf belebten Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln sein. Taschendiebe haben hier Hochsaison. Pass und Geld trägt man am Besten in einem Bauchgürtel unter der Kleidung und die Fotokamera sollte nicht lässig von der Schulter baumeln. In Mexiko-City empfiehlt es sich, nur registrierte Taxis zu benutzen, die mit Ihrem Hotel kooperieren. Die zu Tausenden frei zirkulierenden VW-Käfer-Taxis wirken zwar nostalgisch, gelten aber als Sicherheitsrisiko, da die Fahrer oft als Teil eines Duos Touristen in einer Seitenstraße absetzen, wo ein Kompagnon sie um ihre Wertsachen erleichtert.

... und zum Straßenverkehr
Das Zusammenleben unter Mexikaner ist weder durch das harte Faustrecht, noch von einer durchgreifenden Justiz, sondern von einem filigranen, bis ins Detail abgestimmten Netz ungeschriebener Verhaltensnormen geordnet. Diese wahrzunehmen, geschweige denn als Tourist zu erlernen ist schwierig bis unmöglich. Im Recht ist, wer in Mexiko selbstsicher und bestimmt auftritt bzw. gutes Verhandlungsgeschick beweist. Dies gilt beim Fragen nach dem richtigen Weg, beim Handeln am Markt und der Vereinbarung eines Zimmerpreises. Wer gut vorbereitet ist, sich allerlei praktische Informationen von Mitreisende besorgt hat und Preise ungefähr abschätzen kann, wird sich immer leichter tun. Da außerhalb der touristischen Zentren kaum Englisch verstanden wird, empfiehlt sich das Studium von Standardsätzen zur Alltagsbewältigung auf Spanisch. Ein einfaches: 'Hola, como esta?' -Hallo, wie geht's- bricht schnell mal das Eis und Sie vermeiden es, sofort als ungehobelter Gringo zu gelten.

Paradebeispiel für die Alltagsbewältigung mittels ungeschriebener Normen ist der Straßenverkehr. Vergessen Sie makellose Verkehrsschilder und Straßenverkehrsordnungen und freuen Sie sich auf ein gemütliches Teerflickwerk, auf dem die archaische Vernunft triumphiert. Im mexikanischen Straßenverkehr trifft man sicherlich auf zwei Verkehrsschilder: Obedezca las senales - Befolgen Sie die Signale - und No deje piedras sobre el pavimento - Lassen Sie keine Steine auf der Fahrbahn liegen (große Steinbrocken übernehmen in Mexiko die Funktion von Warndreiecken). Ansonsten gilt: Wer zuerst kommt, hat Vorrang; wer das größere Auto hat, ist wahrscheinlich stärker und hat wiederum Vorrang. Wer zögert und sich einschüchtern lässt, muss sich hinten anstellen. Wenn Sie diese Regeln einmal verinnerlicht haben, fahren Sie gut, denn sie werden mit größter Disziplin eingehalten. Wer also lieber mit einem Mietauto statt mit Bus und Flugzeug durch Mexiko reisen möchte, sollte keine Scheue zeigen, zumal die Ihnen entgegengebrachte Toleranzgrenze unweit höher als in Österreich liegt. Selbst wenn Sie den Motor mitten auf der Straße abgewürgt haben, mit Ihrem quergestelltem Wagen gerade eine Hauptverkehrsstraße blockieren oder mit einem companero im Auto auf der Gegenfahrbahn ein kurzes Schwätzchen abhalten, so ist dies noch lang kein Grund zum Hupen. Mexikaner warten geduldig, bis erledigt ist, was erledigt werden muss. Wem könnte das gleiche nicht auch passieren?

Autor: Bernhard Bouzek
Jahrgang 1968, Studium der Geschichte und Völkerkunde an der Uni Wien, Sponsion zum Magister 1992, Forschungsaufenthalte in Malawi und der Republik Südafrika, seit 1995 als Regionalbetreuer in der Außenstelle Ottakring/Hernals des Wiener Integrationsfonds tätig.

Dieser Artikel stammt nicht aus den Archiven der Salzburger Nachrichten, sondern wurde von einem Leser zur Veröffentlichung eingesandt. Wiewohl dieser Artikel vor seiner Veröffentlichung auf seinen Inhalt geprüft wurde, stellt er doch die Meinung des Autors/der Autorin dar und in keinster Weise die Meinung der Salzburger Nachrichten.

 

diese seite | 19.06.2002 | 14:51

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